Onkel und Engel

15. Jänner 2013, 17:11
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Das Tanzquartier Wien nimmt in seinem Kurzfestival Scores #6 vom 16. bis zum 19. Jänner den gläubigen Körper ins Gebet

Neben Performances und Workshops wird es auch eine zweitägige Ringvorlesung geben.

Wien - Körperlichkeit und Religiosität gehören zusammen. Aus dieser Gewissheit macht das Tanzquartier Wien sein neues Scores-Kurzfestival. Die sechste Ausgabe, "On Addressing", wartet ab heute, Mittwoch, mit Performances, Workshops, Filmen und Lectures, sogar einer ganzen Ringvorlesung zu den "Körpern der Religion" auf.

Gleich hier eine Warnung. Wer bisher den hilfreichen Gebetomat von Oliver Sturm, der seit einiger Zeit im Foyer der Tanzquartier-Halle G aufgestellt ist, noch nicht nutzen konnte: Jetzt aber schnell! Denn mit Ende von Scores am kommenden Samstag wird das Gerät abgebaut. Dann heißt es wieder selber beten.

Mit "On Adressing" hat man sich's nicht leicht gemacht. Denn es ist keineswegs klar, wer in welcher Religion was an wen richtet. Ob sich ein Glaubenssystem des Körpers bemächtigt oder umgekehrt. In Uncles & Angels der südafrikanischen Choreografin Nelisiwe Xaba etwa dräut der Missbrauch religiöser Traditionen für politische Zwecke herauf. Zusammen mit Videofilmer Mocke J. van Veuren und durchaus ironisch beleuchtet sie Strukturen von Macht und Manipulation.

Ebenfalls nicht ganz ohne Witz geht es bei Marta Navaridas' und Alexander Deutingers Tanzduett Speaking of which zu, in dem das Wurmloch auf exzentrische Interpassivität trifft und die Wissenschaft mit Philosophie und Religion walzt. Schärfer wird es bei Tänzer Ali Moini, der seinen paradoxical knives einen sufihaften Drehwurm verleiht.

Weiters zu sehen sind Videos über Disputationen buddhistischer Mönche oder über blutige Gebetsrituale. Zu den Vortragenden an zwei Ringvorlesungsnachmittagen gehören Azra Aksamija, Arno Böhler mit Susanne Granzer, Bruce Ferguson mit Nathaniel Bowditch und Jalal Toufic. Schließlich füllt Fuckhead Die Lücke des Nichts mit Donner, Schüttbild und Blitz, und bei Myassa Kraitt und Serkan Bozkurt kann man wieder richtig beten lernen. Wenn dann der Gebetomat nicht schon alles gesagt haben wird. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 16.1.2013)

  • Nicht ganz unironisch beleuchet die südafrikanische Choreografin Nelisiwe 
Xaba unheimliche Strukturen von Macht und Manipulation.
    foto: nelisiwe xaba

    Nicht ganz unironisch beleuchet die südafrikanische Choreografin Nelisiwe Xaba unheimliche Strukturen von Macht und Manipulation.

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