Sprachförderung im Kindergarten: Wie Chanel und Efe Deutsch lernen

Reportage | Rosa Winkler-Hermaden
24. Jänner 2013, 05:30
  • Martin, Chanel, Efe, Davina und Vivian (v. li.) besuchen das letzte Kindergartenjahr.
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    foto: derstandard.at/winkler-hermaden

    Martin, Chanel, Efe, Davina und Vivian (v. li.) besuchen das letzte Kindergartenjahr.

  • Einmal pro Woche lernt Renate Guldan mit den Kindern.
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    Einmal pro Woche lernt Renate Guldan mit den Kindern.

  • Guldan setzt auf Montessori-Materialien.
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    Guldan setzt auf Montessori-Materialien.

  • Ein Koffer voller Lernunterlagen.
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    Ein Koffer voller Lernunterlagen.

  • Chanel - ihre Eltern kommen aus China - will Bingo spielen.
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    Chanel - ihre Eltern kommen aus China - will Bingo spielen.

Jedes dritte Wiener Kind unter sechs hat Deutsch-Probleme - Auf 50 Kinder kommt eine Sprachassistentin

"Wo ist Renate?", fragt der fünfjährige Efe und zappelt von einem Bein auf das andere. An einem Tag pro Woche ist im Kindergarten in der Embelgasse alles anders als sonst, denn am Donnerstag kommt Renate Guldan zu Besuch. Die Kinder warten schon ungeduldig vor der Tür. Da betritt die 53-jährige Pädagogin endlich das enge Vorzimmer. Mit sich schleppt sie einen Koffer voll Montessori-Materialien, die beim Erlernen der Sprache helfen sollen. Im Kindergarten der St.-Nikolaus-Stiftung in Wien-Margareten werden 25 Kinder aus sieben Nationen im Alter von drei bis sechs Jahren betreut. Kein einziges von ihnen hat Deutsch als Muttersprache.

Soll die Sprachförderung im Kindergarten ausgebaut werden? Oder ist es besser, Vorschulklassen einzurichten? An der Frage, wie die Kinder beim Erlernen der Sprache gefördert werden sollen, scheiden sich die Geister. Integrationsstaatsekretär Sebastian Kurz (ÖVP) fordert Vorschulklassen, Anfang Jänner sprang auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) auf den Zug auf. Bisher hatte die SPÖ diese Maßnahme mit dem Argument, keine Ghettoklassen bilden zu wollen, stets zurückgewiesen.

Steine und Plastiktiere

Sprachlehrerin Guldan packt die Utensilien aus, legt Spielkarten, Filzteppiche, Steine und bunte Plastiktiere auf den Tisch. Fünf Kinder unterrichtet die Sprachassistentin, nämlich jene, die ab Herbst in die Schule gehen sollen und noch Sprachdefizite aufweisen. In der alltäglichen Kommunikation haben sie keine Probleme mehr, geht es aber um grammatikalische Feinheiten, stehen die Kinder an. Die Pädagogin bittet die ersten drei Kinder zu sich in den kleineren, ruhigeren Raum des Kindergartens. Efe kommt aus der Türkei, Davina aus Nigeria, Chanel aus China. Die Kinder sind zwischen fünf und sechs Jahre alt.

Zur Volksschule zugelassen werden sie nur, wenn sie ausreichend Deutsch sprechen. Der Wiener Stadtschulrat baut die seit 2008 existierende Maßnahme heuer weiter aus, was zu heftiger Kritik von Sprachwissenschaftlern führte. Die Professoren Rudolf De Cillia und Hans-Jürgen Krumm von der Universität Wien warnten vor Separation und sehen in eigenen Vorschulklassen für Migrantenkinder eine Diskriminierung.

Davinas schwarze Rastazöpfe wippen mit ihren ruckartigen Bewegungen mit. Der Förderunterricht gehört für sie und die anderen Kinder hier längst fix zur Kindergartenwoche dazu. Sie blickt konzentiert auf den Stapel Karten vor sich. Sprachassistentin Guldan zeigt auf eine Karte und fragt: "Was siehst du hier?" Davina antwortet: "Eine Katze!" Guldan: "Richtig. Jetzt denk dir irgendeine Zahl aus und sag mir die Mehrzahl von Katze." Davina überlegt nur kurz: "Dreihundertundsechzig Katzen", platzt es aus ihr heraus.

Ekmek heißt Brot

Nun ist Chanel an der Reihe. Sie hat eine Karte vor sich liegen, auf der ein Brot abgebildet ist. Beim Bilden der Mehrzahl tut sie sich noch schwer. "Bröte?", fragt das Mädchen vorsichtig. "Es heißt Brote", korrigiert Guldan. "Brote", wiederholt Chanel. Plötzlich wird Guldan zur Schülerin. Sie fragt Chanel, was Brot auf Chinesisch heiße: "Miànbāo", sagt Chanel wie aus der Pistole geschossen. "Und auf Türkisch?" "Ekmek", auch Efe weiß es sofort.

Guldan erklärt, dass es für die Kinder wichtig sei, den Bezug zur Muttersprache herzustellen. Durch die Muttersprache werde die Sprachbasis gelegt, alles weitere gehe dann einfacher. "Muttersprache ist die Sprache des Herzens", sagt sie. Zahlreiche Studien geben Guldan recht.

Ein Drittel aller Kinder wird gefördert

Guldans Sprachunterricht im Kindergarten in der Embelgasse wird von der MA 10 finanziert. Sie ist eine von rund 100 Förderassistentinnen, die in Wiens Kindergärten unterrichten. Bei einem Drittel aller Kinder im Alter von viereinhalb bis fünfeinhalb Jahren wurde im vergangenen Jahr ein erhöhter Sprachförderbedarf festgestellt. Insgesamt besuchten in diesem Zeitraum 15.000 Kinder das letzte Kindergartenjahr. Das bedeutet, auf eine Sprachassistentin kommen rund 50 Kinder.

Die Sprachassistentinnen werden nach Bedarf in den Kindergärten eingesetzt und unterstützen die Kinder mit mangelnden Sprachkenntnissen vor Ort. Darunter auch Kinder mit deutscher Muttersprache. Die Pädagoginnen kümmern sich nicht nur um sprachliche Fähigkeiten, sondern auch um die motorische, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder.

Hase mit A

"Haaaaase", spricht Efe Pädagogin Guldan nach. In der Embelgasse geht es weiter mit A-Übungen. Vor den Kindern liegen Tafeln, darauf abgebildet sind Gegenstände, die ein A enthalten. Die Kinder sollen erkennen, ob sich das A am Anfang, am Ende oder in der Mitte des Wortes befindet. Efe weiß die Antwort nicht. Renate beruhigt: "Das ist eine schwere Übung." Efe hat während des Unterrichts schon mehrmals erwähnt, dass er müde ist. Nach nicht ganz einer Stunde ist die erste Gruppe fertig, draußen wartet bereits die Jause.

Für ein zweites Kindergartenjahr

"Wir würden uns wünschen, dass Frau Guldan jeden Tag da ist." Susanna Haas, die pädagogische Leiterin der St.-Nikolaus-Stiftung, ist froh über Guldans wöchentliche Deutschstunden. Sie ist überzeugt, dass man bei der Sprachförderung im Kindergarten ansetzen muss. "Das System funktioniert gut, fein wäre es, wenn die Sprachförderung früher passiert." Denn je jünger die Kinder sind, desto höher sei die Bildungschance. "Man kann keine Wunder bewirken", sagt sie. Aber die Sprachmelodie würden die Kinder auf jeden Fall verinnerlichen. Einem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr steht Haas offen gegenüber.

Der für die Kindergärten zuständige Wiener Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) spricht sich jedoch dagegen aus. Er plädiert für mehr Ressourcen für die Frühförderung von Kindern und sieht das als zielführender als ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr. Die Wahlfreiheit der Eltern stehe im Vordergrund.

Schuleinschreibung bis 25. Jänner

Die älteren Kinder in der Embelgasse werden Reformen der Sprachförderung im Kindergarten nicht mehr treffen. Noch bis 25. Jänner haben ihre Eltern Zeit, sie für die Volksschule im Herbst anzumelden. Die Entscheidung, ob sie in die Volksschule kommen oder noch ein Jahr Vorschule absolvieren müssen, liegt in der Hand der Direktoren. Sie müssen bei der Schuleinschreibung feststellen, ob die Kinder in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. Entscheiden sich die Schulleiter gegen eine Aufnahme, folgt als Alternative für Kinder mit Sprachdefiziten die Vorschule - und damit die Trennung von jenen Kindern, die Deutsch bereits beherrschen. Vielleicht sind das ja Efe, Chanel und Davina. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 24.1.2013)

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Hier ein interessanter Link zum Thema Sprachförderung

https://www.youtube.com/watch?v=9P2F79ofbAI

Muss man denn jedes Problem speziell auslagern...

Wäre es nicht viel sinnvoller, den täglichen Kontakt und die Zuwendung, die jedes Kind im Kindergarten braucht, durch ein entsprechendes Sprachvorbild und die nötige Intensität der Auseinandersetzung für die Förderung zu nutzen?

Das wäre in der Tat am sinnvollsten - dazu bräuchte es einen besseren Personalschlüssel, denn als am relevantesten für Fortschritte in der Zielsprache Deutsch erwies sich ausreichender täglicher Kontakt mit deutschsprachigen erwachsenen Bezugspersonen. Damit ist aber gerade nicht kursartiger, stundenweiser Unterricht gemeint - aus deutschen empirischen Untersuchungen weiß man, dass die Ergebnisse solcher Art Unterricht sehr sehr mäßig sind im Vergleich zu den Fortschritten, die Kinder im normalen Kindergartenbetrieb mit ausreichend Gelegenheit zu Gesprächen ("Tratschen", "Sprechen über alles mögliche") mit erwachsenen, emotional nahen Bezugspersonen machen. Interessant wäre auch zu wissen, welche Ausbildung "SprachassistentInnen" vorweisen.

kein wunder, wenn die eltern keine zeit haben, mit den kindern deutsch zu lernen,

sie sind ja mit viel wichtigerem beschäftigt:

http://derstandard.at/135830440... verhetzung

wie soll ein Ausländerkind in Österreich Deutsch lernen!?

Ehemalige türk. Nachbarskinder beklagen sich öfters, dass in ihrem neuen Wohnort, NÖ, kein Einheimischer mit ihnen spricht.....

hörens doch mit den räuberpistolen auf.

kein Einheimischer mit ihnen spricht.....

Zur Not kann man Deutsch (zumindest in Grundzuegen) auch vom Fernsehen, Radio, Zeitungen, Buechern etc. lernen.
Vielleicht ist man dann in der Lage mit Einheimischen zu sprechen.

Zur Not kann man Deutsch (zumindest in Grundzuegen) auch vom Fernsehen,...

richtig: KÖNNTE man - wenn man nicht den ganzen tag vor turk-sat verbringen würde...

Ja ja,

Nur wir ÖsterreicherInnen sind soo böse, die armen MigrantInnen sind sicher absolut unschuldig und dürfen bitten zu gar keiner Verantwortung gezogen werden - das ist rassistsich. /Ironie off

Kindern im Kindergartenalter die Schuld zuweisen ist weniger rassistisch, als vielmehr bescheuert.

Bezieht sich dein Posting auf meinen Kommentar? Check ich grad ned.

Du meine Güte!

Eine Fremdsprache lernt man am Besten im kommunikativen Kontakt. Das gilt besonders für Kinder!
P.S. Sie müssen aber ein "schlechtes Gewissen" haben...

Warum sollt ich ein schlechtes Gewissen haben? Bitte um Aufklärung.

Wenn besagte Kinder einen Kindergarten oder eine Volksschule in NÖ besuchen, werden sie bestimmt Aschluss finen.

"... heftiger Kritik von Sprachwissenschaftlern führte. Die Professoren Rudolf De Cillia und Hans-Jürgen Krumm von der Universität Wien warnten vor Separation und sehen in eigenen Vorschulklassen für Migrantenkinder eine Diskriminierung."

Die Wissenschaft bezieht einen Gutteil ihrer Autorität aus ihren Objektvtätsstandards und ihrem Anspruch, Probleme ohne ideologische Voreingenommenheiten zu betrachten. Sie sollte ein Instrument zur Erlangung von Wissen und zur Lösung von Fragestellungen sein. Ziel der Wissenschaft kann es nicht sein, für die Interessen bestimmter Gruppen Partei zu ergreifen.

Möchte sie diese Autorität auch in Zukunft nicht verlieren, wäre jeder einzelne Wissenschaftler dazu angehalten, solche eindeutgen ideologischen Stellungnahmen zu vermeiden.

Im übrgen kann man bei dem Vorschlag der Vorschulklasse bei neutraler Betrachtung keine Diskriminierung erkennen. Schon gar nicht, wenn "jedes dritte Wiener Kind unter sechs" definzitäre Deutschkenntnisse hat.

Die Wissenschafter präsentieren das was sie in der Forschung herausgefunden haben. Das hat mit Ideologie doch nichts zu tun.

Wer ohne Argumente der Wissenschaft widerspricht handelt ideologisch.

In diesem Fall geht es darum, ob eine bessere Förderung im Kindergarten sinnvoller wäre als eine Vorschulklasse.

Dass die Kinder mit fehlenden Sprachkenntnissen Probleme haben ist unbestritten.

Du blendest aus, wie diese WissenschaftlerInnen zu ihren Ergebnissen gekommen sind. Und stellst Ursache und Wirkung sozusagen spiegelverkehrt dar. Wenn es sowohl theoretische Überlegungen gibt, als auch empirische Ergebnisse - und die gibt es in mehr als genügender Anzahl - die die Sichtweise der WissenschaftlerInnen untermauern, dann wäre es geradezu fahrlässig gegenüber dem Kindeswohl, wenn die WissenschafterInnen nicht für die bestmögliche, sondern für die schlechtestmögliche Option plädierten, nur weil diese dem "gesunden Hausverstand" auf den ersten Blick als die bestmögliche erscheint. Aufgabe der Wissenschaft ist es eben, nicht oberflächlich hinzusehen, sondern genau und auch die möglichen Folgen zu bedenken und zu überprüfen.

Wie sehr eine/n der "gesunde Hausverstand" in die Irre führen kann, lernt man z.B. in der Regel in der ersten Stunde einer Statistikvorlesung. Und komischerweise bei TechnikerInnen wird deren jahrelange Auseinandersetzung mit der Materie als nötiges Basiswissen anerkannt, da sagt niemand "Ich weiß aber viel besser, wie man Brücken baut" - beim Zweitspracherwerb wollens hingegen auf einmal alle wissen ohne auch nur eine halbe Stunde Zeit aufgewendet zu haben, um sich in die Materie wenigsens anhand eines Fachartikels einzulesen, geschweige denn sich mit Studien und empirischen Untersuchungen auseinanderzusetzen.

Beim jetzigen "nicht diskriminerenden" System braucht man kein Sprachwissenschaftler zu sein, um zu erkennen, dass es auf allen Linien versagt hat. 15% Schulabgänger, die die elementarsten Fertigkeiten nicht beherrschen und auch keine Chance mehr haben, sie noch zu erwerben, sind ein ebenso klares Zeichen für Versagen wie eine Brücke, die vor der Eröffnung eingestürzt ist.

Das jetzige System ist auch weit von dem entfernt, was WissenschaftlerInnen seit Jahren zu dieser Materie sagen. Wer sich dafür interessierte, kann das alles seit Jahren nachlesen in diversen Publikationen. Lustig ist, dass die Schuld dafür nun eben jenen WissenschafterInnen zugeschoben wird, die versuchen, eine grundlegende Verbesserung zu erzielen, statt kosmetische "Scheinreparaturen", die zudem zusätzliche und neue Schäden anrichten würden, zuzulassen. Wenn hier Schimpfen angebracht ist, dann gegenüber den BildungspolitikerInnen - die auf die WissenschafterInnen nach wie vor nicht hören wollen und lieber weiterhin dem "Volk" nach dem Mund reden. Und (allerdings nur sehr vordergründig und kurzfristig gedacht!) Kosten einsparen wollen.

Leider hat sich der im Artikel genannte Kommentar dieser Wissenschaftler weniger auf deren Expertise zum Zweitspacherwerb bezogen als auf deren Behauptung, Diskriminierung erkennen zu können und dagegen vorgehen zu müssen.

Anstelle angebliche Diskriminierung anzukagen, hätten besagte Wissenschaftler durchaus die Möglichkeit gehabt, ihre "theoretischen Überlegungen und empirischen Ergebnisse" detailliert vorzutragen. Das ist aber nicht geschehen - oder wurde zumindest von der Redaktion nicht mitgeteilt.

Soweit ich weiß, gab es lange Sitzungen mit Verantwortlichen für die öst. Bildungspolitik, und alle anwesenden ExpertInnen sprachen sich gegen Segregation aus - mit seitenlangen, wissenschaftlich fundierten Begründungen. Eigentlich wäre derartiges - neben den ohnehin seit Jahren und Jahrzehnten erfolgenden einschlägigen und nachlesbaren wissenschaftlichen Veröffentlichungen - der Ort, um Bedenken anzumelden. Das haben a l l e eingeladenen WissenschafterInnen getan. Wenn die Politik sehenden Auges danach dann das Gegenteil macht, kann man daraus nur schließen, dass sie dem "Volk" nach dem Mund reden will, und sehenden Auges in Kauf nimmt, dass sie ein suboptimales Vorgehen wählt, das im Widerspruch zu Erkenntnissen der Wissenschaften steht.

Du findest allein im Standard eigentlich zig Artikel dazu - aber man kann halt nicht empirische Untersuchungen, von denen jede einzelne auf zig Seiten dargestellt wird, auf wenige Zeilen runterbrechen, schon gar nicht auf öffentlichkeitswirksame. Wer sich wirklich dafür interessiert, findet haufenweise Sekundärliteratur dazu. Von den BrückenbauerInnen erwartet man ja auch nicht, dass diese ihre Statikexpertisen in zwei Absätzen darstellen.
Ich kann dir jedenfalls versichern, die Auseinandersetzung von Seiten der Wissenschaft ist längst zu ziemlich eindeutigen + fundierten Ergebnissen gerade in dieser Frage gekommen, aber die sind der Politik nicht genehm, wohl auch, weil die Öffentlichkeit sie nicht so goutieren würde.

Es ist mir und hoffentlich auch den meisten anderen durchaus klar, dass es hier "eindeutige und fundierte" Ergebnisse gibt.

Und natürlich ist es schwer, wissenschaftliche Ergebnisse "in zwei Absätzen" darzustellen, obwohl das beim L2-Erwerb sicherlich immer noch leichter zu bewerkstelligen wäre als in der Baustatik.

Leider geht es hier nicht - wie ich schon mehrmals erklärt habe - um die Frage, was die Wissenschaftler zu verschiedenen Sprachfördermodellen zu sagen haben.

Es geht um den Vorwurf der angeblichen "Diskriminierung", der in der Debatte immer wieder auftaucht.

Auch ein Sprachwissenschaftler sollte sich m.E. auf Aussagen beschränken, die sein Fachgebiet betreffen. Von "Diskriminierung" zu sprechen, ist hier nicht angebracht.

Ist alles längst geschehen, z.T. auch interdisziplinär. Sprich, vieles, aber nicht alles stammt von SprachwissenschaftlerInnen. Auch GehirnforscherInnen, ErziehungswissenschafterInnen und PsychologInnen haben zu solchen Fragen geforscht. Bei deren Untersuchungen zu "Diskriminierung" geben die auch an, wann sie etwas als Diskriminierung betrachten und was die Kriterien für Diskriminierung sind - es gibt nämlich tatsächlich einige objektive Kennzeichen für strukturelle Diskriminierung. Und es gibt auch Studien zu Folgen struktureller Diskriminierung. Warum sollten sich Wissenschaftler dazu nicht äußern dürfen? Eigentlich sind wir seit spätestens dem Atomzeitalter über das Bild des verantwortungsfreien Wissenschafters im Elfenbeintum hinweg.

Natürlich dürfen und sollen sich Wissenschaftler dazu äussern. Gerade in der Sprachdebatte leidet aber nöglicherweise die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.

Es ist ein gravierender Unterschied, ob ein Naturwissenchaftler z.B. vor Gefahren irgendeiner Technologie warnt oder ob ein Sprachwissenschaftler "Diskriminierung" diagnostiziert.

Was genau ist der Unterschied? Dass die Gefahren, vor denen "beide" warnen, einmal "nur" die Umwelt, das andere Mal unmittelbar die körperlich-psychische Gesundheit der Betroffenen (+ damit deren Leistung) betreffen? Einmal bricht halt eine Brücke frühzeitig ein, ein anderes Mal leiden Menschen?
Würdest du dich mit dem Zweitspracherwerb intensiv beschäftigen, so wüsstest du, dass das, was du als Nebenschauplatz bezeichnest, der die SprachwissenschafterInnen nichts angehe, eigentlich essentiell und zentral für den Erfolg des Zweitspracherwerbs ist. Man kann Sprachwissenschaft heute nicht mehr isoliert an Einzelnen oder einzelnen Gruppen betreiben, ohne die konkreten Erwerbsbedingungen und die realen Auswirkungen von Maßnahmen zu betrachten.

Und was genau bezeichne ich Ihrer Ansicht nach als Nebenschauplatz?

Die Auswirkungen von Diskriminierung auf a) den Zweitspracherwerb selbst b) die schulischen Leistungen c) das Selbstbild der Betroffenen. (Wobei es natürlich Wechselwirkungen zwischen a), b) und c) gibt und auch mittelbare, längerfristige Auswirkungen.

Warum? Gerade ein/e SprachwissenschaftlerIn im Bereich des Zweitspracherwerbs kommt heute gar nicht mehr umhin, sich mit Themen wie "Gehirnentwicklung" und "Identität" zu befassen und interdisziplinär zu arbeiten. Den Zweitspracherwerb losgelöst von der sozialen Gemeinschaft und den Lebensbedingungen zu betrachten, das wäre ein völlig anachronistisches Vorgehen!!! Zudem sind die Bedenken bzgl. der Diskriminierung auch von SozialwissenschafterInnen und BildungswissenschafterInnen geäußert worden u n d gibt es genügend empirische Untersuchungen, bei denen segregative Modelle sehr schlecht abschneiden im Vergleich zu den möglichen Alternativen. Es gibt auch zudem durchaus empirische Ergebnisse, die dem "gesunden Hausverstand" widersprechen.

Segregation ist aber nicht gleich Diskriminierung. Es geht hier um das Konzept "Disriminierung", um nichts anderes.

"Diskriminierung" ist in vielen Fällen kaum objektiv und vom jeweiligen ideologischen Hintergrund des Betrachters unabhängig zu definieren. Auch wenn immer wieder gerne behauptet wird, sie lasse sich ganz einfach objektiv definieren.

Wenn, sagen wir, jemandem aufgrund seines Geschlechtes derZugang zu bestimmten Berfuge verwehrt wird, ist das für die meisten eindeutig Diskriminierung.

Wenn jemand aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse eine Vorschulklasse besuchen soll, dann ist das vielleicht eine unwirksame Massnahme, ob es allerdings gleich "Diskriminierung" ist, sei dahingestellt.

Der Hinweis, dass seregative Modelle vergleichsweise wenig effektiv sind, genügt vollauf - und wirkt weitaus seriöser als der "Diskriminierungs"vorwurf.

Doch, man kann die Frage der Diskriminierung auch wissenschaftlich untersuchen - genauso ideologiebelastet oder wenig ideologiebelastet wie andere Fragen. Man kann darstellen, warum durch eine gewisse Vorgangsweise eine Gruppe x konstruiert wird, und in welchen Belangen diese Gruppe x im Vergleich zur Vergleichsgruppe y benachteiligt wird. Man kann schauen, ob es vergleichbare Konstruktionen in der Vergangenheit schon gab oder anderswo in der Gegenwart gibt und was die Auswirkungen waren bzw. ob befürchtete Auswirkungen eingetreten sind. Ob andere Formen zielführender. Man kann sogar relevante Einflussfaktoren für Unterschiede herausdestillieren oder Thesen aufstellen und herausfinden, dass ein Faktor weniger Einfluss hat als man dachte.

Natürlich kann man Diskriminierung wissenschaftlich untersuchen, das habe ich ja auch nicht bezweifelt. Irritierend ist lediglich die Argumentation mit einem Begriff wie "Diskriminierung" in der Sprachdebatte. Daher:

1. ist natürlich kein Wissenschaftsgebiet ideologiefrei. Aber es gibt Gebiete mit mehr oder weniger ideologisierten Fragestellungen, Inhalten oder Ergebnissen. Forschungen zur Diskriminierung scheinen mir hier besonders "ideologieanfällig" zu sein.

2. wäre es daher hilfreich, wenn sich die Linguisten auf Aussagen zur fehlenden Wirksamkeit einer Massnahme beschränken würden. Diese Frage ist hier relevanter und man kann sie durchaus kurz und griffig beantworten.

3. wird die Gruppe der Kinder mit magelnden Deutschkenntnissen nicht wirklich "konstruiert" - auch wenn das die übliche wissenschaftliche Ausdrucksweise ist. Deutschkenntnisse lassen sich doch relativ objektiv messen.

jepp, ist eine unglückliche Formulierung! Unlängst hat sich aber ein Experte zu Wort gemeldet, der meinte, es habe solche Sprachschulen schon gegeben und die waren erfolglos... DAS ist ein Argument!

diskriminierung ist nicht ideologisch, sondern diskriminierend.

diskriminierung funktioniert sogar ideologie-übergreifend.

wenn sie die genannte diskriminierung allerdings nicht sehen wollen, dann sind das sehr wohl ideologische scheuklappen ihrerseits.

Was Diskriminierung ist und was nicht, lässt sich ideologiefrei nicht feststellen.

Und nein, ich vertrete keine Ideologie, in der Fördermassnahmen - wie auch immer sie beschaffen sein mögen - als diskriminierend gelten.

Hier stehen weitaus wichtigere Dinge auf dem Spiel, als die Befindlichkeiten einzelner Migrantengruppen, die sich diskriminiert fühlen könnten. Dieses Problem ist, wenn überhaupt, zweitrangig.

Das Problem ist, dass hinter Diskriminierung - wie du es offenbar als einzig denkbare Möglichkeit sehen willst - keineswegs eine böse Person mit böser Absicht stehen muss. Oder mehrere. Gerade Fördermaßnahmen, die ungewollt zu Diskriminierung führen oder Diskriminierung verstärken, obwohl sie das Gegenteil intendieren (entweder tatsächlich oder vorgeben, dies zu tun), stellen aber für die Betroffenen ein sehr großes Problem dar, das ganze Bildungskarrieren negativ beeinflusst. Sogesehen ist es sehr seltsam, wenn man sich dann weigert, den ExpertInnen mehrerer Richtungen (Sprach- u. Erziehungswiss.) bei deren fundierten Begründungen zuzuhören, und die ExpertInnen schlicht für unzuständig erklärt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Für Sie ist "Diskriminierung" immer etwas einfach, klar und objektiv Fassbares. Für mich nicht. Das ist alles.

Sprachförderung ist sicher gut und wichtig, nur ändert es nichts daran das nur Kinder die dem deutschen Unterricht folgen können dem auch beiwohnen sollten.
Wenn die VolkschullehrerInnen auch noch die "Fremdsprache" Deutsch nebenbei unterrichten müssen bleibt vom normalen Lehrplan nicht mehr viel übrig.

Das Schöne wäre ja, dass beim Personalschlüssel, der - ganz abseits der Frage des Zielspracherwerbs - international längst als pädagogisch sinnvoll und als eigentlich unumgängliches Mindestmaß erachtet wird (+Ausbildung) der Deutscherwerb der Kinder im Kindergarten ganz natürlich von statten ginge, ohne dass man extra irgendwas "machen" müsste. Und das Traurige ist, dass kursartiger Unterricht 1. von den Inhalten 2. von der Methode 3. von der aufgewendeten Zeit / Kind 4. wegen der unzureichenden Kurz(?)ausbildung zwar billiger kommt als Ersteres, aber die Öffentlichkeit halt dennoch blenden kann. Wenn nicht einmal das was nützt, wird es heißen, wenn dasselbe rauskommt (wie in D längst rausgekommen ist), dann ist eh Hopfen und Malz verloren.

deswegen geht es in dem artikel ja um sprachförderung - gelesen?

Hab ich schon, sie auch?

"Zur Volksschule zugelassen werden sie nur, wenn sie ausreichend Deutsch sprechen. Der Wiener Stadtschulrat baut die seit 2008 existierende Maßnahme heuer weiter aus, was zu heftiger Kritik von Sprachwissenschaftlern führte. Die Professoren Rudolf De Cillia und Hans-Jürgen Krumm von der Universität Wien warnten vor Separation und sehen in eigenen Vorschulklassen für Migrantenkinder eine Diskriminierung."

Es wurde wieder mal der Vorwurf der Diskriminierung eingebaut. Jede Form von Eignungstest ist somit aber automatisch Diskriminierung.

"Muttersprache ist die Sprache des Herzens"

Als AuslandsÖsterreicher kann ich da nur zustimmen, selbst wenn man mehrere Monate/Jahre eine Fremdsprache spricht und diese Perfekt beherrscht verfällt man immer wieder in einen Zustand in dem es einem gut tut einfach mal Österreichisch zu denken/sprechen!

Bin stolz dass es in Österreich solche Programme gibt!

kindgerecht!

"Jetzt denk dir eine Zahl und sag mir die Mehrzahl von Katze" ist ein Input der nicht in den Vorschulbereich gehört! Implizites Wissen von Mehrzahl ist ja vorhanden, Kinder sehen viele Dinge, nehmen einen Mengenbegriff auf, doch ist der Begriff mehrzahl als solcher grammatikalisch beim zwietspracherwerb auf der frühen Stufe auch wichtig!?......Sprachassistentin hört sich gut an, ist auch notwendig im Kindergarten und ja täglich- so wie im täglichen Umgang einer gut ausgestatteten Vorschulklasse (mit geeignetem ansprechenden material UND professionell ausgebildeten und entsprechend rege tätigen Vorschulkräften;-)

Völlig richtig - aber man hat bunte "Arbeitsblätter", die man herzeigen und "durchnehmen" kann, ah, das ist ja dann fast so wie in der Schule, also muss das gut sein. (Und das völlig unabhängig davon, was bei empirischen Untersuchungen in Deutschland zu kursartigem Unterricht im Vorschulbereich rausgekommen ist als Ergebnis.)
Davon abgesehen, ich bin mein ganzes Leben lang bisher ohne den Gebrauch der Mehrzahl "Brote" ausgekommen.
Soweit ich weiß, gibt es auch keine oder nur eine Kurzausbildung in einem oder zwei Bundesländern (Wien und NÖ sind da, glaub ich nicht dabei) für SprachassistentInnen. Gäbe es eine solche, wäre das ein unglaublich sensibler Bereich, der nicht im Rahmen einer Kurzausbildung abgehandelt werden dürfte.

Und was ist nun die Begründung? Die RotstrichlerInnen sagen tatsächlich nicht, sie kaufen "zwei Laib Brot" oder essen "drei Scheiben Brot", sondern sie essen "drei Brote"? Oder die Sprachförderung wäre kein sensibler Bereich? Oder es stimmt nicht, dass es empirische Untersuchungen gibt, denen zufolge die kognitiven Fortschritte bei den Kindern umso größer waren in Kindergärten, je weniger(!) Zeit dort wöchentlich mit Arbeitsblättern verbracht wurde? Weil so ziemlich alles andere, was in der Zeit alternativ gemacht werden konnte, fördernder und sinn-voller war und ist. (Auch so ein weiteres überraschendes Ergebnis für den "Hausverstand".)

an die Redaktion

100 Sprachassistenten bei 15.000 Kindern, von denen 1/3 Förderbedarf hat.

Ich tippe auf 50 Kinder pro Assistenten und nicht 500 wie im Artikel.

Es wird anscheinend ohnehin einiges getan in Wien, bin positiv überrascht darüber.

LG

Vielen Dank für den Hinweis,

der Fehler ist bereits ausgebessert. LG mte

Sprachförderung im Kindergarten ist wichtig aber meiner Meinung

ist auch wichtig, dass nicht eine nichtdeutsche Muttersprache in einer Kindergartengruppe domniert und somit Deutsch die lingua franca ist. Das hat bei meiner Tochter gut funktioniert und am Ende des Kindergartens hatten alle Kinder, unabhängig von der Muttersprache, gute Deutschkenntnisse.

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