Verbindung zwischen Heim und Rotlichtmilieu in Wien wird untersucht

Interview14. Jänner 2013, 18:07
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Reinhard Sieder, Leiter der mit Wiens Kinderheimen befassten Historikerkommission, spricht über das Vertuschen von Gewalt

STANDARD: Barbara Helige von der Wilhelminenberg-Kommission hat der Stadt vorgeworfen, sie habe Akten zurückgehalten. Wie ist die Zusammenarbeit bei Ihnen gelaufen?

Sieder: Bei mir war die Situation anders, ich hatte nicht den Auftrag, Täter auszuforschen, sondern das Leid der Betroffenen zu dokumentieren.

STANDARD: Ihre Studie ist bereits seit 2012 fertig, warum wird das Buch dazu erst jetzt präsentiert?

Sieder: Es werden Betroffene kommen, und die Stadt wollte sich nicht auf eine Konfrontation einlassen. Es gab bereits eine Veranstaltung im Palais Epstein, die völlig eskaliert ist, weil Betroffene gegenüber Vertretern der Gemeinde Wien Forderungen gestellt haben. Deswegen hat die Stadt gesagt: Das machen wir nie wieder.

STANDARD: Wie ist die Zusammenarbeit mit der Stadt sonst gelaufen?

Sieder: Die Stadt ist unter Druck geraten, weil sich 700 Menschen beim Weißen Ring gemeldet haben. Daraus entstand die Idee mit der Aufarbeitung. Weil man signalisieren wollte, dass diese Fälle weit zurückliegen, hat man die Kommission Historikerkommission genannt - obwohl ich der einzige Historiker war.

STANDARD: Es gibt Gerüchte über Verbindungen zwischen den Heimen und dem Rotlichtmilieu. Haben Sie dazu Erkenntnisse?

Sieder: Ja, wir haben immer wieder davon gehört. Die Wilhelminenberg-Kommission ist auf dem Weg, einiges zu beweisen.

STANDARD: Wie kann man aus Akten Leid rekonstruieren?

Sieder: Sie sehen in den Akten, wie eine Fülle von Experten versucht, den Fall eines mäßig begabten, schwer erziehbaren Kindes zu konstruieren. Aber plötzlich versteht man, das Kind war nicht schwer erziehbar, sondern hatte bloß das Pech, weil zum Beispiel der Vater gestorben ist und die Mutter einen neuen Mann hat, der kein fremdes Kind will. Also geht sie zum Jugendamt und sagt, der Bub hat gestern eine Scheibe eingehaut. Das genügt, dass die Fürsorge ihn nimmt. Das taten die Eltern und das Jugendamt in weitgehender Unkenntnis, was in den Heimen wirklich läuft. Das ist der größte Vorwurf: Dass das Jugendamt keine effiziente Kontrolle der Erziehungsheime unternahm.

STANDARD: Wollten sie es einfach nicht wissen?

Sieder: Die Mitarbeiter in den Erziehungsheimen haben alles getan, damit das Jugendamt nicht sehen kann, was da los ist.

STANDARD: Sie werfen den Heimen Vertuschung vor?

Sieder: Ja. Die haben versucht, alle Vorfälle vor den Besuchern zu vertuschen.

STANDARD: Kann Schuld aus heutiger Sicht beurteilt werden?

Sieder: Es geht uns nicht darum, einzelne Personen auszumachen. Wenn eine staatliche Stelle in die Grundrechte der Eltern eingreift, muss sie dafür sorgen, dass die Einrichtung bestmöglich geführt und kontrolliert wird. Das war nicht der Fall.

STANDARD: Waren die 1950er- und 60er-Jahre besonders gewaltvoll?

Sieder: Ich vermute es. Eine der Erklärungen ist das Nachwirken des Krieges in den Köpfen. Viele Eltern sind davon geprägt. Sie reagieren auf ein Kind, das stiehlt oder Brot wegwirft, mit übermäßiger Gewalt aus der Sorge heraus, das Kind könnte missraten.

STANDARD: Welche Rolle spielt der Nationalsozialismus bei der Heimerziehung?

Sieder: Es gibt einzelne Erzieherfiguren, die in der Wehrmacht sozialisiert wurden. Wegen einer Personalkrise wurden alle, die politisch nur leicht belastet waren, zurückgeholt. Aber ein Teil der Täter hat nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun, sondern ist kirchlich geprägt. Einige Schwestern und Padres sind unglaublich gewalttätig aufgetreten. Weil die Stadt zu wenige Plätze hatte, wurden Kinder in kirchlichen Heimen untergebracht. Es war naiv zu glauben, dass man den Kindern dort nichts tut.

STANDARD: Wer trägt dafür die Verantwortung?

Sieder: Letztlich liegt die Hauptverantwortung beim Jugendamt.

STANDARD: Ist Gewalt in Heimen ein österreichisches Phänomen?

Sieder: Nein, das finden Sie überall, wo diese Strukturen bestehen: Viele Kinder, wenige Erzieher, totale Regelung des Alltags. Es ist keine adäquate Struktur, um Kinder großzuziehen. Sie überfordert die Erzieher und überträgt Gewaltphänomene auf die Kinder. Die Kinder werden auch zur Gewalttätigkeit erzogen.

STANDARD: Würde die Gewalt auch heute bei einem Heim dieser Größe und Struktur auftreten?

Sieder: Ja, da bin ich mir sicher.

STANDARD: Wie groß ist die Spitze des Eisbergs, die wir kennen?

Sieder: Über die Art und Weise der Gewalt wissen wir viel, aber nicht über die Häufigkeit. Klar ist, die Betroffenen brauchen Therapie. Es muss viel mehr Anlaufstellen geben, ebenso eine gesamtösterreichische Kommission. In der Bevölkerung ist wenig Verständnis für die Opfer da, viele wollen das nicht glauben. Wenn man unseren Bericht und jetzt auch unser Buch gelesen hat, kann man nicht mehr sagen, ein paar Watschen haben den Kindern nicht geschadet. Außer, man ist meschugge. (Julia Herrnböck, Tobias Müller, DER STANDARD, 15.1.2013)

Reinhard Sieder (62), Professor an der Uni Wien, leitete die Historikerkommission zu den Wiener Kinderheimen. Das Buch "Der Kindheit beraubt - Gewalt in Erziehungsheimen der Stadt Wien" wird Dienstag, 18 Uhr, in der Aula am Campus der Uni Wien präsentiert.

  • Reinhard Sieder, Leiter der mit Wiens Kinderheimen befassten Historikerkommission.
    foto: standard/newald

    Reinhard Sieder, Leiter der mit Wiens Kinderheimen befassten Historikerkommission.

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