Anonyme Downloads und Chats made in .at

5. August 2003, 10:56
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Die österreichische Softwaremacher Hopster.com im E-Mail-Interview über Internet-Zensur, Anonymität und das "erbärmliche" Verhalten der Unterhaltungsindustrie

Anonymität im Internet ist ein brisantes Thema. Die Unterhaltungsindustrie verfolgt neben den Providern mittlerweile auch schon Privatuser (Der Webstandard berichtete), auch Download-Fans in Österreich sollten sich nicht allzu sicher wähnen (Der Webstandard berichtete).

Zensur

Bei weiten mehr eingeschränkt sind natürlich User in China, Saudi-Arabien oder Syrien etc., in diesen Ländern herrscht rigorose Internetzensur.

Tools, auch als Österreich

Sowohl bei Filesharing Dienste habe Programmierer bereits reagiert (Der Webstandard berichtete) und auch zahlreiche Tools zur Umgehung von Firewalls und anderen Hindernissen (z.B.Triangle boy, Freebird) stehen Verfügung.

Eines dieser Tools nennt sich Hopster und kommt aus Österreich. Aus diesem Grund hat der Webstandard Andreas Pizsa von Hopster zum E-Mail-Interview eingeladen:

  • Sie bieten als österreichische Firma ein Produkt an, dass Anonymität im Internet verspricht. Ist in Österreich ein besonders hoher Bedarf an solch einem Produkt gegeben?

Anonymität im Internet ist auch in Österreich ein Thema, von einem "besonders hohen Bedarf" würde ich aber nicht sprechen; den würde ich eher in anderen Ländern sehen, in denen Anonymität eine politische Frage ist.

  • Woher kommen die typischen Kunden ihres Produktes? Wird Hopster auch in Ländern wie Saudi Arabien, China etc. zur Umgehung von Zensurmaßnahmen verwendet?

Die meisten hopster Anwender stammen zur Zeit aus der arabischen Community, konkret aus Syrien und Saudi Arabien. Dort hat sich hopster sehr schnell verbreitet, weil in diesen Staaten die Internet-Zensur für viele Menschen ein Thema ist. Die typischen (zahlenden) Kunden hingegen sind Mitarbeiter von Firmen oder Universitäten, die hopster verwenden, um am Arbeitsplatz mit ihren Freunden chatten zu können.

  • Was war ihre Motivation bei der Entwicklung von Hopster: Wollten Sie den UserInnen weltweit mehr Freiheit ermöglichen oder das „Nichtstun“ in heimischen Büros hierzulande?

Es ist natürlich einladend, darauf mit einem idealistisch-politischen Statement zu antworten :), aber die eigentliche Motivation für hopster war eine ganz pragmatische: ich wollte mit meinen Freunden chatten können und mir das Hin-und-Her-Schleppen meiner CD-Sammlung zwischen daheim und meinem Arbeitsplatz ersparen. So entstand hopster; statt immer mühsam meine CD-Sammlung mit mir herumzutragen konnte ich die Firewall am Arbeitsplatz umgehen und meine Lieblingstracks von Filesharing Diensten herunterladen.

  • Haben Sie bereits Beschwerden von Arbeitsgebern über ihr Produkt erhalten?

Bisher haben wir eine "Beschwerde" erhalten, und zwar von einem Systemadminstrator einer niederländischen Schule. Es war eigentlich eher eine Anfrage, wie man hopster unterbinden kann, denn die Kids in seiner Schule verwenden hopster für Instant Messaging. Dem guten Mann können wir leider nicht helfen – das wäre auch ein wenig absurd. Wir hoffen, dieser Admin sieht das als sportliche Herausforderung :)

  • Befürchten sie ein rechtliches Vorgehen der Unterhaltungsindustrie gegen ihr Unternehmen. Immerhin ist es mit Hopster möglich, über diverse Tauschbörsen anonym Downloads durchzuführen?

Nein, wir fürchten kein rechtliches Vorgehen, denn wir wissen ja nicht, wofür der einzelne Anwender hopster nutzt. Der primäre Zweck von hopster ist freie – im Sinne von "unzensierte" – Kommunikation. Man kann sich ja auch per Telefon zu einem romantischen Date verabreden oder eben eine Verschwörung planen. Es ist nicht die Aufgabe des Providers, das zu kontrollieren. Für hopster gilt das selbe. Ein rechtliches Vorgehen der Unterhaltungsindustrie gegen hopster wäre maximal gute Publicity für uns ;)

  • Wurde ihre Software für illegale Zwecke benutzt? Mussten Sie bereits mit der Polizei zusammenarbeiten, wenn ja, wie sah diese Zusammenarbeit aus?

Nein, wir haben noch nicht mit offiziellen Stellen zusammen gearbeitet. Zwar bekommen wir auf unserer Website regelmäßig Besuch von staatlichen Stellen – der U.S. Army zum Beispiel, oder einigen Botschaften – aber es ist noch zu keiner Anfrage diesbezüglich bekommen. Es ist vielmehr so, dass manche U.S. Soldaten hopster benutzen, wahrscheinlich um mit ihrer Familie daheim zu chatten während sie auf Auslandseinsatz sind. Wir halten uns völlig an das österreichische Telekommunikationsgesetz, das verbietet, inhalts- oder vermittlungsbezogene Daten zu speichern. Wir führen keinerlei Logfiles oder ähnliches.

  • Hopster ist kostenpflichtig. Konkurrenzprogramme wie etwa PeerGuardian oder die Tauschbörse Blubster versprechen ebenfalls Anonymität. Warum sollten UserInnen ihr Produkt bevorzugen?

Aus mehreren Gründen. Erstens bietet hopster ein Feature, das keines dieser Produkte anbietet, nämlich Kommunikation über die Grenze der Firewall hinweg. Damit wenden wir uns klar an jene User, die in Büros oder Unis arbeiten und sich eingesperrt fühlen. Zweitens ist hopster wirklich leicht zu benutzen und daher für ein breites Publikum anwendbar. Wir positionieren uns daher ganz bewusst eher als Lifestyle-Produkt und nicht als "Hacker" oder "Geektool". Der dritte Punkt ist, dass uns durch jeden hopster Anwender Kosten in Form von Internet-Traffic entstehen – diesen Traffic müssen wir selbst bei Telekomanbietern einkaufen. Wir bieten also mit hopster ein Produkt an, das seinen Preis wirklich wert ist – für € 9.95 pro Jahr ist man derzeit schon dabei, das ist nicht einmal ein Kaffee pro Monat und ein geringer Preis für sehr viel mehr Freiheit. Viertens enthält Hopster keine so genannte Spyware.

  • Wie beurteilen Sie den Standort Österreich für ihr Unternehmen? Viele Internetfirmen scheinen Standorte im nahezu "rechtlosen" Raum zu bevorzugen, der Vertrieb des Kopierschutzkillers anyDVD befindet sich zum Beispiel auf Antigua (West Indies), auch Sharman Networks, Betreiber der beliebten P2P Tauschbörse Kazaa haben ihr Hauptquartier in Australien.

Ich bin nicht sicher, ob das diese Standortentscheidung nur eine rechtliche Frage ist. Antigua, Tuvalu (wo Sharman Networks auch beheimatet ist) und andere Länder sind ja auch beliebte Steuerparadiese. Österreich ist für hopster ein gutes Zuhause, das österreichische Telekommunikationsgesetz für unseren Dienst gut geeignet. Ob sich das ändert, wird die Zukunft zeigen.

  • Sind ihrer Meinung die Sorgen vieler UserInnen um ihre Anonymität berechtigt oder handelt es sich dabei um eine unverhältnismäßige Hysterie?

Das ist eine Münze mit zwei gleichberechtigten Seiten, und vor allem eine sehr politisch-weltanschauliche Frage. In westlichen Staaten haben Anonymität und Schutz der Privatsphäre heute sicherlich einen anderen Stellenwert als in arabischen Ländern oder in China. Aber auch in den USA oder der EU gibt es Bestrebungen, das Internet einer gewissen staatlichen Kontrolle zu unterziehen – mit durchaus berechtigten Argumenten wie zum Beispiel der Verbrechensbekämpfung. Doch was ein Verbrechen ist, hängt sehr von der jeweiligen Regierung ab. Viele Menschen haben Sorge um ihre Privatsphäre, weil ihnen das Medium Internet zu undurchsichtig ist; viele der Sorgen werden auch durch Verschwörungstheorien, unqualifizierten Medienberichte aber von Produktanbietern genährt und sind deshalb oft unverhältnismäßig. Schlussendlich aber geht es bei Anonymität um ein subjektives Sicherheitsgefühl, bei dem jeder für sich selbst entscheiden kann, in welchem Ausmaß er sich schützen will.

  • Ein Blick in die Zukunft: Wird es die Unterhaltungsindustrie schaffen, den Druck so zu erhöhen, dass UserInnen von Tauschbörsen ihre jetzige Downloadpraxis beenden (müssen)? Oder werden die UserInnen mit Programmen wie z.B. Hopster und neuen Tauschbörsen immer einen Schritt voraus sein?

Die Art, wie die Unterhaltungsindustrie den neuen Distributions-Netzwerken begegnet, ist wirklich erbärmlich. Rein technisch gesehen wird die "Tauschbörsenjagd" immer ein Katz-und-Maus-Spiel bleiben, und auf dieser technischen Ebene wird die Unterhaltungsindustrie weiterhin das Nachsehen haben. Es ist schade, das so viel Zeit und Geld investiert wird, um die eigene Klientel zu jagen, anstatt das Angebot konsumentenfreundlicher zu gestalten, wie das zum Beispiel Apple getan hat.

Die Zukunft liegt meiner Meinung nach in dem, was Altnet vorbereitet: Digital Content mit DRM (Digital Rights Management) über Tauschbörsen zu verbreiten und kostengünstig – ohne Mittelmänner – anzubieten. Das ist eine wirkliche Business-Revolution im Unterhaltungsgeschäft, die auch Business-Modelle wie "Shareware-Musik" ermöglicht; jeder kann sein Werk publizieren und damit Geld verdienen. In diesem Bereich werden Tauschbörsen den Vorsprung halten und auch einen neuen Markt schaffen.

  • Wie sehen Sie Zukunft von Hopster, gibt es Ideen für neue Features oder neue Software?

hopster ist in der aktuellen Form weitgehend vollständig; hier und da erfahren wir noch von Bugs, die wir fixen, und wir werden das proprietäre Microsoft Proxy Server Protokoll unterstützen. Für noch mehr Anonymität bereiten wir soeben die Bezahlung per Telefon-Mehrwertnummer vor.

Längerfristig spielen wir mit der Idee, das SixFour Protokoll aufzugreifen (hacktivismo.com) und ein völlig anonymes P2P-Privacy-Network mitzugestalten.(kk)

Link

Hopster

Nachlese

Kostenloses Programm bietet Schutz für UserInnen von Online-Tauschbörsen

"Dieser Kampf hat einen Sinn"-Franz Medwenitsch, Geschäftsführer des Verbands der Österreichischen Musikwirtschaft, im Webstandard-E-Mail-Interview über Internet-Tauschbörsen, Raubkopien und rechtliche Konsequenzen für UserInnen

US-Musikindustrie will Tauschbörsen- User verklagen

Anynomes Filesharing

Wissen

Tauschbörsen im Überblick

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