"Eine Maschine kann den Künstler nicht ersetzen"

Interview15. Jänner 2013, 17:19
4 Postings

Erica Bisesi ist eine Grenzgängerin zwischen Natur- und Geisteswissenschaft: Die ehemalige Astrophysikerin erforscht nun den Ausdruck von Gefühlen durch Musik

STANDARD: Sie haben früher als Astrophysikerin gearbeitet und forschen nun als Musikologin. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Bisesi: Mit ungefähr 15 Jahren habe ich begonnen, mich eingehender mit Physik zu beschäftigen. Ich war damals von zwei Dingen fasziniert: vom Himmel, der für mich ein künstlerisches Abbild des Universums darstellt und auf den Ursprung aller Dinge hinweist. Und von den Gesetzen der Materie und ihrer Bestandteile. Auf der Universität lernte ich dann, dass Astro- und Teilchenphysik zusammengehören. Die Entwicklung des Kosmos wird heute anhand der Eigenschaften und Verteilung der Materie im Weltraum erklärt.

STANDARD: Und die Musik?

Bisesi: Ich habe mit fünf Jahren begonnen, Klavier zu spielen, und bin schon früh bei Konzerten aufgetreten. Bis ich meine Dissertation im Fach Kosmologie abschloss, hatte ich mich in einer eigenartigen Situation befunden: Ich war Pianistin und Physikerin. Dann musste ich entscheiden, was ich mit meinem Leben machen will. Zu dieser Zeit entdeckte ich, dass man die Methoden der Physik auch in anderen Fächern anwenden kann, etwa bei der Analyse von Musikstücken. Auch hier benötigt man theoretische Modelle, die man an der Wirklichkeit überprüft.

STANDARD: Unter Physikern scheint eine musikalische Begabung nichts Ungewöhnliches zu sein. Einstein spielte Violine, Heisenberg Klavier. Gibt es Berührungspunkte zwischen analytischem Denken und Musikalität?

Bisesi: Musik ruft nicht nur Gefühle hervor, sie hat auch eine bestimmte Struktur, wenn man so will: eine Grammatik. Und diese ist eng verbunden mit logischem Denken, das bei Physikern gut entwickelt ist. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass es hier ein doppeltes Interesse gibt.

STANDARD: Wie gelang es Ihnen, in zwei Fächern wissenschaftliches Niveau zu erreichen?

Bisesi: Während des Studiums in Italien bekam ich die Möglichkeit, auf einem Konservatorium Akustik und Psychoakustik zu unterrichten. Mein Doktorvater meinte, das sei das Richtige für mich. So begann ich in die physikalischen und psychologischen Prinzipien der Musik einzudringen. Nach meinem PhD erhielt ich ein Stipendium, um an der Königlich-Technischen Hochschule in Stockholm in diesem Bereich zu forschen.

STANDARD: Danach gingen Sie an die Universität Graz, wo Sie nun ein Projekt "Ausdruck, Emotion und Imagination in der Musik" leiten. Worum geht es darin?

Bisesi: Dazu muss ich zunächst beschreiben, was ich in dem vorhergehenden Projekt gemacht habe. Darin ging es um die Entwicklung von Modellen, die den künstlerischen Ausdruck beim Klavierspiel beschreiben. Tempo und Dynamik sind bei Kompositionen zwar vorgegeben, aber jeder Pianist zum Beispiel interpretiert diese Vorgaben individuell. Wir haben diesen individuellen Ausdruck über die Abweichung von der Norm der Noten sichtbar gemacht. Tempo und Dynamik von Tönen beinhalten einen Code. In meinem aktuellen Forschungsprojekt untersuchen wir nun die Beziehung zwischen Ausdruck und Emotion.

STANDARD: Der emotionale Gehalt der Musik an sich oder ihrer Interpretation?

Bisesi: Beides. Die einfachste Möglichkeit, Gefühle in der Musik auszudrücken, ist die Wahl von Dur oder Moll. Ähnliches ist auch über Kadenzen, die Abfolge von Akkorden und über die Struktur der Melodie möglich. Natürlich ist auch der musikalische Ausdruck des Musikers gefühlsbetont, er fügt der Komposition noch einige Adjektive hinzu.

STANDARD: Könnte man mit Ihrem Modell zum Beispiel Glenn Goulds Fingerabdruck sichtbar machen?

Bisesi: Möglicherweise. Wir versuchen gerade, Stile anhand vieler verschiedener Parameter zu klassifizieren. Beispielsweise aufgrund des Tempos: Ein Interpret, der gewohnt ist, schnell zu spielen, könnte einen weiteren Blick über die Komposition haben - sein Spiel könnte daher besonders breite Bögen von Phrasierungen beinhalten. Das ist zurzeit aber nur eine Vermutung.

STANDARD: Könnte eine Maschine den Künstler einmal ersetzen?

Bisesi: Es gibt Forscher, die dar- an glauben, aber ich gehöre nicht dazu. Letztlich müsste man das menschliche Gehirn mit einer Maschine nachbauen, und das wird an der Komplexität des Gehirns scheitern.

STANDARD: Im Jahr 2013 darf man Wagner und Verdi nicht unerwähnt lassen. Was ist das Besondere an beiden?

Bisesi: Wagner ist historisch betrachtet deswegen wichtig, weil er die Abkehr von der tonalen Musik vorbereitet hat. Er hat mit seinem Konzept der Unendlichen Melodie zur Schwächung und Auflösung der klassischen Harmonik beigetragen. Nach ihm veränderte sich die westliche Musik von Grund auf. Das passierte im Übrigen zur gleichen Zeit wie die Abkehr vom Determinismus in der Physik, was vielleicht kein Zufall war. Verdis Beitrag ist dem des Wagner'schen "Melodramas" nicht unähnlich, aber weniger in Bezug auf die Tonalität, sondern in Bezug auf das Leitmotiv. Er hat die Struktur der italienischen Oper aufgebrochen und den dramatischen Ausdruck von Gefühlen auf eine neue Ebene gehoben.

STANDARD: Der heroische Klang einer Wagner-Oper - was ist das aus musikologischer Sicht?

Bisesi: Die Klangfarbe liegt einerseits in der Komposition: im Aufbau der Melodie und dem Arrangement der Harmonien. Aber auch in der speziellen Kombination der Instrumente. Wagner verwendete besonders häufig Blechbläser.

STANDARD: Kennen Sie das Forschungsprojekt "Big Bang acoustics"? Darin haben US-Forscher versucht, den Urknall in Töne zu übersetzen.

Bisesi: Ja, ich habe von dieser "kosmischen Symphonie" gehört. Auch wenn das eher Geräusche sind denn Musik. Ich habe übrigens einmal etwas Ähnliches versucht. Als Studentin wollte ich die Naturgesetze in eine Komposition übersetzen. Das Problem daran ist: Die Verhältnisse in den Gleichungen sind so extrem, dass sie unsere Wahrnehmung überfordern. Anders ausgedrückt: Der wahrnehmbare Unterschied zwischen Pianissimo und Fortissimo ist etwa viel zu gering, um die Verhältnisse in der Natur abzubilden. (Robert Czepel/DER STANDARD, 16. 1. 2013)


Erica Bisesi (42) aus Gorizia in Italien hat an den Universitäten Triest und Udine Physik studiert. Seit 2009 forscht sie am Zentrum für Systematische Musikwissenschaft der Universität Graz.

  • Erica Bisesi erkannte, dass die Methoden der Physik auch in anderen Fächern angewandt werden können.
 
    foto: j. j. kucek

    Erica Bisesi erkannte, dass die Methoden der Physik auch in anderen Fächern angewandt werden können.

     

Share if you care.