Das Moos im dritten Bezirk

8. August 2003, 21:41
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In den Kinosommer des Stadtkinos führte die 81. Unglaubwürdige Reise

Heute ins Stadtkino, und wohin es führt, woher es kommt, kommen könnte oder nicht kommt. "Schön sauber, alle Leute sehr nett", das waren heute, an diesem 9. Juli, die ersten freundlichen und auf eine sehr genaue Weise ungenauen Wörter, schräg rechts von mir. Ob die Veranstalter des Kinosommers im Stadtkino sich einer solchen Definition ihres Programms anschließen könnten? Das Kino widerspricht der schönen Sauberkeit und Nettigkeit auf seine Weise.

Im Bezirksführer durch den III. Wiener Gemeindebezirk (1984, Jugend und Volk Verlag Wien) kommt es noch nicht vor und würde seine Verfasser sicher in Ratlosigkeit stürzen.

"Un"-Personen

"Die Schreibung der Namen der Straßen und Plätze erfolgt nach den Normen der Wiener Nomenklaturkommission, die im Wiener Landesarchiv eingerichtet ist." Und weiter: "Bewusst ausgeklammert sind jedoch die Wohnstätten lebender Personen und alle Ereignisse, zu denen kein topographischer Gesichtspunkt hergestellt werden kann."

Die erste Frage wäre, wie weit jeder Einzelne (man selbst nicht ausgeschlossen) zu den "in Wohnstätten lebenden Personen" gehört - oder mehr zu "Grabstätten" und "Unpersonen". Und wo da noch die Möglichkeit einer Selbstdefinition erhalten bleibt. Dazu ist das Stadtkino doch geeigneter als der freundlichste Bezirksführer.

In meinen Erinnerungen Kleist, Moos, Fasane ist die Mohsgasse wie das Moos im Wald geschrieben. Aber wie viel dieses Moos selbst im Wienerwald mit dem Mineralogen Friedrich Mohs (29. Jänner 1773 - 29. September 1839) zu tun hat, der unter anderem die Härteskala für Mineralien eingeführt hat? Die Gedenktafel zeigt zehn Mineralien. Auf der Fassade des Eigentumswohnhauses Kleistgasse 32 dafür ein "Freiheitshaus" aus Anlass des österreichischen Staatsvertrages 1955.

Auf einer gemalten "Vogelschau der Vorstädte Landstraße und St. Marx" schon wieder Kleist, Moos (in beiden Schreibweisen) oder Fasane - aber noch keine Stadtkinomöglichkeit.

Immerhin sind im Hausflur der Unteren Weißgerberlände 15 Reliefbüsten von Kaiser Franz Joseph I. und Wilhelm II. (gest. 1915) deutlich erkennbar, darüber die Szene "Austria und Hungaria reichen Germania die Hand". Wohin wären Kleist, Mohs und selbst einige kräftige Fasane vor dieser Szene geflohen? Bleibt das Stadtkino, wo man am letzten Sonntag The Night of the Hunter von Charles Laughton sehen konnte, mit Robert Mitchum als von Gier getriebener Prediger.

Selbstmörder

Und gestern, am Donnerstag, Angeschwemmt von Nikolaus Geyrhalter, wo der Totengräber vom "Friedhof der Namenlosen" in Albern abschließend noch den bedauert, dem der Selbstmord in der Donau nicht sofort gelang.

Es geht um Gegenden, um Landschaften innerhalb und ziemlich weit außerhalb von Wien; und darum, wie weit bei allen Möglichkeiten von Reisen eine Wahl oder doch keine Wahl möglich ist. Das Stadtkino, der Rennweg, die Lothringerstraße und der Platz, der bis jetzt der Schwarzenbergplatz geblieben ist, die Landschaften und die Filmlandschaften: Sie könnten helfen, den richtigen Fragen auf die Spur zu kommen, unglaubwürdigen Reisen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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