Schweizer stimmen über "abzockende" Gehälter ab

19. Jänner 2013, 10:00
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Im März entscheiden die Nachbarn, wie streng sie Managergehälter an die Kandare nehmen

Wer hat's erfunden? Die Schweizer. So könnte es wieder heißen, wenn am 3. März im Nachbarland über strengere Vergütungsbestimmungen für Manager abgestimmt wird. Über drei Jahre hat es gebraucht, bis die Politik die Bürger über die Initiative "Gegen die Abzockerei" abstimmen lässt.

Die Initiative kann mit einer Mehrheit rechnen. 54 Prozent der Schweizer sprechen sich dafür aus, nur 30 Prozent sind dagegen, das ergibt eine Umfrage der Schweizer Zeitung Blick.

Gehalt wird jährlich bestimmt

Dass es die Befragung überhaupt gibt, ist dem Elan Thomas Minders zu verdanken. Der 52-jährige parteilose Politiker und Unternehmer will, dass die Aktionäre einer börsennotierten Firma jährlich über die Höhe der Bezüge für Geschäftsleitung und Aufsichtsrat entscheiden. Wie es schon in der Niederlande, Norwegen und Schweden möglich, aber nicht bindend vorgeschrieben ist.

Dem nicht genug: Manager und Aufseher sollen auch jedes Jahr neu gewählt werden. Zahlungen, die bei An- oder Abtritt einer Führungskraft gewährt werden, der Vergangenheit angehören.

Politik verzögert Abstimmung

Die hohe Zustimmung der Bürger, die sich bis dato abzeichnet, ist ein Eigentor für die Politik und den Schweizer Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Mitglieder letzteres haben ihr Leid über die rigiden Vorschläge Minders öffentlichkeitswirksam beklagt und sind bei den Politikern auf offene Ohren gestoßen. Sie haben die Volksbefragung um fast dreieinhalb Jahre verzögert.

Bei ihrer Kritik bleiben die Börsefirmen aber. Der Chef der Schweizer Börse, Christian Katz, bekundete etwa gegenüber der Aargauer Zeitung, dass sich kein anderes Land "einen vergleichbaren Wettbewerbsnachteil auferlegen" würde. Das Mittel eines Verfassungsartikels in dieser Form heilige nicht den Zweck, den Vergütungsexzess zu beenden.

Blocher-Schwiegersohn für Initiative

Beim Volk beliebt gemacht hat sich der Wirtschaftsdachverband aber dennoch nicht. Als ruchbar wurde, dass Studenten - gegen Geld des Economiesuisse - negative Stimmung in Online-Medien verbreiteten, war der Imageschaden groß.

Das unlautere Mittel war einer der Gründe, warum sich auch Politiker der konservativen SVP auf die Seite Minders schlugen. So etwa Roberto Martullo, der einen Regionalzweig der Partei leitet und der Schwiegersohn des SVP-Doyen Christoph Bocher ist. Für ihn ist Minder "ein moderner Wilhelm Tell, der für eine integre Wirtschaft kämpft", wie er der Sonntagszeitung mitteilte.

Volk lehnt Gehaltsexzesse ab

Dass den Wirtschafts-Honoratioren die Zügel entgleiten, liegt auch am Zeitgeist. Minders Initiative startete 2006, noch vor der Finanzkrise. Zwei Jahre brauchte er, um mehr als 115.000 Unterschriften zu sammeln. Damals schlug die abbröckelnde Finanzwelt noch nicht auf die Realwirtschaft durch. Für die Politik war es einfach, die Initiative nachlässig zu behandeln und ihr die Volksbefragung zu verweigern.

Das ist heute anders. Wirtschaftskrise allerorts, trotzdem steigen die Managergehälter und -boni in lichte Höhen. Das stößt dem Volk, darunter auch vielen Unternehmern sauer auf. So sauer, dass die Politik jetzt einen eigenen Vorschlag eingebracht hat, wie man die Gehaltsexzesse bändigen könnte.

Er beißt nicht so scharf wie die Initiative Minders, ist aber bei weitem nicht zahnlos. Er erleichtert es den Eignern, bereits gewährte "exzessive" Gehaltszahlungen zurückzufordern. Auf der anderen Seite räumt er den Aktionären bei der Entscheidung, wer wie viel bekommt, aber nur eine beratende Stellung ein.

Millionenkampagne

Sagen die Bürger im März "nein" zur Minders-Initiative, sagen sie automatisch "ja" zur milderen Politikervorlage. So sieht es die Abstimmung vor. Auf diesen Ausgang hofft Economiesuisse. Auch wenn der Wirtschaftsdachverband damit keine Freude hat, es ist für ihn das kleinere Übel.

Für dieses Ziel geben seine Mitglieder Millionen Euro aus. Sie stellen Plakate auf, holen Gutachten ein und betreiben eine Website. Und Initiativen-Starter Minder? Der gibt gegenüber dem Blick den Underdog und fragt sich, ob es gelingt, "mit einer Millionenkampagne das Schweizer Volk zu kaufen". (sos, derStandard.at, 18.1.2013)

  • "Ein moderner Wilhelm Tell, der für 
eine integre Wirtschaft kämpft", ist Initiator Minder für so manchen Mitstreiter.
    foto: apa/schutt martin

    "Ein moderner Wilhelm Tell, der für eine integre Wirtschaft kämpft", ist Initiator Minder für so manchen Mitstreiter.

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    foto: der standard

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