Guter Tee und schlechte Ratschläge

17. Jänner 2013, 14:13
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Das Beherrschen der deutschen Sprache ist kein Exklusivproblem der Migrantenkinder - das wird es erst durch Aus- und Abgrenzung

"Der Tee ist gut." Das war der erste deutsche Satz meines Vaters. Und er war hart erlernt. Denn im Gegensatz zu mir, die ich bereits mit fünfeinhalb Jahren im Kindergarten Deutsch lernen konnte, musste er sich diese zugegeben schwierige Sprache in weit höherem Alter aneignen, mit Wörterbuch und allem Drum und Dran.

Meine Eltern erzählen mir heute, ich habe anfangs nur geweint und mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, in den Kindergarten zu gehen, weil ich dort nichts und niemanden verstanden habe. Doch mir ist trotz allem keinerlei Erinnerung daran geblieben, dass ich mich jemals geplagt oder Schwierigkeiten gehabt hätte, auf Deutsch zu kommunizieren. Und das ist gut so. Denn ich habe die Sprache spielerisch im Alltag erlernt, im Umgang mit anderen und ohne jeden Zwang.

"Gute" Ratschläge im Gymnasium

Problemlos schaffte ich daher die Volksschule. Das lag, glaube ich, auch daran, dass meine Volksschullehrerin Burgendlandkroatin war. Sie sah meine Muttersprache als Bereicherung, meine Deutschkenntnisse waren für sie selbstverständlich.

Erst später, bei der Aufnahme ins Gymnasium, wurden diese auf einmal in Frage gestellt. Trotz meines ausgezeichneten Zeugnisses sagte eine Professorin zu meinem Vater: "Ihr Kind wird es hier sehr schwer haben. Das ist so bei Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist." Er solle sich das mit dem Gymnasium noch einmal überlegen, "auf einer anderen Schule wird es ihr sicher besser gehen". Und wenn ich schon unbedingt in ein Gymnasium wolle, solle ich von Anfang an Förderunterricht nehmen. Er nahm ihren Ratschlag nicht an.

Lob und Tadel

Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum jene, denen die deutsche Muttersprache nicht in die Wiege gelegt wurde, ständig daran gemessen werden. Dazu gehört auch, dass ich heute noch wegen meiner "guten Deutschkenntnisse" gelobt werde. Dabei ist das Beherrschen oder Nichtbeherrschen der deutschen Sprache kein Exklusivproblem von Kindern mit Migrationshintergrund. Das wird es erst durch Aus- und Abgrenzung. (Jelena Gučanin, daStandard.at, 17.1.2013)

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