Marlene Streeruwitz: Was lässt sich aus der Heeresdebatte lernen?

18. Jänner 2013, 17:42
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Die Debatte um die Wehrpflicht zeigt sehr deutlich, dass über Geschlechterpolitik in Österreich nicht geredet werden kann

Ein Beitrag zum Volksbegehren.

Den jungen Männern beim Heer. Denen soll es auch schlecht gehen. Die sollen auch einmal ihre Pflicht erfüllen. Die sollen auch einmal sehen, wie das ist. Gehorchen. Dienen.

Politik ist immer Geschlechterpolitik. Nie war das offenkundiger als bei der Debatte um die Wehrpflicht. Nie war es offenkundiger, dass über Geschlechterpolitik nicht geredet werden kann. Wenn in Diskussionen die Fragen danach dann doch gestellt werden. Wie sollen junge Männer nun leben, und was soll das für sie und die Gesellschaft bedeuten, dann: Bei der Pressestunde am Sonntag zeigte die Innenministerin es exemplarisch. Auf die Frage, was der Erziehungsfaktor der Wehrpflicht sein soll und ob die jungen Männer beim Bundesheer nachlernen sollten, wie ein Zimmer gekehrt oder ein Kasten in Ordnung gehalten wird. Da beugte sie sich vor. Zog die Schultern hoch. Hielt ihr Gesicht knapp über dem Tisch. Sehr angespannt. Dann sagte sie doch brav ihr Partei-Gstanzl auf. Aber. Ihr Unbehagen blieb sichtbar. Das Unbehagen kommt natürlich daher, dass genau das gedacht wird. Dass die. Die. Das sind dann die jungen Männer, die "es" auch lernen müssen. Und. Die Zurichtung von "denen" wird in Beispielen des Häuslichen gedacht. Für einen österreichischen Jungwehrdiener wird eine Phase der Erniedrigung und Zurichtung in Häuslichkeiten gedacht. Darin aber wird der zurichtenden Autorität jede Macht über den so Auszubildenden erteilt. "Der soll es auch einmal lernen", heißt es dann, und die Canetti'sche Stacheltheorie muss zur Anwendung kommen. Die Generationen aus den gewalttätigen Zeiten des 20. Jahrhunderts haben ihre Ängste in sadistischen Reaktionen verschoben kulturell vererben können.

Wieder einmal maskieren konservative Wünsche reaktionäres Begehren. Den jungen Männern beim Heer. Denen soll es auch schlecht gehen. Die sollen auch einmal ihre Pflicht erfüllen. Die sollen auch einmal sehen, wie das ist. Gehorchen. Dienen.

Diese Formulierungen wurden das letzte Mal noch gegen die Frauenbewegung angewandt, als es hieß, die Frauen sollten dann halt auch einmal sehen, wie das ist, wenn man das Geld verdienen muss. Nun ist es die Gruppe der Jungmänner, die auf diese Weise zur Gruppe gemacht werden. In dieser Gruppe aber können sie weggedacht werden. Sie sollen verschwinden. Dafür gibt es die zwei Formulierungen in der Volksbefragung. Während im ersten Vorschlag neue Männer eingeführt werden sollen, um diese Jungmänner zu ersetzen. Der Bundeskanzler ergänzt das mit dem Ausruf "Dann haben wir endlich Profis". Da kauft man sich vom Geschlecht "junger Mann" frei. Die Körper, die in einer solchen Lösung zum Einsatz kämen, wären dann durch Bezahlung definiert und nicht durch ihr natürliches Geschlecht und dieses heute so wichtige Attribut der Staatszugehörigkeit. Neoliberale Prostitution ist das und von alters her die Definition von Söldnern. Abgesehen davon. Ein Unternehmen. - Und Verwirtschaftlichung stellt Unternehmen her. - Ein Unternehmen, das das Produkt Sicherheit verkaufen muss, um zu den entsprechenden Budgetmitteln zu kommen. Dieses Unternehmen muss Situationen herstellen, in denen dieses Produkt sich bewähren kann. Nun gibt es jetzt schon Personen, die sich Gedanken machen, was es bedeutet, dass es für diesen Riesenapparat an Polizei nicht genug Schwerverbrechen gibt. Der Vergleich mit dem brandstiftenden Feuerwehrmann fällt einer dann schon einmal ein. Wie soll das Berufsheer seine Kompetenz beweisen können. Oder würden wir dann auch ein paar Burschen nach Mali schicken. Oder in andere gerecht genannte Konflikte. Endlich richtige Männer also, die in Kampfanzügen trainierte Brutalität ausstrahlen, und nicht so Burscherln, die eifrig am Nationalfeiertag das Gerät vorführen.

Im zweiten Vorschlag soll es so weitergehen wie bisher. Der Jungmann soll in die Erziehungsverlängerung. Entweder lernt er aufräumen und schießen oder Bahren tragen und zu den in Rettungswägen von Zivildienern transportierten alten Personen freundlich sein, ohne irgendetwas ändern oder beitragen zu können. Das ist dann das wichtigste Merkmal dieser Erziehungsverlängerungszeit. Lernen, in der Hierarchie ungelernt zu funktionieren. Gehorsam. Ertragen. Die Hoffnung, dass so behandelte Personen die Demokratie erhalten helfen können. Diese Hoffnung ist wie alle Hoffnung und umsonst. Es wäre dann eher die hilflose Unfähigkeit einer solchen Konstruktion, die gegen die Politik stillhielte.

Eine Politik, die junge Personen in den Lebensarbeitsdurchrechnungszeitraum einsperrt und damit jede Identitätspolitik unterlaufen hat. Eine Politik, die eine Identitätsdebatte vom Zaun bricht, sie aber dann nicht führt. Eine solche Politik ist zerstörerisch und jedem Lebensglück abträglich. Eine junge Person sollte ja Pensionszeiten anhäufen. Halbe Jahre, in denen sinnlos vor sich hingetan werden muss, in denen nichts anderes übrig bleibt, als es auszuhalten. Solche halben Jahre müssen als Bestrafung dafür angesehen werden, ein junger Mann zu sein. Gut, es winkt die Teilnahme an hegemonialen Eliten, wenn alles gut überstanden ist. Ja, diese Anpassung mag sogar eine Vorleistung für diese Elitenzugehörigkeit sein. Aber Zurichtung bleibt es und wurde so erlebt und hat die Folgen, die Zurichtung eben hat. Die erfahrene Gewalt muss bewältigt werden. Veteranenmentalität oder Männermelancholie. Das sind Hindernisse in der Entwicklung zu einer freien und politisch denken könnenden Person.

Aus der Debatte um das Bundesheer können wir schließen, dass Österreich offenkundig am Ende der Nachkriegszeit angekommen ist. Alle Institutionen, die zur Umerziehung und zur Stützung des Demokratischen eingesetzt wurden. Alle diese Institutionen wie das Heer, die Neutralität, der ORF und in gewisser Weise auch alle durch CIA-Lizenzen gegründeten Zeitungen. Sie alle sind am Ende. Spätestens seit der neoliberalen Globalisierung der letzten 15 Jahre ist Österreich in einer demokratischen Vorstellung von sich selbst gefestigt. Der Zeitpunkt wäre also richtig, die Frage nach dem glücklichen Leben und der Politik nach der Umerziehung zu stellen.

Was aber geschieht. Es wird - von allen Seiten - eine Debatte mit geborgten Sprachen geführt. Die geborgten Sprachen kommen aus einer Sauce aus internationaler Unterhaltungsindustrie und ihren Filmbildern von Militär und Nationalität und einem von Vernichtungsängsten gehetzten Talk der Verwirtschaftlichung. Aus diesen Sprachen wird eine Vorstellung von Volk und Volkskörper konstruiert. Eine solche Vorstellung gab es in Österreich nie. Erinnern wir uns. Unter der Bezeichnung Österreich wurde keine Schlacht gefochten. Kaiserlich und königlich hieß das. Der Austrofaschismus hatte das Militär nicht in der Hand. Und dann hieß alles schon Deutsche Wehrmacht. Ein österreichisches Volk, das sich in die Wehrhaftigkeit eines Volkskörpers auflöst, das gab es so nicht, und warum sollte das entstehen. Oder herbeidiskutiert werden.

Die Politik einer Nichteinmischung und Selbstbeschränkung kann ihre Sicherheitsfragen auch bedenken. Dazu braucht es keiner Riesenszenarien, bei denen man dabei sein muss. Was es aber braucht, ist demokratische Durchschaubarkeit. Das wiederum bedeutet, dass Geschlechterpolitik offen besprochen werden muss. Staatspolitische Notwendigkeiten anzurufen. Das erzählt von den Synonymen Großmannssucht und Unsicherheit.

Und. Es gibt Gewalt. Es gibt junge Männer. Und es gibt die Frage, wie junge Männer ihre Identität mit den Autoritäten verhandeln müssen. Wie wir das aus den Frauenleben kennen. Die gelebte Erfahrung wird unterdrückt und schematische Sichtweisen als die eigentliche Wahrheit an deren Stelle gesetzt. Lügen also. Die gelebte Erfahrung wird so als der eigentliche politische Raum von der Politik privatisiert. Genau das macht diese Bundesheerdebatte mit der Erfahrung, ein junger Mann zu sein und zum Bundesheer oder zum Zivildienst gehen zu müssen. Die Debattenführung verhindert durch eine vorgetäuschte Staatsmännischheit in Sicherheit und Wirtschaftlichkeit das Sprechen über die mit dem Bundesheer gemeinten Lebensläufe. Die Überlegung von sinnvollen Lösungen kann nicht aufkommen. "Das ist hier nicht interessant", sagt dann Frau Thurnher und lehnt sich im Staatsmännischen zurück.

Was aus dieser Debatte zu lernen ist. Es ist jederzeit möglich, Personen in Gruppen hineinzudenken und in diesem Denken schon zu hierarchisieren. Der Vorgang geht in jede Richtung. Promis werden zu einer privilegierten Gruppe gedacht. Frauen werden überhöht und heruntergemacht. Hier sind die jungen Männer an der Reihe. Ihnen wird in diesen Staatsmännischheiten der Debatte ihre Zeit genommen, die sie beim Bundesheer oder Zivildienst verbracht haben oder verbringen. Es gibt sie nur als junge Männer davor oder danach. Ihnen wird ein Leerraum zugewiesen. Mit allen symbolischen Folgen. Und nie wird das einschließende Argument gedacht, was könnten junge Personen beitragen und selbst einen Gewinn daraus haben.

Die Debatte. Sie ist - wieder von allen Seiten - kulturell christlich und sieht den jungen Mann als zu opferndes Opfer an. Das ist peinlich. Und alles daran abzulehnen. (Marlene Streeruwitz, Album, DER STANDARD, 19./20.1.2013)

Marlene Streeruwitz, geboren in Baden bei Wien, ist österreichische Schriftstellerin und Regisseurin. Sie studierte Slawistik und Kunstgeschichte, war freie Texterin und Journalistin. Literarische Veröffentlichungen ab 1986. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Die Schmerzmacherin" (Verlag S. Fischer, 2011). Sie lebt in Wien, Berlin, London und New York.

  • Streeruwitz über den Präsenzdienst: "Halbe Jahre, in denen sinnlos vor sich 
hingetan werden muss, in denen nichts anderes übrig bleibt, als es auszuhalten. 
Solche halben Jahre müssen als Bestrafung dafür angesehen werden, ein junger 
Mann zu sein."
    foto: apa/hochmuth

    Streeruwitz über den Präsenzdienst: "Halbe Jahre, in denen sinnlos vor sich hingetan werden muss, in denen nichts anderes übrig bleibt, als es auszuhalten. Solche halben Jahre müssen als Bestrafung dafür angesehen werden, ein junger Mann zu sein."

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