Militäreinsatz in Mali: Alles Islamisten in "Afrikas Afghanistan"?

Blog15. Jänner 2013, 16:17
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Es ist wie immer in bewaffneten Konflikten dieser Art: Die Lage scheint eindeutig, dabei ist nur klar, dass eigentlich gar nichts klar ist

Das Ziel der nun auch vom UN-Sicherheitsrat legitimierten französischen Militäroperation in Mali variiert zwischen einer "holding back mission" (Experten) und der vage, aber eben doch angedeuteten Vertreibung der islamistischen Verbände auch aus dem Norden des Landes (Präsident Francois Hollande).

Die Bombardements der "Opération Serval" haben fürs Erste erreicht, dass die aus dem Norden vorrückenden Jihadisten gestoppt wurden. Dass sie ganz aus dem Land geworfen werden können, ist allerdings äußerst unwahrscheinlich. Mali ist der Fläche nach etwa zweimal so groß wie Frankreich. Auch wenn Paris die seit Dienstag dort stationierten 750 französischen Truppen signifikant aufstockt, seine westlichen Alliierten neben Logistik auch Soldaten stellen und die in Auflösung begriffene Armee Malis plötzlich eine effektive Truppe würde - das Land ist de facto nicht zu kontrollieren.

Und zwar vor allem deshalb, weil es in Mali nicht nur um barbarische Hardcore-Islamisten von "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" (AQIM) und der mit ihnen verbündeten "Bewegung für die Einheit und den Jihad in Westafrika" (MUJAO) sowie "Ansar Dine" geht. Denn daneben gibt es die die Interessen der Tuareg, die in der "Bewegung für die Befreiung Azawads" (MNLA) für einen eigenen Staat in Nordmali kämpfen. Sie haben sich radikalisiert, seit frühere Tuareg-Söldner Muammar al-Gaddafis nach dessen Ende aus Libyen in den Süden zurückgekehrt sind. Auch andere Ethnien organisieren sich - obwohl der Konflikt noch nicht nach diesen Linien ausgefochten wird - inzwischen nach ethnischen Gesichtspunkten. Die Songhai stellen etwa die Mehrzahl der Gandy-Koy-Milizen.

In der Gemengelage spielen zudem die Animositäten zwischen Weißen (Tuareg, Araber) und Schwarzen (schwarzafrikanische Ethnien wie eben die Songhai) eine Rolle, die Trennung des Landes zwischen dem Sahel-Streifen im Süden und der Sahara im Norden, die Marginalisierung großer Bevölkerungsteile, die Machtspiele der Nachbarstaaten Mauretanien, Algerien und Niger sowie jene der früheren Kolonialmacht Frankreich. Und nicht zuletzt kommen die Interessen von diversen Verbrechersyndikaten dazu, denen ein möglichst schwacher Staat in Mali zupasskommt (siehe Grafiken).

Letztere nutzen die alten Karawanen-Routen (durch Timbuktu kamen Ende des 19. Jahrhunderts 400 Karawanen pro Jahr, die mit 140.000 Kamelen gut 20.000 Tonnen Fracht beförderten) heute für ihre Schiebergeschäfte. Es geht um Menschen- und Waffenschmuggel, die Region ist aber vor allem eine der Hauptrouten für den Kokaintransport aus Lateinamerika nach Europa.

Ob die handelnden Warlords nun Islamisten sind, Sozialrevolutionäre, Schmuggler oder in Personalunion alles gleichzeitig, ist schwer zu durchschauen. Unzureichend ist es jedenfalls, sich nur auf jihadistische Terroristen einzuschießen, wie es das US-Afrikakommando (Africom) tut. Dessen Kommandant, General Carter Ham, lässt keine Gelegenheit aus, auf die terroristische Zusammenschlüsse in Afrika hinzuweisen. Das Wort vom "Afghanistan Afrikas" macht die Runde.

Die zurückhaltende Reaktion des Westens - auch der Amerikaner übrigens - zeigt allerdings, dass die Militärs und noch mehr die Politiker sich vorerst noch an ihre Afghanistan-Lektion erinnern können. Kein Land, auch Frankreich nicht, hat ein Interesse an einer großen Militäroperation in Mali. Islamistische Terroristen hin oder her, es gibt dort einfach zu viele Unwägbarkeiten. Die derzeitige Intervention ist dennoch nötig. "Opération Serval" wird vermutlich die Lage einigermaßen stabilisieren, wird in Paris (und anderswo) kalkuliert. Die EU will mit einer Ausbildungsmission helfen.

Der Rest ist Hoffnung. Hoffnung, dass sich die Sache irgendwie von selber regeln wird. (Christoph Prantner, derStandard.at, 15.1.2013)

  • Franzosen und Soldaten der malischen Armee ziehen an einem Strang.
    foto: ap photo/jerome delay

    Franzosen und Soldaten der malischen Armee ziehen an einem Strang.

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