"Wir fühlen uns frei, sexy und glücklich"

Interview14. Jänner 2013, 17:09
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In den Wiener Kammerspielen wird "Total glücklich" von Silke Hassler uraufgeführt. Die Autorin über Glück, Telefonsex und Frauenquote im Theater

STANDARD: Sie kommen von der Probe - sind Sie glücklich über das, was Sie gesehen haben?

Silke Hassler: Teils, teils. Ich sehe zwei tolle Schauspieler, die mich erfreuen, und ich sehe Passagen, die ich noch nicht gelungen finde.

STANDARD: Was überwiegt?

Hassler: Die Zuversicht. (lacht) Ich bin ein optimistischer Mensch, meistens jedenfalls. Dieses Auf und Ab bei den Proben hat ja einen Grund. Ich stelle mir beim Schreiben alles sehr genau vor und werde auf den Proben mit den Vorstellungen des Regisseurs und der Schauspieler konfrontiert. Ich muss meinen narzisstischen Größenwahn aufgeben und zulassen, was denen so alles einfällt.

STANDARD: Also reine Glücksache?

Hassler: Mit meinen ersten Stücken hatte ich tatsächlich Glück, dass ich nicht gleich die berühmte "Brez'n" gerissen habe. Aber glauben Sie mir, in der Zwischenzeit hat mich das Brez'nreißen nicht verschont.

STANDARD: Was, wenn man bei den Proben merkt, das geht sich nicht aus: Schwänzt man die Premiere?

Hassler: Bei Uraufführungen wird nicht geschwänzt, schließlich haben sich ein paar Theatermenschen über Wochen angestrengt, mein Stück auf die Bühne zu bringen. Also halte ich grundsätzlich zu ihnen. Das fällt mir natürlich leichter, wenn ich von der Aufführung ganz überzeugt bin.

STANDARD: Um auf Nummer sicher zu gehen, haben Sie sich diesmal den Regisseur selbst ausgesucht?

Hassler: Das Ganze lief eher wie eine Tragödie. Erst ist ein Schauspieler, der schon lange feststand, ausgefallen. Dann musste Herbert Föttinger, der das Stück inszenieren sollte, beim Mentor von Daniel Kehlmann einspringen und konnte nicht. Ich war verzweifelt und habe Jean-Claude Berutti vorgeschlagen, der mein Stück gut kennt und es nach Wien in Paris herausbringen wird. Jetzt warte ich auf das Happy End.

STANDARD: Der superlative Titel "Total glücklich" ist Verheißung oder Fluch?

Hassler: Beides. Das Stück handelt davon, dass in unserer schönen kapitalistischen Welt jeder total glücklich und erfolgreich werden kann, man braucht nur den eisernen Willen dazu. Bei meinen Figuren lösen sich die Glücksversprechen nicht und nicht ein, die Lebenslügen beginnen. Sie ist über vierzig, aber glaubt noch immer, dass sie eines Tages die Julia spielen wird.

STANDARD: Die Frau verdient ihr Geld mit Telefonsex, da geht's unverblümt zur Sache. Ist Ihnen die deftige Sprache schwergefallen?

Hassler: Warum denn? Es keucht ja aus allen Fernsehkanälen, heutzutage ist doch alles sagbar und machbar. Wir fühlen uns frei, sexy und glücklich. Sollte das gerade nicht der Fall sein, gibt es genug Ratgeber oder Angebote für Telefonsex.

STANDARD: Illusionsloser Sextalk, leere Versprechungen, Sehnsucht, Einsamkeit: lauter traurige Themen, die Sie in eine fast absurde Komödie packen.

Hassler: Damit beschreiben Sie meine Theatermethode. Immer mischt sich das Lachen in meine traurigen Geschichten.

STANDARD: Erster Leser und Kritiker Ihrer Stücke ist Ihr Partner Peter Turrini. Schwierig, sich neben einem der meistgespielten österreichischen Dramatiker als junge Autorin zu emanzipieren?

Hassler: Wenn man mehr als zwanzig Jahre mit einem Menschen verbunden ist, dann denkt man nicht daran, dass er ein Bedeutungsträger ist. Wir diskutieren über meine und über seine Stücke. Natürlich hat es gedauert, bis ich ihm auf Augenhöhe Kontra geben konnte. Ich streite mit ihm nie über Alltagssachen, nur über literarische Fragen. Wir sagen uns Dinge, die wir uns im Rahmen unserer Beziehung nie sagen würden. Das ist ein Vergnügen und befördert die Liebe.

STANDARD: Macht Sie Schreiben glücklich?

Hassler: Wäre ich wirklich glücklich, würde ich keine Zeile mehr schreiben. Mich treibt ja etwas an, mich macht ja vieles zornig, zum Beispiel Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen. Selbst der Witz in meinen Stücken ist manchmal Ausdruck der Verzweiflung.

STANDARD: Apropos Ungerechtigkeit und Frauen: Theaterautorinnen haben es viel schwerer als ihre männlichen Kollegen. Würde eine Quote am Theater nützen?

Hassler: Wenn's anders nicht geht, ja. Wenn man die Spielpläne der großen Häuser studiert, findet man nicht selten keine einzige Autorin. Ich höre immer wieder das Argument, man würde bei der Auswahl der Stücke ausschließlich nach Qualität vorgehen. Tatsächlich? Schreiben Frauen wirklich schlechtere Theaterstücke? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine gute Handhabung der dramatischen Kunst von den Genitalien abhängt.

STANDARD: Gerade jetzt werden allerdings erstaunlich viele Dramatikerinnen gespielt: Elfriede Jelinek im Akademietheater, Laura Naumann im Vestibül, Anne Habermehl im Schauspielhaus, Sie in den Kammerspielen. Quote erfüllt?

Hassler: Stellen Sie sich vor: Auf einer Autobahn, die von allen mit Steuergeld bezahlt wird, fahren hundert Männer, und zwischendurch werden vier Frauen durchgelassen. Wenn man davon eine Momentaufnahme macht, könnte man glauben, Frauen haben freie Fahrt. Mitnichten! Außerdem finden Aufführungen von Frauen meistens an Nebenschauplätzen und in Kellertheatern statt, von den dortigen Einnahmen kann man höchstens einen Monat leben. Wir müssen um die großen Häuser kämpfen, nicht um die Vestibülchen. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 15.1.2013)

Silke Hassler (42), die aus Kärnten gebürtige Literaturwissenschafterin, hat zahlreiche Theaterstücke sowie gemeinsam mit Peter Turrini die später verfilmte Volksoperette "Jedem das Seine" geschrieben. Sie lebt in Retz im Weinviertel.

  • Verstellung als Berufsbeschreibung: Silke Hassler thematisiert in ihrer 
Zweipersonenkomödie "Total glücklich" die Nähe von Schauspiel und 
Telefonsex.
    foto: andy urban

    Verstellung als Berufsbeschreibung: Silke Hassler thematisiert in ihrer Zweipersonenkomödie "Total glücklich" die Nähe von Schauspiel und Telefonsex.

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