Inmitten der Akteure der Weltgeschichte

15. Jänner 2013, 18:01
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Das Simon Wiesenthal Center wirft dem Journalisten und Herausgeber Jakob Augstein wegen dessen israelkritischer Haltung Antisemitismus vor

Was haben der iranische Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad und der deutsche Journalist Jakob Augstein gemeinsam? Nicht viel, würde man spontan vermuten, und hätte im Großen und Ganzen auch recht. Doch eine aktuelle Liste des Simon Wiesenthal Center in Los Angeles bringt die beiden ungleichen Figuren in eine Nähe, die vielen als unangebracht erscheint.

Zehn Protagonisten der antisemitischen und antiisraelischen "Verunglimpfung" stehen da in der Rückschau auf das Jahr 2012 feinsäuberlich gereiht, beginnend mit den ägyptischen Muslimbrüdern auf Position eins, an zweiter Stelle das iranische Regime in Person von Mahmud Ahmadi-Nejad, in weiterer Folge etwa noch die Unbelehrbaren unter den europäischen Fußballfans, rechtspopulistische Parteien aus der Ukraine, Griechenland und Ungarn.

Und inmitten all dieser mehr oder minder großen Akteure der Weltgeschichte findet sich auf Platz neun der Herausgeber der deutschen Wochenzeitung "Freitag": Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers. Ihm wirft das Simon Wiesenthal Center, das mit dieser jährlich erstellten Liste dem Kampf gegen Antisemitismus eine Richtung geben möchte, "Scheinheiligkeit" ("bigotry") vor.

Es folgen fünf ins Englische übersetzte Zitate aus Texten, die Augstein für "Spiegel online" geschrieben hat. Und in der Erläuterung wird der deutsche Journalist und Polemiker Henryk M. Broder zitiert, der Augstein als einen "kleinen Streicher" bezeichnet hat (in Anspielung auf den NS-Politiker und Herausgeber des Hetzblattes "Der Stürmer"). Diese Verunglimpfung hat Broder inzwischen zurückgenommen, nicht jedoch den Vorwurf des "lupenreinen Antisemitismus".

Um die schwierige Unterscheidung zwischen Kritik an der Politik des Staates Israel und rassistischem Antisemitismus dreht sich denn auch der sachlichere Teil der Debatte, die Deutschlands Intellektuelle seit dem Bekanntwerden der Liste kurz nach Neujahr beschäftigt, und die inzwischen längst das Label eines neuen "Antisemitismusstreits" bekommen hat (der erste wurde auch in Berlin geführt, und zwar im späten 19. Jahrhundert).

Anschwellender Kriegsgesang

Zur Erläuterung hier einer der inkriminierten Sätze Augsteins: "Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs."

Ebenso kontrovers ist Augsteins Gleichsetzung des islamistischen Fundamentalismus mit dem jüdischen. Ausgerechnet in Augsteins eigenem Blatt, dem Freitag, erschien zuletzt eine der besten Analysen seiner diesbezüglichen Texte.

Antijüdische Ressentiments

Der französische Journalist Olivier Guez, selbst durchaus kritisch, was die israelische Politik anlangt, äußert ein deutliches "Unwohlsein" hinsichtlich Augsteins politischer Meinungsäußerungen. Er schreibt: "Ich will manche seiner Thesen lieber mit einer gewissen Naivität und einer ziemlichen Unwissenheit über die Region und die psychologische Situation der Menschen dort erklären."

Das trifft einen Punkt, den auch Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, in einem Streitgespräch mit Augstein im "Spiegel" anspricht. "Er schürt fahrlässig antijüdische Ressentiments." Soll heißen: In der Kommentierung der Politik Israels gibt es so etwas wie eine besondere Sorgfaltspflicht, was die affektiven Register anlangt, der Augstein nicht vollständig nachgekommen ist.

Auf einer Liste mit Ahmadi-Nejad sollte er deswegen aber doch nicht stehen, sagt Graumann, der sich damit im Einvernehmen mit den allermeisten Kommentatoren befindet. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD, 16.1.2013)

Kommentar der anderen
Ressentiment mit bestem Gewissen
- Jakob Augstein spricht mit seinen israelfeindlichen Äußerungen vielen Kollegen und der deutschen Öffentlichkeit aus dem Herzen. Wieder zeigt sich, dass der Antisemitismus, wie Jean Améry es vorhergesagt hat, "ehrbar" geworden ist - Von Stephan Grigat

  • Antisemitismusstreit um den Verleger und Journalisten Jakob Augstein: Wo ist die Grenze zwischen zulässiger Kritik an der Politik Israels und antijüdischen Ressentiments?
    foto: der freitag

    Antisemitismusstreit um den Verleger und Journalisten Jakob Augstein: Wo ist die Grenze zwischen zulässiger Kritik an der Politik Israels und antijüdischen Ressentiments?

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