Canossagang auf Mutter Oprahs Sofa

15. Jänner 2013, 02:13
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Lance Armstrongs wohlkalkulierte Beichte - Die zweite Chance als Lebensphilosophie

Wer zu Oprah ins Studio geht, der hofft auf Milde. Der will ein Geständnis ablegen, und zugleich baut er darauf, dass die Königin der Talkshows Verständnis zeigt, wie gütige Mütter es tun. Bei ihr erzählte der tragische Michael Jackson von Vitiligo, der Krankheit, die seiner Haut die Pigmente raubte. Whitney Houston sprach auf Oprahs Sofa erstmals über Drogen. Oprah Winfrey also, die Beichtmutter der Nation. Nun ist es Lance Armstrong, der diskreditierte Radrennfahrer, der sich von der Frau aus dem tiefsten amerikanischen Süden befragen lässt, auf dass die erste Hürde weggeräumt werde auf dem langen Weg zu einem Comeback.

Aussagen gegen führende UCI-Funktionäre?

Am Donnerstag- und am Freitagabend amerikanischer Ostküstenzeit, in Europa mitten in der Nacht, wird das Interview in zwei Teilen ausgestrahlt, der erste öffentliche Auftritt, seit der abgestürzte Star des Dopings überführt worden war und ihm alle sieben Tour-de-France-Siege aberkannt wurden. Bereits am Montag wurde es aufgezeichnet, nicht in Armstrongs Villa im texanischen Austin, vor deren Mauern die Fotografen vergebens auf einen Schnappschuss warteten, sondern in einem Hotel. Der Ex-Profi soll Reue gezeigt haben, meldet der Buschfunk. Zugleich soll er angekündigt haben, gegen mächtige Männer des Sports, führende Funktionäre des Weltradsportverbands UCI, aussagen zu wollen. Die stehen seit langem im Verdacht, vom systematischen Doping nicht nur gewusst, sondern es auch gebilligt zu haben. "Er war VORBEREITET", twitterte Oprah, das Interesse schürend.

Was Armstrong bezweckt mit seiner Medienoffensive, hat er, so berichtet es das Wall Street Journal, schon im Dezember bei einem vertraulichen Treffen mit Travis Tygart, dem Chef der amerikanischen Antidopingbehörde Usada, deutlich gemacht. Die Wiederauferstehung, nicht weniger. "Sie halten den Schlüssel zu meiner Erlösung nicht in der Hand", soll er Tygart angefahren haben, als der hart blieb. "Es gibt nur eine Person, die den Schlüssel in der Hand hält, und das bin ich selbst."

Der Gebrauch verbotener Substanzen sei weit verbreitet im Profisport, soll der 41-Jährige zuvor argumentiert haben, auf ein Einlenken Tygarts hoffend. Er allein werde an den Pranger gestellt, dabei hätten andere haargenau dasselbe getan. So ähnlich könnte sich Armstrongs Verteidigungsstrategie bei Oprah anhören. Hinzu kommen vielleicht ein paar wohlkalkulierte Tränen, zerknirschte Blicke. Bereits am Montag hatte er Livestrong besucht, um sich zu entschuldigen, die von ihm gegründete Krebsstiftung, die seinen Namen nicht mehr tragen darf. Am Ende des sorgfältig inszenierten Canossagangs, scheint der Gestrauchelte zu hoffen, soll ihm die Usada wenigstens gestatten, im Triathlon zu starten, den er betreibt, seit er 2011 mit den Radrennen aufgehört hatte.

Der Fall des Helden, gefolgt von Innehalten und einem Comeback, so ungefähr soll es laufen. Das Scheitern gehört ja zwingend zu den Geschichten über zweite Chancen, die Amerikaner so lieben. George W. Bush war Alkoholiker, bevor er sich besann und Präsident wurde. Eine Geschäftspleite ruiniert den Ruf nicht auf Dauer, eher gilt sie als wertvolle Lektion. Die zweite Chance als Lebensphilosophie, funktioniert das auch bei Armstrong? Bei solchen Dimensionen der Täuschung? (Frank Hermann aus Washington, DER STANDARD, 16.1.2013)

  • TV-Tipp: Das Gespräch wird in der Nacht auf Freitag um 3 Uhr MEZ auf Discovery 
Channel (Sky) gezeigt. Das Interview ist auch im Livestream auf oprah.com zu verfolgen. Noch am Freitag folgt um 19:15 Uhr die Free-TV-Premiere 
auf DMAX im deutschsprachigen Raum.
    foto: reuters/burns

    TV-Tipp: Das Gespräch wird in der Nacht auf Freitag um 3 Uhr MEZ auf Discovery Channel (Sky) gezeigt. Das Interview ist auch im Livestream auf oprah.com zu verfolgen. Noch am Freitag folgt um 19:15 Uhr die Free-TV-Premiere auf DMAX im deutschsprachigen Raum.

  • TV-Stationen bemühten sich in Austin um die besten Plätze vor Armstrongs Haus.
    foto: reuters/selvidge

    TV-Stationen bemühten sich in Austin um die besten Plätze vor Armstrongs Haus.

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