Kleine Strichmännchen zeigen große Gefühle

Ansichtssache18. Jänner 2013, 18:49
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Direkt und für alle verständlich: Das Berliner Künstlerinnenkollektiv Migrantas hat eine eigene Bildsprache für die Ängste und Sorgen unserer Gesellschaft entwickelt.

Eine Frau steht auf der Erdkugel, ein Bein auf einem Erdteil, das andere auf einem anderen, auch ihr Herz ist zerrissen. Manchmal lassen sich die Welt und auch Weltschmerz mit ein paar Strichen erklären. Jeder, der nicht in seiner Heimat lebt, kann diese Gefühle nachvollziehen.

Es braucht keine langen Erklärungen, Ängste und Sorgen werden dem Betrachter direkt mitgeteilt. Auch dies ist ein Beitrag für ein Mehr an Demokratie: Alle verstehen sofort, was gemeint ist.

Die Argentinierinnen Marula Di Como (49) und Florencia Young (47) haben einander ebenfalls gleich ohne Worte verstanden. Vor zehn Jahren - damals noch bei einem Studienaufenthalt im spanischen Barcelona - beschäftigte sich Di Como mit den Ängsten von Migrantinnen und brachte diese als Zeichnungen zu Papier.

Marula Di Como (links) und Florencia Young vom Kollektiv Migrantas mit einem ihrer "Kinder". Darunter steht: "hier?" Foto: Birgit Baumann

"Ich habe das gesehen und 'Was sie da zeichnet, ist genau das, was ich fühle' gedacht", erinnert sich Young. Ohne Umschweife, auf das Wesentliche beschränkt. Grafikerin Young bringt ihre Ideen ein und entwickelt mit Di Como fortan eine Reihe von Piktogrammen.

Diese bleiben weder im Zeichenblock noch im Computer stecken, sondern finden ihren Weg in die Öffentlichkeit auf Plakaten. Eines der Erstlingswerke zeigt eine Frau, die dem Betrachter des Piktogramms ihr Herz zu schenken scheint. Obwohl minimalistisch dargestellt, wirkt sie offen und freundlich.

Doch unter der Zeichnung stehen die Worte "aunque apestes": "Und trotzdem stinkst du". Das Echo war enorm. "Wir haben so viele E-Mails bekommen, in denen uns Menschen schilderten, was es für sie heißt, Ausländer zu sein, welche Schwierigkeiten sie haben, weil sie ausgegrenzt werden", erklärt Di Como.

Ängste der Gesellschaft

Aber auch Menschen, die keinen Migrationshintergrund haben, fühlten sich angesprochen und meldeten sich bei den beiden. Ausgeschlossen zu sein - aus der Familie, von demokratischer Teilhabe, von der Gesellschaft, das ist kein Problem, das sich allein auf Migrantinnen beschränkt.

"Später in Deutschland haben wir gemerkt, dass auch die Deutschen unsere Piktogramme als Weg sehen, ihre Ängste in der Gesellschaft so auszudrücken, dass die auch verstanden werden", sagt Young. 2002 kamen sie und Di Como nach Berlin und fanden dort zu einer ganz eigenen Form, um vor allem Frauen Ausdrucksmöglichkeiten zu verschaffen.

In Workshops sitzen die Migrantas mit den Teilnehmerinnen zusammen und sprechen über deren Sorgen: Gehöre ich zur Gesellschaft dazu? Wird mein Kind dazugehören? Kann ich mich verständlich machen? "Oft wird die Büchse der Pandora geöffnet, und wir erfahren sehr persönliche Geschichten", beschreibt Young die erste Stufe des Prozesses.

Der Kopf ist rund

Im zweiten Schritt zeichnen die Frauen gemeinsam, wobei Di Como und Young ihnen keine Ratschläge geben. Alles soll frei herausdürfen. Klar ist nur, dass der Kopf rund und der Körper ein Dreieck ist. Über allem schwebt die Frage: Was wollen die Frauen der Gesellschaft auf sehr direktem Weg mitteilen?

Young und Di Como verstehen sich dabei aber nicht als Therapeutinnen, sondern als Mittlerinnen - sie ermöglichen, dass die Mitteilungen an die Öffentlichkeit kommen. Denn nach der Zeichenrunde verbleiben die Skizzen bei den Migrantas. Zu deren Kollektiv in Berlin zählen auch noch eine Soziologin, eine Journalistin und eine Stadtplanerin.

Sie sorgen dafür, dass aus den Zeichnungen Piktogramme entstehen und diese als Plakate im öffentlichen Raum sichtbar gezeigt werden. Dies ist bei allen Projekten der Migrantas Bedingung.

In Wien allerdings machen sie eine Ausnahme. Dort wird ihre Arbeit im Künstlerhaus im Rahmen der Ausstellung Zeit(lose) Zeichen - Gegenwartskunst in Referenz zu Otto Neurath vorgestellt. Der 1882 in Wien geborene Philosoph und Sozialökonom gilt als "Vater" des Piktogramms, der Bildstatistik und urbaner Leitsysteme. Sein Credo: Der Bürger soll in der Lage sein, uneingeschränkt Informationen über alle Gegenstände zu erhalten, die ihn interessieren. Für Young ist es eine " große Ehre", bei der Ausstellung dabei zu sein. Neurath bewundert sie seit langem: "Er war ein Visionär." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 19./20.1.2013)

Vortrag Migrantas am 24. Jänner
www.migrantas.org
www.k-haus.at

 

 

 

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grafik: www.migrantas.org

Die Piktogramme, die auch diese STANDARD-Schwerpunktausgabe illustrieren, sind hier in einer Ansichtssache zu sehen.

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