Wenn das Wasser den Kanal runtergeht

17. Jänner 2013, 05:30
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In den 50er-Jahren hatte der konzentrierte Ausbau der öffentlichen Wasser- und Abwasserleitungen im ländlichen Raum begonnen. Jetzt kommen die Netze langsam in die Jahre - und müssen saniert werden. Milliarden-Investitionen stehen ins Haus

Wien - Bis man einen Kanal sanieren muss, fließt einiges Wasser den Gully runter. Aber irgendwann ist es dann so weit. Und so ab 50 Jahren kann man davon ausgehen, dass sich die Lebenszeit einer Wasserleitung beziehungsweise eines Kanals langsam ihrem Ende zubewegt.

Und es sind gar nicht wenige Leitungen und Kanäle in Österreich, die derzeit diese magische 50er-Marke überschreiten oder kürzlich überschritten haben. "Vor den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es vor allem die städtischen Bereiche, in denen die Wasserver- und -entsorgung ausgebaut wurde - nach den 50er-Jahren ist diese Entwicklung dann immer mehr in den ländlichen Bereich hineingegangen", erläutert Johann Wiedner, Präsident des Österreichischen Wasser- und Abfallwirtschaftsverbandes im Standard-Gespräch.

Erstellung eines Leistungskatasters

Die Folge ist, dass in den Ballungsräumen seit längerem kontinuierlich in Erneuerungen und Sanierungen investiert werden musste. Im ländlichen Raum hingegen wird dieses Thema jetzt für kleinere Gemeinden immer aktueller, weil deren Leitungsnetze nun genau in die Jahre kommen, in denen der Bedarf einer Sanierung oder Erneuerung immer wahrscheinlicher wird.

Wie viel in nächster Zeit investiert werden muss, zeichnet sich langsam ab: Es wurde österreichweit mit der Erstellung eines Leitungskatasters und eine Zustandsüberprüfung begonnen, berichtet Wiedner. Laut Umweltministerium wurden bisher zwei Prozent der Netze fertig ausgewertet - bewilligt sind aber bereits Untersuchungen für 26 Prozent der Kanal- und 38 Prozent der Wassernetze.

Roboter im Kanal

Diese Erhebungen sind nur mithilfe modernster Technik möglich: Kleine Roboter fahren ferngesteuert ins Kanalsystem - deren Aufnahmen werden dann ausgewertet und nach Dringlichkeit zugeordnet. Ist es etwa nur ein Riss, der zu sehen ist - oder schon ein Kanalbruch, durch den Abwässer in den Untergrund sickern? In letzterem Fall muss umgehend eingegriffen werden. Ein Klassiker sind auch Risse, durch die Wurzeln in die Kanäle gelangen können. Breiten die sich aus, kann das bis zur vollkommenen Verstopfung der Abwasseranlage führen.

Wasserleitungen hingegen können wegen des Innendrucks und wegen der strengen Hygienevorschriften nicht befahren werden - und müssen von außen untersucht werden. Dabei helfen Druckmessungen in Leitungsabschnitten - oder aber auch ein Abhören der Leitung. Ähnlich wie ein Arzt, der seine Patienten mit einem Stethoskop untersucht

Mithilfe dieser ersten Zustandserhebungen wurde eine vorsichtige Kostenschätzung für das Lebensministerium erhoben. Wiedner: "Die haben wir frisch reinbekommen." Demnach erwarten die Gemeinden und Verbände für die nächsten zehn Jahre Investitionen in das Trink- und Abwassersystem von mindestens 7,3 Mrd. Euro. Und mit 4,2 Mrd. Euro sind die geplanten Erneuerungen dabei erstmals der größte Brocken.

Hoher Erschließungsgrad

Ein Trend, der sich fortsetzen wird: Inzwischen sind neun von zehn Haushalten an die Netze angeschlossen. 76.700 Kilometer an Wasserleitungen sind verlegt, 89.000 Kilometer öffentliche Kanäle. Da aber in Österreich abseits gelegene Gebäude kaum zu erschließen sind, beschränkt sich der Ausbau der Netze mehr und mehr auf neue Siedlungsgebiete.

Während die Sanierungsrate zunimmt: Im Schnitt sollten pro Jahr ein bis zwei Prozent des Netzes erneuert werden. Tatsächlich liegt die Erneuerungsrate bei den kommunalen Anlagen unter einem Prozent. Und gerade für kleinere ländliche Gemeinden, wo längere Leitungsstränge nur wenige Anschlüsse haben, kann die Sanierung eine finanzielle Herausforderung werden. Daher werde nun geprüft, in welchem Ausmaß öffentliche Förderungen nötig werden, erläutert Wiedner.

Um ein Bewusstsein für die anstehenden Herausforderungen zu schaffen, haben nun Lebensministerium, Bundesländer, Städte-und Gemeindebund, Wasser- und Abfallwirtschaftsverband sowie die Vereinigung für das Gas- und Wasserfach die Aktion "vor sorgen" ins Leben gerufen. Auf dass eben vor den Sorgen rechtzeitig vorgesorgt werde. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 17.1.2013)

  • Historische Kanalanlagen sind vor allem im städtischen Raum zu finden, wie etwa 
im Wiener Untergrund.
    foto: apa/ma30 - wien kanal

    Historische Kanalanlagen sind vor allem im städtischen Raum zu finden, wie etwa im Wiener Untergrund.

  • Eine Gefahr für Kanäle: Wurzeleinwuchs, der zu Verstopfungen führen kann.
    foto: strabag

    Eine Gefahr für Kanäle: Wurzeleinwuchs, der zu Verstopfungen führen kann.

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