Zeichen ohne Zeiger

15. Jänner 2013, 18:04
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An Otto Neurath aufgehängte Schau "Zeit(lose) Zeichen" im Künstlerhaus bleibt eher ahnungslos

Wien - Das Zifferblatt einer Uhr: Zwölf fette, 48 zartere Markierungen auf einem Kreis machen dieses Zeichen eindeutig. Es bleibt sogar dann lesbar, wenn die Zeiger fehlen und nur die Skala für verstreichende Minuten übrig bleibt. Öffentliche Orte, die diese Ikone der Zeit tragen, sind recht schnell als Rathaus oder Bahnhof enttarnt.

Der Umkehrschluss ist hierbei allerdings nicht - oder nicht mehr - möglich. Denn der Halle des Wiener Westbahnhofs ist seit Umbau und Sanierung nicht nur die riesige Uhr, sondern mit dieser irgendwie auch die visuelle Identität als zeitgebundener Ort des Ankommens und Abfahrens abhandengekommen. Mit voller Absicht wie es scheint: Denn schließlich soll hier der Charakter der Shopping Mall triumphieren und der beim Einkaufen lästige Faktor Zeit eher vergessen werden.

Der in Wien lebende Grafiker und Künstler Olaf Osten sieht sein zeigerloses Ziffernblatt Pendeln 090 jedoch positiv, "als stilisierten Ausdruck zeitlosen Empfindens". Während starken Erlebens, so schreibt dieser, schwinde das Bewusstsein für das Verstreichen von Zeit. "Diese Momente sind die vielleicht reichsten, die wir haben können." Ein Satz, der leider auch für die Strategien der Mall-Betreiber, die Zeitanzeiger lieber digital und kaum sichtbar auf Bildschirmen verstauen, passen würde.

Für ihre Ausstellung Zeit(lose) Zeichen. Gegenwartskunst in Referenz zu Otto Neurath im Wiener Künstlerhaus griffen auch die Kuratorinnen Marie Christine Holter und Barbara Höller auf Ostens ikonenhaftes Zeichen zurück. Mit Neurath, dem Erfinder der Isotype, der Wiener Methode der Bildstatistik, hat das allerdings sehr wenig zu tun. Denn der Anspruch des Wiener Philosophen und Ökonomen war es, mit seinem "Bild- Esperanto" (New York Times, 1933) eine "Humanisierung des Wissens" herzustellen, sprich allen Bürgern gleichermaßen Informationen über alle Bereiche des Lebens zu erschließen. Dort, wo die Sprache versagt, sollte die Piktogramme der Isotype Zusammenhänge deutlich machen.

Mit dieser sozialpolitischen, erzieherischen Haltung verknüpfen sich jedoch nur wenige Arbeiten der Schau, die auch die Chancen, aktuelle, kritische Bezüge zu visuellen Leitsystemen zu ziehen (Beispiel Westbahnhof) nicht ergreift. Größtenteils belässt man es dabei, die heutige Vielfalt kommunikativer Zeichen zu illustrieren. Dass manche Künstler sogar ganz bewusst, nicht eindeutig lesbare Formen schaffen (etwa Christian Hutzinger mit seinen wunderbaren, geometrischen Abstraktionen), wurde geflissentlich ignoriert.

Zur Handvoll positiver Ausnahmen zählen u.a. die Animationen Rodolfo Perazas, der Mechanismen totalitärer Systeme verbildlicht, Harun Farockis kritische Analyse von Symbolen für Migranten oder Michael Bielickys und Kamila B. Richters beeindruckendes, weltpolitisches Piktogramm. Mit Neurath unmittelbar verknüpfte Künstler wie Alice Creischer & Andreas Siekmann sowie die renommierte Künstlergruppe Bureau d'études fehlen völlig; die einen aus Budgetgründen, die anderen kennt man schlichtweg nicht. Eine nicht zu entschuldigende Ahnungslosigkeit. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 16.1.2013)  

Bis 17.2.

www.k-haus.at

  • Prunkstück der Schau "Zeit(lose) Zeichen": Weltuntergangsszenarien und 
Krisen aller Art sprechen in der interaktiven Animation von Michael Bielicky und 
Kamila B. Richter eine international dekodierbare Bildsprache. 
    foto: michael bielicky

    Prunkstück der Schau "Zeit(lose) Zeichen": Weltuntergangsszenarien und Krisen aller Art sprechen in der interaktiven Animation von Michael Bielicky und Kamila B. Richter eine international dekodierbare Bildsprache. 

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