Alte Kommandeure müssen einpacken

Interview18. Jänner 2013, 09:56
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Mehr Eigenverantwortung, flüssige Grenzen zwischen Job & Privat: Totale Vereinnahmung oder Humanisierung der Arbeitswelt durch die Hintertür? Leadership-Experten Jan Krims von Deloitte

STANDARD: Unternehmensorganisation und Unternehmenssteuerung ändert sich grundlegend ...

Krims: Ja, weg vom Kommandosystem hin zur indirekten Steuerung: Unternehmen definieren heute die Rahmenbedingungen des Arbeitens so, dass Mitarbeiter eigenverantwortlich zur Erreichung der Unternehmensziele beitragen sollen - und das oft auch wollen. Dahinter steckt nicht das Bestreben, Partizipation oder Autonomie per se zu ermöglichen, sondern schlicht und einfach die Erkenntnis, dass diese Form der Unternehmenssteuerung wesentlich effektiver ist und die Agilität des Unternehmens erhöht. Nichtsdestotrotz führt das im Ergebnis in vielen Fällen zu mehr Selbstständigkeit und Mitgestaltungsmöglichkeiten aufseiten der Beschäftigten.

STANDARD: So weit die ideale Welt ...

Krims: Nein, das stimmt nicht. Manche Unternehmen agieren in diesem Kontext schon sehr professionell. Andere stehen am Anfang, nicht alle Branchen sind gleich weit. Diese Entwicklung ist ein langfristiger, schrittweiser Prozess. Sehr oft wird die Entwicklung gar nicht bewusst wahrgenommen, manchmal gibt es wie bei einer Pendelbewegung auch wieder gegenläufige Entwicklungen. Tatsache ist aber auf jeden Fall, dass diese Veränderung kontinuierlich stattfindet und dadurch klassische Koordinaten der Unternehmensorganisation, zum Beispiel die Hierarchie, die Kontrolle und der Austausch von Geld gegen Zeit, im Rahmen des Arbeitsverhältnisses ins Wanken geraten. Dazu gehört auch die Trennung von Arbeits- und Privatleben.

STANDARD: Das bringt die Mitarbeiter aber ordentlich unter Druck ...

Krims: Ja, das führt häufig zu deutlich mehr Leistungsdruck, zu steigenden Anforderungen an die Selbstorganisation, zu einem höheren individuellen Risiko. Unternehmerische Anforderungen wie Kundenorientierung, Ergebnisverantwortung und Input-Output-Steuerung, mit denen früher nur eine kleine Zahl exponierter Fach- und Führungskräfte beschäftigt waren, fallen heute in den Arbeitsalltag vieler Mitarbeiter. Das eröffnet andererseits auch mehr Entwicklungschancen, mehr Partizipation und auch mehr Chance auf Selbstverwirklichung.

STANDARD: Im Gesamtzusammenhang bedeutet das aber eine viel größere Vereinnahmung der Mitarbeiter ...

Krims: Dass die Trennung von Arbeitskraft und Person aufgehoben wird, die Subjektivität der Mitarbeiter entscheidend ist für Problemlösungen und Kommunikation, dass Kreativität und Eigeninitiative keine Störfaktoren mehr sind, sondern Erfolgsfaktor - das kann man kritisch als vollständige Vereinnahmung betrachten. Aber auch positiv als Humanisierung der Arbeitswelt quasi durch die Hintertüre. Beides hat wohl seine Richtigkeit.

STANDARD: Was ist da der Kern eines neuen Führungsverständnisses?

Krims: Die Loslösung von formeller Funktion und Autorität und ein grundlegend neues Führungsverständnis, orientiert an der zentralen Aufgabe des Ermöglichens. Die Anforderungen an alle sind deutlich höher.

STANDARD: Entsteht da gerade ein neuer "Kontrakt"?

Krims: Im Moment lässt sich in vielen Unternehmen ein massiver Widerspruch zwischen neuen Anforderungen an Mitarbeiter und Führungskräfte und einem nach wie vor sehr traditionellen Verständnis von Führung beobachten. Eigenverantwortung einzufordern ist schnell formuliert. Aber: Auch eine Vertrauenskultur, Subjektivierung, tatsächliche Möglichkeit zur Mitgestaltung zu etablieren ist viel schwieriger. Das ist eine der wesentlichen Führungsherausforderungen. (Karin Bauer, DER STANDARD, 19./20.1.2013)

Jan Krims ist Senior Manager bei Deloitte Human Capital in Wien.

  • Unternehmenorganisation entwickelt sich immer mehr in Richtung indirekte Steuerung, also mehr Eigenverantwortung der Mitarbeiter, so Jan Krims.
    foto: deloitte

    Unternehmenorganisation entwickelt sich immer mehr in Richtung indirekte Steuerung, also mehr Eigenverantwortung der Mitarbeiter, so Jan Krims.

  • STANDARD-Schwerpunktausgabe Direkte Demokratie
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