Ein knappes Rennen im Versuchslabor Niedersachsen

18. Jänner 2013, 05:30
61 Postings

Am Sonntag wählt Niedersachsen. In Umfragen liegen die schwarz-gelbe Landesregierung und das rot-grüne Oppositionsbündnis Kopf an Kopf. Beide Lager sind überzeugt: Wer in Hannover siegt, der hat auch die besseren Chancen für die Bundestagswahl im Herbst

Am Schluss sind die Zuhörer schon ein wenig unruhig und nicht mehr so ganz bei der Sache. Die Luft in der Festhalle von Stadthagen westlich von Hannover ist stickig, doch David McAllister (CDU) schafft doch noch eine regelrechte Liebeserklärung.

"Ich bin gerne Merkels Mac", bekennt der Ministerpräsident und wendet sich nicht ohne Pathos an die neben ihm stehende Kanzlerin: "Liebe Angela, du bist das Beste, was diesem Land passieren kann." Jetzt sind alle Zuhörer wieder voll dabei, viele von ihnen schwenken Banner mit der Aufschrift "I'm A Mac" - eine Anspielung auf McAllisters Namen, den er von seinem schottischen Vater hat. Da mag Merkel natürlich nicht hintanstehen und erklärt: "Mir macht dieser Wahlkampf richtig Spaß." Anders wäre es für Merkel auch schwer erträglich. Der Wahlkampf vor dem Urnengang am Sonntag war kurz, er hat erst nach Silvester richtig begonnen. Merkel ist gleich zu sieben Großveranstaltungen gekommen.

Wie alle anderen weiß auch sie, was in Niedersachsen auf dem Spiel steht. Denn Niedersachsen ist das Versuchslabor für die Bundestagswahl, weil die Umstände recht ähnlich sind. Da wie dort regiert Schwarz-Gelb. Und in Hannover wie in Berlin will Rot-Grün die Macht übernehmen. McAllister stellt sich zum ersten Mal als Ministerpräsident einer Wahl. Er hat das Amt 2010 von Christian Wulff übernommen, als dieser Bundespräsident wurde. Seither konnte man die McAllister'schen Metamorphosen erleben. Früher, als Fraktionschef, war der heute 42-Jährige recht scharfzüngig und angriffslustig - ein Widerpart zum damals schon präsidialen Wulff.

Doch kaum war McAllister Regierungschef, da wurden seine Töne leiser. Auch mit Kritik an der Bundespolitik hielt er sich zurück, gegenüber Merkel ist er absolut loyal. Gefahren ist McAllister damit nicht schlecht. Seine Beliebtheitswerte sind hoch, die CDU liegt in Umfragen unangefochten auf Platz eins.

FDP kämpft ums Überleben

Es geht ihm in Niedersachsen also wie Merkel im Bund. Allerdings teilen die beiden auch eine große Sorge: Der Zustand der FDP ist sowohl in Berlin als auch in Hannover beklagens- und fast schon bemitleidenswert. Sie kommt nicht in die Höhe, lag in Umfragen wochenlang nicht einmal bei jenen fünf Prozent, die für den Einzug in den Landtag nötig sind. Dass FDP-Chef Philipp Rösler aus Niedersachsen kommt, dort einige Zeit Wirtschaftsminister war, nützt auch nichts. Er hat keinen Niedersachsen-Bonus.

Die Schwäche der FDP sehen Sozialdemokraten und Grüne natürlich als Chance. Schaffen Piraten und Linke den Einzug in den Landtag nicht (wonach es derzeit aussieht) und bleibt die FDP möglicherweise auch draußen, dann heißt der nächste Ministerpräsident Stephan Weil und wird von den Sozialdemokraten gestellt.

Derzeit ist Weil Oberbürgermeister von Hannover sowie SPD-Landesvorsitzender, und er ist überzeugt: "Wenn der Regierungswechsel in Niedersachsen klappt, dann klappt es auch im Bund." Die schlechte Schulpolitik im Land wollte er im Wahlkampf geißeln und die SPD-Initiative für mehr Steuergerechtigkeit anpreisen. Doch sein Geschäft ist nicht leicht, wie sich bei einem Auftritt in Braunschweig zeigt. Kaum tauchen Journalisten auf, wird Weil gefragt, ob SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ihm im Wahlkampf mehr nütze oder schade.

Dann sagt Weil sein Sprüchlein auf. Und das lautet: "Wir haben sehr gute Resonanzen, Peer Steinbrück ist im Wahlkampf herzlich willkommen." Steinbrück seht daneben und lächelt etwas grimmig. Ihm ist klar: Wenn die SPD am Sonntag untergeht, hat er ein Problem mehr. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 18.1.2013)

  • SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in Hannover. Das SPD-Ergebnis bei der Niedersachsen-Wahl am Sonntag ist für ihn ein Gradmesser.
    foto: kay nietfeld/dpa

    SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in Hannover. Das SPD-Ergebnis bei der Niedersachsen-Wahl am Sonntag ist für ihn ein Gradmesser.

Share if you care.