Das Element, in dem die Seele ihren Atem schöpft

15. Jänner 2013, 07:00
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Dialekt als Ausdruck regionaler Identität, Symbol des Dazugehörens - und der Abgrenzung

"Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Athem schöpft." So äußert sich Johann Wolfgang von Goethe.

Zunächst sei ein Beispiel dafür angeführt, wie Seelen Atem schöpfen. Rowley berichtet von einer Gruppe von Studenten, alle aus dem Ort Wallenfels im Frankenwald, die sich in der Universitätsstadt einmal in der Woche zum Stammtisch trifft. Wie und warum das Bedürfnis entstand, sich einen Namen zu geben, ist nicht überliefert. Bald nannte sich die Runde jedenfalls die Straamoggl.

Warum? Weil dieses Wort als absolut typisch Wallenfelserisch empfunden wurde, und weil alle glaubten, damit einen Geheimausdruck zu benutzen, den nur sie kennen. In Wirklichkeit ist die Bezeichnung Streumockel in mundartlicher Lautung für Nadelbaumzapfen im Fränkischen weitverbreitet. Aber das Motiv ist klar: Das Dialektwort ist hervorragend geeignet, die Zusammengehörigkeit der Gruppe unüberhörbar zu machen. Dialekt steht also als Symbol für Gruppenzugehörigkeit, für Ortszugehörigkeit. Er hat sehr direkt mit Identität zu tun.

"Sprachen", hat ein amerikanischer Linguist einmal sinngemäß gemeint, "das sind Dialekte mit Luftwaffe, Heer und Marine." Es sind also im weitesten Sinne politische Faktoren, die den Unterschied ausmachen. So können durch politischen Beschluss aus Dialekten Sprachen werden. Das ist mit dem Makedonischen im Verhältnis zum Bulgarischen oder mit dem Moldauischen im Verhältnis zum Rumänischen erfolgt; und wir haben alle miterlebt, wie das Serbokroatische in die zwei Sprachen Serbisch und Kroatisch auseinanderdividiert wurde. Was ein Dialekt ist und was eine Sprache, das bestimmt letztlich die Sprachgemeinschaft selbst.

Warum gibt es Dialekte? Warum sprechen wir nicht alle einheitliches, standardisiertes Deutsch? Tatsache ist, dass die allerwenigsten Deutschen so sprechen. Es gibt sogar Fachkollegen, die bezweifeln, ob es in unserem Alltag ein solches Deutsch überhaupt gibt. Ob es unter Österreichern anders ist, möge dahingestellt bleiben. Dialekte dagegen gibt es, man tut gut daran, sie ernst zu nehmen.

Linguisten sind sich einig, dass es in der Natur der Sprache selbst liegt, dass Dialekte entstehen. Dies wird den Studierenden folgendermaßen erläutert: Die sprachlichen Formen, in denen die Bedeutungen gekleidet sind, sind letztlich willkürlich. Es ist Zufall, dass ein Tisch Tisch heißt. Dass es prinzipiell auch anders sein könnte, das beweisen uns schon die Fremdsprachen. Die Zuordnung der Lautfolgen zu den Inhalten, den Bedeutungen, erfolgt durch Übereinkunft innerhalb einer Sprachgemeinschaft willkürlich.
Austausch und Barriere

Weil das so ist, hat eine Sprache zwei Funktionen, eine kommunikative und eine symbolische. Und beide haben ebenfalls zwei Seiten; die kommunikative Seite den Sprecher und den Hörer; und die symbolische Seite ermöglicht und fördert einerseits den Austausch innerhalb der Sprachgemeinschaft, aber gleichzeitig errichtet sie eine Barriere, erschwert den Austausch und stärkt die Abgrenzung gegen außen.

Die Mitteilung von Inhalten ist also nur eine der Grundfunktionen einer Sprache. Sie dient ebenfalls primär als Mittel zum Ausdruck der Zugehörigkeit zu Sprachgemeinschaften; die gleiche Sprache signalisiert dabei Zugehörigkeit zur gleichen Gruppe - seien es regionale, soziale, berufliche oder andere Gemeinschaften -, und sprachliche Unterschiede werden instrumentalisiert, um Unterschiede zwischen Gruppen zu symbolisieren. Beide symbolischen Funktionen sind gleichwertig und primär.

Würde man morgen die Dialekte abschaffen, dann entstünden neue. In Wien, Berlin oder in Bochum etwa sind die alten Bauernmundarten längst verschwunden. Aber der typische Wiener oder Berliner, der typische Ruhrpottler spricht heute trotzdem nicht gerade das reinste Hochdeutsch, sondern man hört ihm deutlich seine Herkunft an.

In dem Kinderbuch "Hallo Vivi" von Angelika Mechtel lässt die Autorin zwei Töchter einer Münchner Familie aufs Land ziehen, wo sie die Dorfkinder als "Breiß" beschimpfen. Durch Vermittlung des einheimischen Mädchens Renate finden sie zuletzt doch Anschluss. Dann kommt ein Gastarbeiterkind hinzu, das auch drangsaliert wird. Vivi: "Warum lassen die ihn nicht in Ruhe?" Renate zuckt mit den Schultern: "Der gehört nicht dazu." "Ist keiner mit ihm befreundet?" "Befreundet? Nie im Leben! Mit dem ist niemand befreundet. Den kann man ja nicht mal verstehen, wenn er was sagt." "Siehste", sagt Anschi [die andere Schwester] triumphierend, "jetzt weißt du, warum ich Bayrisch lerne."

Sprache also ist von ihrem Wesen her nicht nur Mittel zur Mitteilung von Inhalten, sondern ebenso Mittel zum Ausdruck von Identitäten, ja Symbol für das Dazugehören. Regionale Sprache - Dialekt - ist Ausdruck regionaler Identitäten; die sind es, in denen unsere Seelen Atem schöpfen. (Anthony Robert Rowley, DER STANDARD,15.1.2013)


Anthony Robert Rowley ist Leiter der Redaktion des Bayerischen Wörterbuchs der Kommission für Mundartforschung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Der - hier stark gekürzte - Beitrag stammt aus dem Buch "Sprache(n) als europäisches Kulturgut", Claudia Schmidt-Hahn (Hrsg.), 224 Seiten, Studien-Verlag Innsbruck/Wien/Bozen 2012, € 32,90. Eine Veröffentlichung in Kooperation mit dem Herbert-Batliner-Europainstitut.

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