Vom Wert der Frauen im tiefsten Österreich

14. Jänner 2013, 17:24
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Jelineks "Faustin and out" von Philip Jenkis virtuos und beklemmend umgesetzt

Graz - Es scheint eine ultimative Kriegserklärung an Frauen zu sein: die neuerliche Vergewaltigung einer Frau in Indien durch mehrere Männer, die Sonntagabend durch die Nachrichten ging. Wenig später wird man durch Kellerräume des Grazer Schauspielhauses, die das Publikum sonst nie betritt, dann über mehrere Hintertreppen auf die Ebene 3 geführt, um dort der österreichischen Erstaufführung von Elfriede Jelineks Faustin and out beizuwohnen.

Es ist jenes Stück um den Fall F. in Amstetten, das Jelinek als sogenanntes Sekundärdrama zu Goethes Faust schrieb und nur dort zeigen lässt, wo auch gerade Faust läuft, wie derzeit in Graz in der Regie von Peter Konwitschny.

Unweigerlich macht man sich Gedanken, was eine Frau, ein Mädchen in der Gesellschaft wert sind, wenn Fälle wie die Qualen der Elisabeth F. und ihrer Kinder möglich sind. Genau dem geht Jelinek in ihrem punktgenauen, harten und beklemmenden Text auf den Grund.

Sie beginnt mit der Frage, was Arbeit ist, was die Arbeit der Frau wert ist. Später fragen sich die weiblichen Figuren, was sie selbst sind, was sie brauchen. Sie finden keine Antwort im Keller, in dem natürlich auch das Verbrechen an Natascha Kampusch allgegenwärtig ist. Außer: "Alles gehört Papa. Er hat alles gemacht."

Der Vater wird Mephisto, die Tochter Grete, die Kindsmörderin zur Mutter, die ertragen muss, wie man ihr Kind in den Ofen wirft.

Der Text wird gerade durch die Verflechtung mit Zitaten aus Goethes Erlenkönig und Über allen Gipfeln oder Celans Todesfuge noch brutaler. Verena Lercher und Seyneb Saleh gehen in der einfühlsamen Regie von Philip Jenkins mit dem Text virtuos um: Verspielt packen sie das Publikum immer wieder mit dem Grauen aus dem Kerker, in dem man " immerhin" ein verfliestes Bad habe:

"Wir gehen hier grade noch so eben, aber ein Hund, das ginge wirklich nicht. Einen Hund könnten wir, so gern wir einen hätten, hier nicht halten." Ein beklemmender Abend, den man sich antun muss. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 15.1.2013)

Nächster Termin 17. 1.

  • Verena Lercher und Seyneb Saleh in "Faustin 
and out".
    foto: lupi spuma

    Verena Lercher und Seyneb Saleh in "Faustin and out".

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