Mit japanischem Fernsehen gegen die Showkrise

14. Jänner 2013, 19:59
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Die Showbranche des Westens leidet seit geraumer Zeit unter chronischer Ideenlosigkeit - Helfen könnte ausgerechnet der bisher als isoliert geltende japanische Markt mit Formaten, die mehr als früher auf einen internationalen Geschmack setzen

Wien - Nach Helmut Bergers Abschied aus dem Dschungelcamp überwiegen bei RTL wieder die langen Gesichter. Nicht nur dort: "Austria's Next Topmodel" müht sich vor mageren 150.000 Zuschauern ab. Der ORF erreichte mit "Keine Chance" ein überschaubares Publikum. "Wetten, dass...?" macht mehr mit Schleichwerbung von sich reden als zündende Spieleinlagen: Der Showbranche ging es schon besser. Ideenlosigkeit und mangelnde Risikobereitschaft führten dazu, dass zehn Jahre nach Erfindung von Wettsingen und -tanzen das Genre Erschöpfungstendenzen zeigt.

Ein Blick Richtung Fernost könnte helfen: Japan, lange Zeit in Sachen Fernsehen ob des sehr speziellen Geschmacks des Publikums vom internationalen TV-Markt isoliert, stellt sich immer öfter mit kompatibler Ware vor. Als Ideengeber könnten ORF und Co mehrfach profitieren. Zarte Ansätze an Interesse ist bereits vorhanden:

In "Fake Reaction" täuschen im britischen ITV Promis seit Jänner ihr Publikum. Vorlage ist eine Show des Senders Fuji. Niederlande, Belgien, Schweden und Polen spielen "Ranking the Stars". Wie im japanischen Vorbild bewerten sich darin Promis gegenseitig. Die Realityserie "Dragon's Den" lief bereits in mehr als 25 Ländern, jüngst adaptierte sie das polnische Fernsehen. Der "Iron Chef" kann als Vorfahre der heute so beliebten Kochkonkurrenzen verstanden werden, wenn auch in den 1990ern mit weitaus gestylteren Kandidaten. Japanische Heimvideoshowideen kupferten westliche Privatsender mehrfach ab.

Öffnung findet statt, zuletzt im Herbst bei der größten europäischen Händlermesse Mipcom statt, wo sich Japan als starker und an Kooperationen interessierter Formatepartner präsentierte. Der US-Kabelsender Syfy griff etwa bei "Exit" zu, einer Show in der Kandidaten Angsträume überwinden müssen. Deutschland, Frankreich, Russland, Schweden und Niederlande signalisieren ebenfalls Interesse, berichtet der Branchendienst tbivision.com. Großbritannien plant eine britische Version der Gameshow "Time Out". Hollywood ist an Bord bei "Everything's a Race". Warner entwickelt eine US-Version der Show, bei der Spieler auf Sieger von Wettrennen aller Art tippen.

Kuriositätenkabinett

Formateverkäufe aus Fernost galten bisher als schwierig. Japan produzierte weitgehend abgeschottet und Eigenwilligkeiten: Ein Mensch, der einen Ahnungslosen überraschend anbrüllt, eine wild drauflosstürmende Horde, die einen Passanten überrennt, oder eine Anleitung für erfolgreiche Flucht vor Flatulenzen reichten im Westen höchstens fürs Kuriositätenkabinett. Ekelshows kamen in weitaus abgeschwächter Form an: In Japan tranken Kandidaten gruppenweise teuflisch scharfe Saucen und ließen sich dabei die Nasenlöcher mit Wasabi zupicken ("Endurance"). In bester Erinnerung ist Takeshi Kitanos fulminante Show "Takeshi's Castle" in den 1980ern. Ansonsten blieb der Austausch eher mau.

ORF-Chefentwickler Stefan Ströbitzer bleibt insofern zurückhaltend: "Den großen Einmarsch japanischer Formate in den europäischen Fernsehmarkt sehe ich nicht", sagt Ströbitzer. Bewegung ortet er bei Dokumentationen: "Japanische Fernsehanstalten sind sehr interessiert, stärkeren Anschluss an den internationalen Markt zu bekommen." Nach Fukushima erfahre Nonfiction einen markanten Aufschwung. (Doris Priesching, DER STANDARD, 15.1.2013)

  • Droht im Reismeer zu versinken: Westlichen TV-Entwicklern geht es 
ähnlich wie dem Protagonisten der japanischen Show "Exit".
    foto: ntv

    Droht im Reismeer zu versinken: Westlichen TV-Entwicklern geht es ähnlich wie dem Protagonisten der japanischen Show "Exit".

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