Die Entschädigung

Blog17. Jänner 2013, 22:54
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War die Wildcard-Runde noch eine matte Angelegenheit, setzte das Divisional Playoff der NFL neue Maßstäbe statistischer und emotionaler Herkunft

Diesen Montag werden wohl einige mit einer Zungenzerrung in der Arbeit erschienen sein, so oft hat man sie am Wochenende schnalzen lassen können. Drei Spiele mit Klassik-Charakter und ein herrlich schön gelangweilter Absacker Made in New England zum Einschlafen. Die Confernce Finals haben ein Problem, denn viel besser geht's nicht. Oder etwa doch?

Gute Nacht, Houston

Der lang gezogene Gute-Nacht-Tee wurde von Bill Belichick und den New England Patriots überreicht und war so stark, dass das an sich schon immer leicht sediert wirkende Houston zärtlich dahin schied. An der Grenze zwischen Schlafwandel und der Sorge, im Halbschlaf den Bus ja nicht zu versäumen, der doch irgendwann dann kommen sollte, agierten die Texans genau so, wie die Patriots das wollten: Schön bedächtig. Eines nach dem anderen. First Things First. Zuerst verlieren wir, dann erst fahren wir wieder nach Hause.

Mancher meint, die Texans-Offense sei dafür ja gar nicht gebaut (nicht nicht sich selbst einzulullen?). Wofür eigentlich sind sie dann gebaut? Für ein Divisional Playoff gegen New England allenfalls nicht. Righty Right. Denn was da hätte passieren müssen, damit Houston gewinnt, das wäre ein kleines Wunder von einem frühen Vorsprung mehrerer Scores gewesen. Wohin es gehen würde, zeigte aber schon der Kickoff auf. Ein Return über 94 Yards von Danieal Manning an die New England 12 wurde mit drei Punkten abgeschlossen. Womit man äußerlich sogar zufrieden schien, dabei war das schon die Verzichtserklärung zugunsten der Gastgeber.

New England nahm das und auch die folgenden Stops zu Beginn des Spiels durch die Houston Defense, herrlich zelebriert von Kraftlackel J. J. Watt, gelassen zur Kenntnis, offensichtlich wissend, dass die Zeit am Ende auf ihrer Seite sein wird. Und so kam es dann auch. Ein Rushing und zwei Receiving-Touchdowns von Shane Vereen, einer von Stevan Ridley und ein vierter von Brandon Lloyd, dazu ein fehlerloser Tom Brady und Houston war raus. Dass sie im vierten Quarter 15 unbeantwortete Punkte aufs Board brachten, sorgte vielleicht noch im Süden Texas für ein aufgewecktes "Aha!", das Team selbst blieb aber dann im Gemütlichkeitstrab, der geradewegs in die Off-Season führte. Live slow, die old. Von mir aus.

Gronklos glücklich

Wie austauschbar die Spielfiguren von Belichick sind, zeigte der frühe Ausfall von Tight End Rob Gronkowski. Dass die offensive Primärwaffe der Patriots fehlte (und die Saison mit einem Armbruch beendet hat), das half Houston gar nicht. Fehlt er, dann ist plötzlich ein Vereen da. Der Star bei New England ist aber immer das Team und sein Konzept. Was Joe Montana egal sein wird, denn er musste einen Rekord an Tom Brady abgeben. 17 Siege in einem Playoff-Spiel - kein anderer hat mehr. Sollte Brady ein aktives Favre-Alter erreichen, dann muss auch Brett um seine Rekorde bangen. Allerdings nur um die guten, die faulen Spitzenpositionen, die er ebenso eifrig bis ins hohe Alter gesammelt hat, die werden in seinem Besitz bleiben. Aber vielleicht gewinnen die Patriots heuer die Chose ja und Herr Brady lässt Ruhestand vor Recht ergehen.

Falco ...

NE-HOU war das langweiligste Spiel am Wochenende, wäre eine Woche zuvor aber noch das Top-Spiel der Runde gewesen, weil es schon auch beeindruckend ist, den Patriots beim Ausrücken zum Planquadrat gegen zu langsam fahrende Südstaatler zuzusehen.

Seinen Anspruch auf den "Gähn-Pokal" der Woche verlor das erste Sonntagsspiel zwischen Atlanta und Seattle in der zweiten Halbzeit. Die Falcons dominierten die ersten beiden Viertel. Tony Gonzales (in seinem 16. Jahr der erste Playoffsieg - ich freu' mich!) und Roddy White fingen Touchdown-Pässe von Matt Ryan, zwei Drives schloss Matt Bryant mit Fiedgoals zum 20:0-Pausenstand ab. Es wird kein weiteres 1 & Done mehr geben - das versuchte zumindest das Team von Head Coach Mike Smith unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen.

Der selbst auferlegte Druck, doch wieder einmal ein Playoff-Spiel zu gewinnen, wurde dann fast noch zu groß. Seattle, welches sich in den ersten beiden Vierteln zum erheblichen Teil aufs Zusehen konzentrieren musste und eine gute Chance, mit einem Score noch in die Pause zu gehen ausließ, hielt das dritte Viertel offen und stellte im Schlussabschnitt das dann klar bessere Kollektiv. Russell Wilson, Zach Miller und Marshawn Lynch drehten eine verloren geglaubte Partie auf 28:27. Atlanta bekam den Ball an der eigenen 28 und mit 31 Sekunden noch auf der Uhr.

Seien wir uns da mal ehrlich: Wer glaubte, dass Ryan, in der Fugazi-Situation, gegen diese Secondary, zwei Pässe für 53 Yards anbringt, um Bryant die Gelegenheit zu geben, mit einem 49er-Yarder das Spiel nach Hause zu kicken? Ich nicht, und ich glaube auch nicht, dass sie das ein zweites Mal auf die Reihe bekommen würden. Aber vielleicht ist durch diesen, am Ende doch sehr glücklichen Sieg ein Schalter in den Köpfen der Falcons gefallen, und die können nun zeigen, was tatsächlich in ihnen steckt und Zweifler überzeugen. Ich würde mich auch für den von der Schreibgöttin abgeschmusten Marko Markovic freuen und klammheimlich habe ich zur Sicherheit den Falcons-Anorak aus dem Kasten geholt, welcher im Abverkauf damals halt so günstig war. Ich mag ja Rot. Als Farbe. 30 Dollar - so viel ist mir das Glory hunten dann schon wert.

... und Flacco

Dann kriechen wir halt etwas kleinlaut zu Kreuze. Joe Flacco - wunderbar. Es spräche viel für Denver und gegen Baltimore, entfuhr es mir hier vor einer Woche. Und dann kam „Big Play Joe". Okay, um das zu relativieren kann man festhalten, dass die Ravens sehr stark von diesen Big Plays abhängig waren und ihre Offense davon abgesehen nicht so überragend war, aber sie machten diese Plays eben. Flacco machte das, was man von Peyton Manning erwartet hätte. Ich bin, ganz ehrlich, erstaunt. Dass er bei bei 3rd & 3 an der eigenen 30 einen, sein Team rettenden, Touchdown werfen kann, das habe ich ihm so nicht zugetraut. Offenbar tat das auch die Denver Secondary nicht, da ja alle wussten was kommt, die Herren Rahim Moore und Tony Carter standen aber trotzdem weit neben dem Geschehen, als Jacoby Jones jenen Pass fing, der die Ravens am Leben hielt. Die Musik spielte überhaupt sehr oft dort, wo Denver grad nicht war. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass Flacco Denvers Passverteidigung in diesem Spiel düpierte, zuvor schon hatte Torrey Smith zwei Mal viel Spaß mit dem zu langsamen Champ Bailey, der den Zenit seines Schaffens wohl längst überschritten hat.

Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass Denver das ganze Spiel hindurch von zwei fabelhaften Returns des bis dahin weitgehend unbekannten Trindon Holliday lebte, dann muss man den Sieg unterm Strich als hochverdient bewerten und mit dem Ausgang zufrieden sein, denn das bessere Team hat gewonnen.

Als neutraler Beobachter, der ich zugegeben nicht war (dafür war mir die Manning-Story zu heilig), konnte man Samstagabend nur mehr Staunen. Trotz vernünftiger Defense-Leistungen brachten es die beiden Teams auf fast 900 Yards Offense, was wie gesagt den Big Plays zu schulden ist, dazu diese Returns, dieser entfesselte Ravens Quarterback und die Double Overtime, die dann, fast schon zu banal, Justin Tucker mit einem 47-Yards Fieldgoal für Baltimore entschied. Davor war aber Corey Graham mit einer Heldentat in Form seiner zweiten Interception an Manning zur Stelle. Es war der erste Pick von Manning seit er in Denver ist, den er außerhalb der Pocket (30 Versuche) warf. Ganz großes Kino. Der Ravens halt.

Lauf, Colin, lauf

Samstagnacht lief sich dann 49ers-Quarterback Colin Kaepernick in die Geschichtsbücher der National Football League. 181 Yards Rushing - Rekord für einen Spielmacher in einem Playoff-Spiel. Hätte das Spektakel davor nicht stattgefunden, auch das Spiel wäre jederzeit als "Always To Remember" durchgegangen. Die Defense-Hochburg San Francsico erzielte mit der Offense 579 Total Yards (!), davon 323 (!!) am Boden, da auch Frank Gore am Green Bay Rush-Defense-Schnürchen wie wild zog.

Wunderbar anzusehen, dass sich die Packers ja redlich bemühten, mit den entfesselten 49ers Schritt zu halten, aber auf dem Level und der Zeit des Jahres dann doch zu durchschnittlich agierten. Das hätte wohl in vielen Fällen gelangt - an dem Tag, gegen dieses Team, war das einfach zu wenig. Die Fans der 49ers in meinem persönlichen Umfeld sind auf einmal ganz still geworden. Jahrelang sprachen sie von einem Comeback und von einer Super Bowl. Jetzt, wo die Chance auf einmal richtig groß scheint, verharren sie in Schockstarre. Sind wir wirklich schon so weit? Auch das liebe ich an dem Sport. Die Fankultur und die Emotionen, die sich manchmal auch in Sprachlosigkeit manifestieren. You gotta love it. Wir mögen wirklich einen schönen Sport und die Menschen um uns, die sind mehrheitlich einfach leiwand.

Wer gewinnt?

Wenn Sie, wie es bei mir der Fall war, irgendwann gefragt werden, ob sie nicht im Fernsehen Sportveranstaltungen kommentieren wollen, dann stellen sich, außer sie sind John Madden oder Rainer Pariasek, Fragen. Was mache ich da eigentlich? Puls 4 ist ja schon mehr als mutig. Ich hatte vom Kommentieren vor meinem ersten Spiel so viel Ahnung wie ein Mexikaner vom Skispringen. Ich hab davon schon mal gehört. Okay, sie bringen dir das "P" und das "T" bei, damit der sprachliche Wiener (ich bin Steirer) nicht mehr Green Pay Beggars oder New England Padriods sagt (irgendwann bringe ich auch das "Why" vor "Kings" weg), aber wohin geht es inhaltlich? Zum Glück ging alles so schnell, dass die Frage nie aufkam.

Letztens saßen Michael Eschlböck und ich mit Freunden auf der Couch und wir schauten uns Playoff-Spiele an. Dabei redeten alle, auch wir zwei. Irgendwann sagt einer in der Runde: Das ist ja mit euch wie bei Puls 4. Richtig. Michael und ich reden über Football gemeinsam seit zehn Jahren. Seit drei Jahren ist halt eine Kamera dabei und wir ziehen uns zur Feier was Ordentliches an. Der Rest ist seit einem Jahrzehnt schon geprobt. Wir machen uns nichts aus und vor.

So gesehen war mein gröbstes Problem, meine persönlichen Vorlieben außen vor zu lassen. Ein Vorhaben, welches ich nun doch sein gelassen habe. Ich habe kein Team, bin ein klassischer Band Wagon-Jumper, bin heute Green Bay, morgen Chicago, wenn die einen besser als die anderen sind. Aber sofort auch wieder umgekehrt. Ich weiß, schwer zu verdauen, aber es ist so. Ich mag einfach gute Teams. Und da ich aus der Obersteiermark bin und nicht aus Arizona, Pennsylvania oder Kalifornien, ist mir eigentlich herzlich wurscht wer gewinnt, Hauptsache der, den ich davor für besser hielt.

Ich bin enttäuscht, wenn es anders kommt, freue mich aber schon Minuten danach für den Gewinner und kauf mir sein Kapperl. Sie, liebe Leser, sind sicher besser als ich, seit Jahrzehnten nur in einer Farbe unterwegs und halten zu ihrem Team in guten wie in schlechten Zeiten. Das bewundere ich, ist es mir persönlich nicht gegeben. Ich mag nur ein paar Teams nicht, jene die viel reden und wenig erreichen. Zur Zeit sind das die Jets, aber auch das variiert.

Darum sage ich, ohne das lang und breit zu erklären und mit dem Handicap, dass ich zum ersten Mal seit 2010 nicht die Paarung der Super Bowl nach der Regular Season erraten habe, das erste Mal seit 2008 nichtmal mehr ein Team dabei habe! (DEN-SEA wars), dass am 3. Februar die New England Patriots und die San Francisco 49ers in den Superdome einlaufen werden. Und geht es nach Eschlböck, gewinnen dann die Roten. Und damit wäre auch ich ein Jahr älter und gescheiter.

Deutschland, here we come

PULS 4 kündigt für den Sonntag die "ultimative NFL LIVE-Show" an. Ab 20.15 Uhr wird bereits aus NeuMarx übertragen. Im Studio dabei sind dieses Mal nicht nur die Milleniumdancers, sondern auch das Drumatical Theatre (Percussion Show) und ein 90-köpfiges Studiopublikum, welches hoffentlich ausgeschlafen kommt, denn ein Ende ist vor 4 Uhr am darauffolgenden Morgen nicht in Sicht. Ich werde beide Spiele kommentieren und da Michael Eschlböck und Pasha Asiladab ca. das halbe Fitnesslevel von mir haben, wird der eine (ME) das erste und der andere (PA) das zweite Spiel kolorieren.

Zum ersten Mal wird man die Sendung auch bei unseren deutschen Nachbarn sehen, denn sat1 hat sich dazu entschlossen, die Studioshow seiner österreichischen Tochter auf ran.de zu streamen (Achtung: geotagged auf Deutschland). Im Studio fungiert der gelernte Berliner Shuan Fatah, seines Zeichens Headcoach der Swarco Raiders, als Übersetzer Österreichisch - Deutsch. Bei ihm sind Moderator Christian Nehiba sowie Ballfänger Tobias Oberzeller und Flaggenerklärer Bojan Savicevic.

Sat.1 zeigt dann auch am terrestrischen Schirm das zweite Conference Final live, wo ja mit Sebastian Vollmer ein Deutscher bei der Arbeit in Foxborough zu sehen sein wird.

Beide Spiele laufen natürlich auch im Pay-TV auf ESPN America und Sport1+.

NFL DIVISIONAL PLAYOFF

Denver Broncos vs. Baltimore Ravens 35:38
San Francisco 49ers vs. Green Bay Packers 45:31
Atlanta Falcons vs. Seattle Seahawks 30:28
New England Patriots vs. Houston Texans 41:28

NFL CONFERENCE FINALS

New England Patriots vs. Baltimore Ravens
Atlanta Falcons vs. San Francisco 49ers

Tabellen der Conferences
Playoff-Bild

  • NFL-crush.com
  • Die New England Patriots stehen nach einem für sie entspannenden Abend gegen die Houston Texans im Conference Final und treffen in diesem zu Hause auf Baltimore, das Denver eliminiert hat.
    foto: allen kee/espn images

    Die New England Patriots stehen nach einem für sie entspannenden Abend gegen die Houston Texans im Conference Final und treffen in diesem zu Hause auf Baltimore, das Denver eliminiert hat.

  • Im Championship Game der NFC reisen die San Francisco 49ers mit dem neuen Rekordmann Colin Kapernick nach Atlanta. Im Georgia Dome sind die Falcons gegen die Kalifornier der leichte Außenseiter.
    foto: brad mangin/espn images

    Im Championship Game der NFC reisen die San Francisco 49ers mit dem neuen Rekordmann Colin Kapernick nach Atlanta. Im Georgia Dome sind die Falcons gegen die Kalifornier der leichte Außenseiter.

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