Migrantenkinder: Deutsch lernen durch Zuhören, Fernsehen und Lesen

22. Jänner 2013, 13:48
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Migranten erzählen, wie sie Deutsch gelernt haben - Autor Michael Stavarič sieht Vorschulklassen für fremdsprachige Kinder als Stigmatisierung

Michael Stavarič war sieben Jahre alt, als er mit seinen Eltern 1979 aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich kam. Er besuchte gleich die zweite Klasse Volksschule in Österreich, von dem Zeitpunkt an wuchs er zweisprachig auf. Deutsch gelernt hat er vor allem durch Zuhören und Lesen. "Bücher waren mir immens wichtig - und auch wenn ich so manches nicht verstand, erschloss sich mir zumeist der Sinn", sagt der Schriftsteller heute. Außerdem hatte er das Glück, auf engagierte Lehrer zu treffen, die ihn förderten. Von Anfang an bemühte sich Stavarič, dass sich der Gebrauch beider Muttersprachen die Waage hält.

Wie lernen Kinder am schnellsten Deutsch? Integrationsstaatssekretär Kurz fordert, dass Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen in die Vorschule gehen müssen. Für Quereinsteiger kann er sich auch spezielle Sommerkurse vorstellen. Auf daStandard.at beschreiben ehemalige QuereinsteigerInnen und jetzige RedakteurInnen, wie es ihnen ergangen ist.

"Am dam des" nach der Hausübung

Auf Twitter berichtete Monika Bratic ihre Erfahrungen. Sie war fünf Jahre alt, als sich ihre Eltern entschlossen, von Serbien nach Österreich zu kommen. In Wien lernte sie sehr schnell Deutsch. "Wir haben im 11. Bezirk in einer Gartensiedlung gewohnt, ich war den ganzen Tag mit meiner Nachbarsfreundin unterwegs. Am Anfang habe ich überhaupt nichts verstanden, mit der Zeit habe ich aber dazugelernt", sagt sie im Gespräch mit derStandard.at.

In der Schule habe sie mit niemandem Serbisch sprechen können, das habe ihr geholfen, innerhalb von zwei bis drei Monaten Deutsch zu lernen. Heute ist Bratic Journalistin und arbeitet im ORF-Kommunikationsteam. Gut erinnern kann sie sich an den Moment, als sie zum ersten Mal nur von anderssprachigen Kindern umgeben war. Es war in der Schule. "Wir sind in einem Sesselkreis gesessen, und jeder musste erzählen, was sein Lieblingstier ist. Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen soll. Ich habe einfach den Satz, den ein Mädchen vor mir gesagt hat, nachgesprochen."

Überhaupt habe sie viel zugehört, sagt Bratic. Geholfen hätten ihr etwa deutschsprachige Fernsehsendungen. "Ich habe meine Hausübungen gemacht und dann Batman und Robin oder 'Am dam des' gesehen. Da habe ich viel aufgeschnappt."

Stavaričs Motto: Augen zu und durch

Für Bratic hat es keine andere Möglichkeit gegeben, "ich musste einfach Deutsch lernen". Über ihre Sprachanfänge sagt die Journalistin: "Ich war mit Sicherheit nervös, aber nicht angsterfüllt. Zu Hause wurde weiterhin Vlachisch gesprochen."

Auch Stavarič erinnert sich an den Moment, als er zum ersten Mal von fremdsprachigen Kindern umgeben war. Und wie schwierig es für ihn war, plötzlich gar nichts mehr zu verstehen: "Es war manchmal frei nach dem Motto: Augen zu und durch."

Der Schriftsteller und Kinderbuchautor ist der Ansicht, dass es für Kinder wesentlich einfacher als für Erwachsene ist, eine Sprache zu erlernen. "Mir hat das Tschechische sicher dabei geholfen, Deutsch zu lernen - nämlich relativ schnell die neue und fremde Grammatik zu begreifen."

"Kinder lernen voneinander"

Von dem aktuellen Vorschlag, SchülerInnen mit mangelnden Deutschkenntnissen in die Vorschule zu geben, hält Bratic wenig. Sie fände es besser, wenn alle Kinder die Vorschule besuchen würden. Es habe keinen Sinn, Klassen mit Ausländerkindern zu füllen. "Kinder lernen auch voneinander und schauen sich Sachen ab."

Derartige Vorschulklassen würden den Prozess des Deutschlernens eher verlangsamen, glaubt die Journalistin. Das Problem werde künstlich aufgebauscht. "Die Kinder lernen Deutsch, wir haben auch alle Deutsch gelernt." In ihrer eigenen Klasse seien vier Kinder mit Migrationshintergrund gesessen, aber alle hätten eine andere Sprache gesprochen. Deutsch war damit die Hauptsprache, deswegen habe sie die Sprache auch schnell gelernt.

Vorschulklassen sind Stigmatisierung

Auch Stavarič kann dem Vorstoß von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) zu Vorschulklassen für nichtdeutschsprachige Kinder nichts abgewinnen: "Ich selbst bin in Österreich mit null Deutschkenntnissen in die zweite Klasse Volksschule eingestiegen. Mit einer einzigen Erleichterung: Ich wurde in diesem Jahr nicht in Deutsch beurteilt. Im Zeugnis fand sich erst in der dritten Klasse Volksschule eine Note."

Er sieht die Maßnahme eher als Stigmatisierung, gerade Kinder dürfe man keinesfalls unterschätzen. Engagierte Lehrer in der "normalen" Schule seien dabei gewiss um vieles hilfreicher als irgendeine Vorschule. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 22.1.2013)

  • Wie lernen Kinder am schnellsten Deutsch?
    foto: apa/dpa/rumpenhorst

    Wie lernen Kinder am schnellsten Deutsch?

  • "Bücher waren mir immens wichtig", sagt der Schriftsteller Michael Stavarič über seine Deutsch-Anfänge.
    foto: robert bosch stiftung/yves noir

    "Bücher waren mir immens wichtig", sagt der Schriftsteller Michael Stavarič über seine Deutsch-Anfänge.

  • Monika Bratic haben deutschsprachige Fernsehsendungen geholfen Deutsch zu lernen.
    foto: standard

    Monika Bratic haben deutschsprachige Fernsehsendungen geholfen Deutsch zu lernen.

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