Werner Berg: Ein Kärntner in China

18. Jänner 2013, 18:17
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Das National Art Museum of China, Asiens größtes Museum, und das Duolun Museum of Modern Art in Shanghai widmen dem Österreicher eine umfassende Retrospektive

"Es ist möglich, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen, ohne dass wir gemeinsam an ein Ziel gelangen. Und es ist möglich, dass wir gemeinsam an ein Ziel gelangen, ohne dass wir dies gemeinsam geplant haben." sagte einst der Weise Konfuzius. Abseits von Zeit und Raum ist es frappierend, zugleich faszinierend, mit welch Übereinstimmungen einen die Realität manchmal überrascht. Während im großen Marmorsaal des National Art Museum of China die Vernissage einer repräsentativen Retrospektive von Werner Berg stattfindet, liefern Kinder und Erwachsene aus Peking ein reales Abbild der archaischen Bildsprache des österreichischen Malers - eislaufend und im Schnee stapfend auf den bei minus 14 Grad zugefrorenen Gewässern des imperialen Sommerpalastes der Kaiserin Cixi aus der Qing-Dynastie und des weitläufigen Beihai-Parks rund um die schneeweiße buddhistische Dagoba.

Egal ob man nun den Zufall, das ZK, Ausstellungskurator Josef Schütz, oder doch die Naturgottheiten des Tempels des Himmels, unweit der Verbotenen Stadt, des Mao-Mausoleums, des Namoc - allesamt gelegen entlang der chinesischen Zentrallinie - verantwortlich macht: Augenscheinlich ist die stumme Korrelation des Ausdrucks der in infantiler Freude auf dem fragilen Eis dahingleitenden Erwachsenen und der unbekümmerten Kinder in ihren bunt phosphoreszierenden Jacken mit der expressiven Ästhetik der visualisierten Impressionen des zeit Lebens auf der Suche nach dem Einfachen, dem Existenziellen, dem Elementaren befindlichen exzentrischen Expressionisten Werner Berg.

Anlass für diese Beobachtung ist eine in Peking und Shanghai gezeigte Personale des in Kärnten verorteten Künstlers Hans Werner Berg (1904-1981). Unter dem Titel „From Expressionism to Pop Art" präsentieren das National Art Museum of China - als erste Ausstellung in dessen Jubiläumsjahr - und in Anschluß daran das Duolun Museum of Modern Art in Shanghai eine Retrospektive, die alle Facetten - 72 Ölbilder und 16 Holzschnitte - des gleichsam umfangreichen wie eindrucksvollen Œuvres würdigt. Knapp 100.000 Besucher haben (in nur 9 Tagen) die chronologische Accrochage auf purpurnem und schwarzem Tuch im großen Marmorsaal des Namoc bewundert. Geht man vom üblichen Hunger der zwischen Staatsräson und pulsierendem Turbokapitalismus oszillierenden Metropole nach europäischer Kunst aus, sind im Duolun Museum of Modern Art (bis 31. Jänner) in Shanghai ebenso viele Betrachter zu erwarten. 

"Intention ist ein aktiver Kulturaustausch zwischen Österreich und China. Und Werner Berg in der Wertschätzung in eine Reihe mit Klimt, Schiele, Kokoschka zu stellen." deklamierte Josef Schütz, Initiator und Kurator der Retrospektive bei der durch das Wiener Radio Symphonie Orchester passend musikalisch eröffneten Vernissage - unter reger medialer und öffentlicher Anteilnahme der multikulturell ambitionierten Pekinger Society. Gesehen wurden zahlreiche Größen der internationalen Hochfinanz, der regen Film- und Fernseh-Community, Direktoren von CCTV, Künstler, Designer, Diplomaten und Architekten sowie die illustre Entourage der Enkelin des letzten Kaisers Pu Yi. "Um den kulturellen Horizont des chinesischen Volkes zu erweitern ist es notwendig, auch weniger bekannte Phänomene und Künstler einzuführen" begründete Fan Di'an, Direktor des Namoc, die Auswahl des Künstlers. "Die Retrospektive gibt dem Publikum Auskunft über österreichische Lebensweise und Kultur" sekundierte Vizedirektor Ma Shulin.

Das 1963 eröffnete, gewaltige Bauwerk des Namoc, mit 200.000 Quadratmetern das größte Museum der Welt, symbolisiert die Vielgesichtigkeit der chinesischen Nation. Von Mao Zedong 1959 anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Volksrepublik China puristisch als Nationalmuseum konzipiert, wurde seit 2002 radikal renoviert - erneuert in Innenarchitektur wie auch Ausrichtung - und öffnete sich seitdem für "fremde Kunst". Die Wiedereröffnung 2009 nach der Renovierung war der "deutschen Aufklärung" gewidmet. Eine subtile Provokation per se. Zudem verkörpert das Museum vor allem eine paradoxe Staatsdoktrin, der zufolge alles bleibt, wie es ist, und nicht wie es war. Unveränderlichkeit voller Veränderung. Abseits des Verwahrens der Devotionalien der Revolution präsentiert das Namoc in den letzten Jahren große Retrospektiven internationaler Künstler wie Picasso, Goya, Joan Miro, Dali et alii. Die Entscheidung, mit Werner Berg - nach Willy Eisenschitz 2011 - einen international etwas weniger bekannten Künstler zu präsentieren, begründete Direktor Fan Di‘an als Beitrag zu einem offensiven Kulturaustausch zwischen China und Europa, speziell aber zur Kulturnation Österreich.

Vom Expressionismus zur Vorwegnahme der Pop-Art

Näher ins Detail über die Spezifika von Bergs Œuvre gingen in Folge die beiden Kuratoren, Kunsthändler Josef Schütz und Harald Scheicher, Direktor des Bleiburger Werner Berg-Museums. Scheicher, Enkel Bergs, betonte die "originäre Bildsprache im Trivialen, im Existenziellen", in der „Konzentration auf das Wesentliche", interpretierte den Versuch einer naiven und statisch flächenhaften Abbildung des alltäglich Trivialen als stilistische Vorwegnahme der später als Pop-Art bekannten Bildsprache.

Der Archaik des Ortes und des bäuerlichen Lebens entsprechend entstanden karge, einprägsame Bilder. Berg schuf Ölgemälde und Holzschnitte, deren Komposition und Klarheit durch konsequente Nahsicht geprägt waren. Seine Motive - fast ausnahmslos Landschaft und Bevölkerung des slowenisch-österreichischen Grenzgebiets - konfrontieren den Betrachter durch Unmittelbarkeit und Nähe. Die von ihm gesuchte "Unverfälschtheit" des Lebens visualisierte Berg vor allem in der scheinbar "primitiven" Form des Holzschnittes.

"Was gibt es Geheimnisvolleres als die Klarheit". Gemäß dieser These entwickelte der österreichische Künstler Hans Werner Berg, nahezu besessen von der Suche nach einer einfachen, klaren Bildsprache eine originäre Handschrift, die spröder und fragiler anmutet als die zeitgenössischer Künstler. Obwohl vom unmittelbaren Erleben seiner Umgebung geprägt, muten seine in einem durchgängigen Farbton aufgetragenen, scharf begrenzten Flächen durch ihre outriert plakative Eindeutigkeit geradezu wie eine frühe Vorwegnahme der Pop-Art à la Warhol und Liechtenstein an. Werner Berg diente diese triviale Darstellung der Alltagswelt und die intensive Flächigkeit bäuerlicher Trivialkultur der Alltags-Umgebung zur Findung seiner unvergleichlichen Bildsprache. 

Zu Beginn der 1930er Jahre war Berg Teil der europäischen Avantgarde - befreundet mit den wichtigsten deutschen Expressionisten, Otto Dix, Herbert Boeckl, Alda und Emil Nolde, Werner Scholz, später auch mit Anton Kolig, Oskar Kokoschka, Maria Lassnig oder Paul Flora. Sein späteres Schaffen ist von zunehmender Verknappung und Verdichtung gekennzeichnet. 

Dessen wesentliches Merkmal ist die Suche nach dem Exemplarischen, dem Typus. In der Reduktion auf das Wesentliche sah Berg das Ideal seiner Ausdrucksform. Eine "Existenz nahe den Dingen", hatte der in selbsterwählter Abgeschiedenheit des Rutarhofs verortete und Konventionen negierende Exzentriker postuliert. „In seinem Werk wird die philosophische Betrachtungsweise, die exzentrische, zugleich introvertierte Perspektive eines sich und seine Umgebung stets Hinterfragenden sichtbar. Isolation und Kompromisslosigkeit wird in seinen archaischen Werken wie auch in seinem bewusst zurückgezogenen Lebensstil nachvollziehbar. Luzide wird sein Versuch im Bestreben, die Wirklichkeit in all seiner ärmlichen und naturbezogenen Reinheit zu erfassen, in seinem Beschluss, entgegen den Usancen künstlerischen Schaffens, fernab artifizieller Einflüsse, als Selbstversorger in einer originären, natürlichen Welt der Einöde zu leben." konstatiert Josef Schütz, wie üblich kenntnisreich.

Die Retrospektive eröffnet Zukunftsperspektiven

Die Fragestellung, welche Auswirkung die Expeditionen nach China zeitigen, bilanziert Josef Schütz positiv. Die Preise für Eisenschitz‘Œuvre hätten sich nach der Retrospektive 2011 nahezu verdoppelt. „Nachhaltig", versichert der in der Wiener Gluckgasse ansässige Kunsthändler. Derartiges ist wohl auch für Werner Berg zu erwarten. Als Indiz dafür ist der schon im Vorfeld der avisierten transkontinentalen Präsentation erzielte Weltrekord-Auktionspreis zu interpretieren. Für 219.900 Euro wechselte Bergs Gemälde Wartende im Dorotheum im Herbst 2012 in den Besitz einer Wiener Sammlerin. (vormaliger Rekord: Dorotheum 2009, Weggabelung (1958), 116.200 Euro).

"Das Ungeheure begreift nie der Sichere". Werner Bergs erratischer Leitspruch sollte Wahrheit beinhalten - und bis heute Gültigkeit bewahren - in der Beschäftigung mit dem Exemplarischen, dem Elementaren, dem Existenziellen des Daseins.
"In allen Dingen hängt der Erfolg von den Vorbereitungen ab.". Diese Weisheit des Konfuzius haben Irene und Josef Schütz wohl - gemäß ihrem unaufgeregten und diplomatischen Fingerspitzengefühl - wohl verinnerlicht. Nach der Rückkehr in Europa wird der avisierte Kulturaustausch praktiziert - mit der Österreich-Premiere des international arrivierten chinesischen Künstlers Wang Xiaosong. Und es gilt zu erwarten, dass diese beachtlich engagierte bilaterale Kooperation - wegen des sensationellen Erfolges - wohl prolongiert wird. (Gregor Auenhammer, Album, DER STANDARD, Langfassung, 19.1.2013)

  • In der Reduktion auf das Wesentliche postulierte Werner Berg das Ideal seiner Ausdrucksform, als "Existenz nahe den Dingen".
    foto: schütz fine art

    In der Reduktion auf das Wesentliche postulierte Werner Berg das Ideal seiner Ausdrucksform, als "Existenz nahe den Dingen".

  • Die Fassade des National Art Museum of China.
    foto: gregor auenhammer

    Die Fassade des National Art Museum of China.

  • Harald Scheicher vom Berg Museum und Kurator Josef Schütz.
    foto: gregor auenhammer

    Harald Scheicher vom Berg Museum und Kurator Josef Schütz.

  • Pressekonferenz (Namoc) mit Harald Scheicher und Josef Schütz.
    foto: gregor auenhammer

    Pressekonferenz (Namoc) mit Harald Scheicher und Josef Schütz.

  • Ausstellung, Bild Werner Berg.
    foto: gregor auenhammer

    Ausstellung, Bild Werner Berg.

  • Ausstellung, Bild Werner Berg.
    foto: gregor auenhammer

    Ausstellung, Bild Werner Berg.

  • Ausstellung, Bild Werner Berg.
    foto: gregor auenhammer

    Ausstellung, Bild Werner Berg.

  • Ausstellung, Bild Werner Berg.
    foto: gregor auenhammer

    Ausstellung, Bild Werner Berg.

  • Vernissage, Streich-Ensemble Radio Symphonie Orchester Wien.
    foto: gregor auenhammer

    Vernissage, Streich-Ensemble Radio Symphonie Orchester Wien.

  • Vernissage mit Direktor Ma Shuklin, der österreichischen Botschafterin in China, Irene Giner-Reichl, sowie Josef Schütz.
    foto: gregor auenhammer

    Vernissage mit Direktor Ma Shuklin, der österreichischen Botschafterin in China, Irene Giner-Reichl, sowie Josef Schütz.

  • Feierliche Eröffnung der Ausstellung mit Honoratioren.
    foto: gregor auenhammer

    Feierliche Eröffnung der Ausstellung mit Honoratioren.

  • Reporter Gregor Auenhammer in Pekings moderner Kunstmeile "District 798".
    foto: gregor auenhammer

    Reporter Gregor Auenhammer in Pekings moderner Kunstmeile "District 798".

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