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"Politische Bildung ist eine wichtige Voraussetzung für direkte Demokratie", sagt Gertraud Diendorfer, Leiterin des Demokratiezentrums Wien.

STANDARD-Schwerpunktausgabe
Direkte Demokratie
Gudrun Ostermann im Gespräch mit Gertraud Diendorfer (Demokratiezentrum Wien).
STANDARD: Die Grundvoraussetzung für direkte Demokratie ist die Partizipation. Wie schaut es damit in Österreich aus? Wer nimmt teil?
Diendorfer: Die direkte Demokratie ist in Österreich noch nicht sehr ausgeprägt. Im Grunde geht es dabei darum, dass sich möglichst viele beteiligen und so u. a. die Distanz zur bestehenden Politik abgebaut wird. Einen guten Befund liefert eine aktuelle Studie, der nach sich 80 Prozent der Österreicher mehr Elemente der direkten Demokratie wünschen. Bildung ist für das Interesse an Partizipation aber entscheidend. Bildungsfernere Schichten beteiligen sich tendenziell weniger.
STANDARD: Politische Bildung ist für die aktive Teilhabe unumgänglich. Wie ist es allgemein um die politische Bildung in Österreich bestellt?
Diendorfer: In den letzten Jahren gab es einige "windows of opportunities" für politische Bildung - zum Beispiel im Zuge der Senkung des Wahlalters. Seit 1978 war politische Bildung nur eines von insgesamt 13 Unterrichtsprinzipien. Und eigentlich 30 Jahre zahnlos, weil es keine richtige Ausbildung für diese Unterrichtsprinzipien gab. Politische Bildung hing sehr stark vom Ermessen des Lehrers ab. Für die Oberstufe wurde dann 2002 politische Bildung ins Fach Geschichte integriert. Mit der Senkung des Wahlalters 2008 und der darauf folgenden Demokratieinitiative steht politische Bildung nun auch am Lehrplan aller 10-bis 14-jährigen Pflichtschüler. Was ein wichtiger Schritt ist, auch weil mit politischer Bildung früh begonnen werden muss. Aber anders als in anderen europäischen Ländern ist in Österreich politische Bildung mit dem Fach Geschichte kombiniert worden.
STANDARD: Wie werden Lehrer für den Bereich politische Bildung ausgebildet?
Diendorfer: Da gäbe es noch einiges zu tun. Politische Bildung muss stärker in die Lehrerausbildung integriert werden. Wie gesagt, es ist einiges geschehen, aber die Implementierung hätte stärker und intensiver geführt werden können. So gab es beispielsweise eine eigene Professur für Fachdidaktik und politische Bildung, aber nur für zwei Jahre. Geplant war, dass diese Professur zwei Jahre lang vom Wissenschaftsministerium finanziert wird und dann die Universität Wien für eine dauerhafte Einrichtung sorgen würde. Die Professur wurde aber nicht weiterbesetzt, dabei waren ursprünglich mehrere Professuren geplant. Eine weitere Professionalisierung der politischen Bildung wäre aber wünschenswert.
STANDARD: Abseits der politischen Bildung im Schulunterricht - welchen Stellenwert hat politische Bildung im Bereich der Erwachsenenbildung?
Diendorfer: Auch im außerschulischen Bereich gibt es viele Facheinrichtung - wie auch das Demokratiezentrum -, die für Erwachsene viele Angebote bereitstellen, Lehrenden Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen und vielfältige Informationen anbieten. Hier passiert sehr viel. Bei all den Diskussionen zur direkten Demokratie geht es ja darum, dass die Zivilgesellschaft gestärkt wird, darum, dass sich mehr Menschen aktiv in den politischen Prozess einbringen können und Beteiligungsmöglichkeiten vorfinden. Das wiederum hat dann auch Auswirkungen auf die Bedeutung der politischen Bildung im Schulsystem. Aber auch im außerschulischen Bereich ist es eine Ressourcenfrage. Und nicht nur ich würde mir eine ähnliche Dotierung für unabhängige politische Bildungseinrichtungen wünschen, wie sie derzeit die Bildungsakademien der Parteien erhalten.
STANDARD: Wo sehen Sie bei der politischen Bildung noch Verbesserungsbedarf?
Diendorfer: Auf theoretisch-didaktischer Ebene tut sich im Bereich der politischen Bildung bereits sehr viel. Die Schulen beginnen umzudenken und finden langsam zu einer Didaktik der Heterogenität. Eine wichtige Aufgabe der politischen Bildung ist es ja, über die demokratischen Möglichkeiten, die jeder Einzelne hat, zu informieren. Diese Aufgabe erfüllt politische Bildung auch, sofern man sie lässt. Aber dafür muss politische Bildung sowohl schulisch als auch außerschulisch gestärkt werde. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, 19./20.1.2013)
Gertraud Diendorfer leitet das Demokratiezentrum Wien.
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