Im Himmelszimmer und anderswo

Sebastian Gilli, 18. Jänner 2013, 18:25

Göttliches Spiel, menschliches Drama: John Banvilles neuer origineller Roman über Liebe, Sterben, Väter und Kinder

Wer glaubt, es gäbe keine Götter mehr, irrt: "Wir können der Versuchung nicht widerstehen, uns euch von Zeit zu Zeit zu offenbaren, sei es aus unserer unheilbaren Langeweile, sei es aus Lust am Schabernack, oder aus dieser unterschwelligen Nostalgie heraus, die wir für diese raue Welt, die wir ja selbst geschaffen haben, hegen."

Belustigt ist Hermes, der Götterbote, über uns Sterbliche, als existierten wir rein zu ihrer Unterhaltung. Hermes schweift also umher in der Morgendämmerung, mischt sich unter die Menschen, die sich eben aus dem Schlaf schälen - oder die Nacht wenig schlafen konnten, wie der junge Adam, der am Fenster seines Elternhauses steht, den etwas quält, der gar verzweifelt scheint, hier in Arden, dem einsam gelegenen Familiensitz der Godleys. Da gefällt's dem Gott, da wird sich's bald ordentlich abspielen. Freilich ist er nicht allein - Paps Zeus schaut ab und an vorbei. Quasi Reality-TV für Götter. John Banville, der herausragende irische Fabulierkünstler der Gegenwart, lässt in seinem originellen Roman Unendlichkeiten von höchsten Stellen erzählen. Sein wunderbarer Sinn für Groteskes, für waghalsig Übersinnliches wie abgründig Menschliches, stets mit einem zwinkernden Auge versehen, zeugt vom unbedingten kreativen Willen.

Das ist Lesespaß. Mit geschmeidiger Leichtigkeit balanciert der 1945 geborene Autor über der Menschen ewige Dramen um Liebe, Väter und deren Erzeugungen, Machtspiele. So komödiantisch und locker der Göttermonolog daherkommt, so traurig ist die Geschichte, deren Handlung übersichtlich gesteckt ist: Das Leben von Adam Godley senior geht zu Ende, selbstredend der biblische Stammvater. Er liegt nach einem Schlaganfall im Koma, aufgebahrt im Himmelszimmer, in einem "Zustand zwar bewusster, jedoch verschlossener Seelenruhe".

Der berühmte Mathematiker, der einst das Konzept der Unendlichkeit auf den Kopf stellte, verharrt nun zwischen Leben und Tod, in einer Art Zwischenstation; noch im menschlich Endlichen, bald im göttlich Ewigen! Für ihn hat Zeit keine Bedeutung mehr, er ist ein Zuschauer, und doch erfährt der Leser durch ihn seine Sicht der Dinge. Das ist erzähltechnisch witzig gelöst. Familie Godley findet sich um den Sterbenden ein; und am Ende dieses Tages, der sich über das ganze Buch dehnt - man beachte die klassisch-aristotelische Dramaeinheit von Zeit und Ort -, weiß niemand mehr so genau, ob der Vater nicht doch wieder ins Leben zurückkommt, ob nicht doch Hermes ...

Wer spricht eigentlich? Auch der allwissende Erzähler weiß nicht alles, das ist ebenso komisch wie geschmackige Küchen- oder innige Waldszenen in und um Arden, wo skurril-liebenswürdige Gestalten, familiär verbunden und doch einander fremd, das Leben bewältigen.

Wie im Shakespear'schen Forest of Arden aus Wie es euch gefällt durchforstet der Autor Verwicklungen, Hoffnungen und Maskeraden, die Wechselfälle des Lebens. Der größte Verwirrstifter neben dem ominösen Besucher Benny Grace ist der geile Zeus, der der schönen Helen einen, na ja, lustvollen Morgen bereitet. Sie ist die Schwiegertochter des sterbenden Adam, der immer scharf auf sie war. Die göttlichen Tricks und Liebesverirrungen aus Kleists Amphitryon, dem Banville ein Theaterstück widmete, lassen grüßen.

Banville, der bisher 14 Romane geschrieben hat und für seinen Roman The Sea 2005 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, gefällt sich darin, sein Gottestreiben mit der Weltliteratur zu verbinden. Für das Ausladende einerseits und das Unausgesprochene, Dazwischenliegende andererseits stehen Joyce und Beckett Pate.

Unter dem Pseudonym Benjamin Black schreibt Banville auch Kriminalromane. In Unendlichkeiten, wie auch in vorangegangenen Werken, geht es ihm weniger um das Erzählen einer großen Story. Die gerät zur Nebensache bei der fantasievollen und anschaulichen Zeichnung von Charakteren, dem Ausloten von Beziehungen und der Beschreibung körperlicher Eigenheiten mit Ekelalarm. Hermes, der gnädigerweise Menschensprache verwendet, gibt den Erdlingen den jeweiligen Sprachduktus, den Christa Schuenke feinfühlig übersetzt hat. Und dann ist da noch Rex, der Hund, der viel mehr sieht, als alle denken. (Sebastian Gilli, Album, DER STANDARD, 19./20.1.2013)

John Banville, "Unendlichkeiten". Aus dem Englischen von Christa Schuenke.
€ 20,60 / 320 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012

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