Kunstwerke aus dem Innenleben von Fernsehern

20. Jänner 2013, 17:18
5 Postings

Das Museum der Dinge in Berlin zeigt faszinierende Lebenswelten, die der Künstler Matias Bechtold aus dem Innenleben von Fernsehern und Staubsaugern baut

Die Außerirdischen sind also doch gelandet. In Berlin. Und in welch herrlich ästhetischen Vehikeln, Flugkapseln und Raumschiffen! Die Aliens haben Geschmack. Weiß, rot oder grau schimmern die Fluggeräte und Raumstationen, wie auch die fein abgestimmten Innenausstattungen, die nur im schlechtesten Fall wie die Einrichtung einer schnöden Zahnarztpraxis wirken. Ansonsten dominieren schöne Strenge und Symmetrie, feine Rundungen und glatte Oberflächen - so wie man es aus Science-Fiction-Klassikern wie Stanley Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum oder Ridley Scotts Alien kennt. Oder haben sich diese Außerirdischen gar Mies van der Rohe als Architekten geholt? Auch die Innenbeleuchtung setzt diese ausgesprochen feine Formensprache ins rechte Licht, betont die Symmetrien und lässt die Innenaufbauten effektvoll zur Geltung kommen. Da flackern Schatten und Schemen in milchig blauem, weißem oder rotem Licht, suggerieren neue Räume, sogar Hallen, Ecken, Treppen und Durchgänge - und lassen auch Wesen erkennen. Die Körper in den kleinen Zellen sind nur schemenhaft erkennbar, sie scheinen mit Kabeln und Schläuchen verbunden. Offensichtlich eine Alien-Brutmaschine.

Schöpfer von Leben und Welten

Natürlich hat sich hier jemand auch einen Scherz erlaubt und seine offensichtliche Liebe für Science-Fiction, Architektur und klare Formensprache umgesetzt. Und zwar im Inneren von alten Handstaubsaugern und Fernsehgehäusen, so als habe er an einen kindlichen Gedanken aus der unschuldigen Anfangszeit des Fernsehens erinnern wollen: Dass da nämlich doch jemand sein müsse, im Inneren dieses bilderproduzierenden Kastens. Im Inneren der Apparate heißt die Ausstellung, die noch bis 18. Februar 2013 im "Werkbundarchiv - Museum der Dinge" zu sehen ist. Die Schau wird im Ankündigungstext etwas zu sehr metaphysisch aufgeladen, wenn es heißt: "Der Blick, mit dem Matias Bechtold unsere Welt wahrnimmt, ist im Wesentlichen von Maßstabverschiebungen oder, vielleicht besser formuliert, der Freiheit vom Denken in Maßstäblichkeit bestimmt." Dennoch lohnt sie, weil sie herrlich verspielt und auch ein bisschen spinnert ist - und auch an etwas rührt, was dem Menschen eingepflanzt ist: Schöpfer von Leben und Welten spielen zu wollen.

Dass sich die Schau in Berlin-Kreuzberg befindet, passt. Denn schließlich wirkt der bekannte Stadtteil häufig selbst wie ein fremder Planet, auf dem den Besucher bei Entdeckungsreisen immer wieder Überraschendes erwartet. Der Berliner Künstler Matias Bechtold spielt mit dem Überraschungsmoment. Einmal, weil er den Fokus auf das Innenleben von Dingen legt, die zwar eine besondere Stellung in unseren Lebensräumen einnehmen, deren von Elektronik und Bauteilen gefülltes Inneres aber normalerweise unserem Blick verschlossen bleibt.

Dabei fallen vor allem die klar strukturierten Einbauten und Linien im Inneren der Fernsehgehäuse auf - deren Design keinesfalls mit weniger Empathie erdacht worden ist. Nur weil es die sozusagen unsichtbare Seite eines Objektes ist. Auch hier drin stecken Kreativität, Idee und Geist. Als gelernter Modellbauer hat Bechtold die Fähigkeiten, die Sehnsucht und natürlich auch das Verständnis, solche Dinge sichtbar zu machen.

Ausgeweidete Innenräume

Zum Zweiten überrascht Bechtold mit seiner Arbeit, weil er die ausgeweideten Innenräume von Fernsehern wiederum mit Miniatur-Lebensräumen füllt. Die so entstandenen Szenen, Wohnlandschaften, Science-Fiction-Cockpits oder Architekturbauten wie in der Arbeit Untergeschoss sind von erstaunlicher handwerklicher Präzision und einer nahezu obsessiven Detailfreude, sodass man meinen könnte, Bechtold habe die ausrangierten Kisten tatsächlich wieder zum Leben erwecken wollen. Deutlich wird dies vor allem bei den Modellen, deren ausgeleuchtetes, verwinkeltes Innenleben man direkt durch den Bildschirm betrachten kann. Oder auch bei dem Handstaubsauger White Star, der mit feinster Sorgfalt in ein weißes Cockpit einer Raumkapsel verwandelt wurde. Die beiden Pilotenstühle, so hat man als Betrachter den Eindruck, könnten in jeder Sekunde besetzt werden - damit die Kapsel abheben kann.

Ein anderer Einbau wirkt wie ein riesiges Kontrollzentrum mit stadienähnlichen Sitzplätzen an den Seiten. In der Mitte schwebt eine Art Gerät - das wie der große Controller wirkt, der uns und unser Leben überwacht oder vielleicht sogar lenkt. Und so falsch ist dieser Eindruck wohl auch nicht. (Ingo Petz, Rondo, DER STANDARD, 18.1.2013)

Ort: Werkbundarchiv - Museum der Dinge, Oranienstraße 25, 10999 Berlin; Öffnungszeiten: Fr-Mo, 12-19 Uhr, bis 18. Februar

  • Zehn Wolkenkratzer namens "Müm", die mit fitzelkleinen Teilen aller Art eingerichtet sind.
    foto: jürgen baumann

    Zehn Wolkenkratzer namens "Müm", die mit fitzelkleinen Teilen aller Art eingerichtet sind.

Share if you care.