Liebesrealismus im Rückwärtsgang

17. Jänner 2013, 19:42
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Harold Pinters "Betrogen": Viel Premierenapplaus für den entlarvenden Realismus des englischen Literaturnobelpreisträgers

Als originell kann die Idee allemal bezeichnet werden, wie Harold Pinter (1930- 2008) sein theatrales Spiel um Liebe, Freundschaft und Ehe anlegt. In Betrogen weiß man von Beginn an um das ernüchternde Ende zweier Beziehungen: von der Entfremdung der Liebenden zu ihren feurig-leidenschaftlichen Anfängen geht's im Rückwärtsgang.

Der Realismus des englischen Literaturnobelpreisträgers ist entlarvend, scheinbares Geplänkel lässt langsam und sicher die Fassade abblättern, die jeder Mensch um sich aufzieht; es geht um Verrat und Eifersucht. Was sich wie schwer verdauliche Kost anhört, ist feines Komödienspiel mit einer klassischen Dreiecksbeziehung.

Im Stadttheater Walfischgasse zu Wien eins begegnen einander Emma (Nicole Beutler) und Jerry (Joseph Lorenz) in einer Bar, trinken Bier und Cognac, führen Smalltalk. Bis vor zwei Jahren hatten die beiden eine Affäre. Sie war die Frau seines besten Freundes Robert (Nicolaus Hagg), er weiß bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Robert alles wusste. Die auf Tisch, Sessel und Bett reduzierte Bühne hat Ilona Glöckel in Weiß getüncht, doch kann von Unschuld keine Rede sein.

Zunächst ist alles recht komplex - klar wird bald: In sieben Jahren hat jeder jeden betrogen. Durch die retrospektive Betrachtung der Ehe- und Affärenbrüche führt ein Kellner (Roberto Martinelli). Werner Schneyder setzt in Szene. Er belässt den Handlungsort in London, aber enthebt das 1978 uraufgeführte Stück der Zeit, um die immerwährende Aktualität der facettenreichen Liebe zu unterstreichen.

Die streng realistische Inszenierung, die einen kurzweiligen dramaturgischen Bogen findet, bleibt viel zu brav. Darunter leidet vor allem die Ausgestaltung der Pointen. Die Schauspieler tragen ihre Rollen zur modischen Schau: Die rothaarige Beutler verkörpert feinfühlig eine Femme fatale; etwas exaltiert wirkt Lorenz als Literaturagent; als Verleger kann Hagg überzeugen.

Nach 80 Minuten bedachte das Premierenpublikum sie alle mit tosendem Applaus. (gil, DER STANDARD, 18.1.2013)

22., 25., 31. Jänner

 

  • Von Männern eingerahmt: Nicole Beutler.
    foto: gallauer

    Von Männern eingerahmt: Nicole Beutler.

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