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Wien - "Super-Stories" für den Boulevard: Der Suizid von Prominenten. Doch die große Medien-Berichterstattung führt zu Nachahme-Effekten. Das hat jetzt ein Autorenteam unter Thomas Niederkrotenthaler von der Abteilung für Public Health der MedUni Wien im Rahmen der Analyse der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur zu dem Thema festgestellt. Die Auswirkung kann in einem Staat innerhalb eines Monats auch Dutzende zusätzliche Tote bedeuten.
"Und das obwohl Krisen, auch solche in denen Suizidgedanken eine Rolle spielen, erfolgreich bewältigt werden können, und entsprechende Hilfsangebote zur Unterstützung wirksam und verfügbar sind", so Niederkrotenthaler.
Was in Familien oft als Tabuthema behandelt wird, lässt im Fall des Falles - vielleicht gerade deshalb - die Medienaktivitäten jedoch ausschlagen: Suizide, gerade jene von Promis. Der international bekannte Fußballer, der Popsänger, der TV-Entertainer - es gibt immer wieder Beispiele. Titelseiten-Coverage etc. scheinen dann "gesichert".
Der Verdacht: Kann schon inadäquate Berichterstattung über Suizide bei sonst Unbekannten zu dem berüchtigten "Werther"-Effekt (Nachahmesuizid) führen, so ist das noch viel eher der Fall, wenn Prominente sich das Leben nehmen. "Dabei gibt es auch bei Prominenten so viele Beispiele von bewältigten Krisen und erfolgreich angenommener Hilfe", sagte der Wiener Experte.
"Man erklärt das am häufigsten mit sozialem Lernen. Vulnerable Personen - zum Beispiel Menschen, die sich in einer akuten psychosozialen Krise befinden - können sozusagen von Medien 'lernen', dass Krisen bewältigbar sind, wenn berichtet wird, wie man das tun kann - oder es kann auch der falsche Eindruck vermittelt werden, dass Suizid eine akzeptable Lösung persönlicher Probleme ist, wenn solche Fälle sensationsträchtig dargestellt werden", erklärte Niederkrotenthaler, der sich seit Jahren mit Themen der Suizidprävention auseinandersetzt, zu den Mechanismen.
Schon in den 1980er-Jahren konnten Wiener Experten nachweisen, dass die damals von den österreichischen Medien auf Bitte von den Wiener Linien erfolgte Reduktion der Berichterstattung über Suizide in der U-Bahn zu einem deutlichen Rückgang der Fälle führte. Aber: Die Verlockung, gerade bei Prominentensuizid zu berichten, ist natürlich groß.
Der Wissenschafter und die Co-Autoren der Studie, die vor wenigen Tagen im "Journal of Epidemiology & Community Health" erschienen ist, analysierten insgesamt zehn wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema. "Es waren alle themenbezogenen publizierten wissenschaftlichen Untersuchungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Insgesamt wurde darin die Auswirkung der Berichterstattung nach 98 Selbsttötungen von Prominenten auf die Suizidraten untersucht", erklärte der Forscher. In der nunmehrigen Meta-Analyse wurde versucht, eine generelle Aussage zu treffen.
Das Ergebnis, so Niederkrotenthaler: "Insgesamt kann man davon ausgehen, dass nach dem Suizid eines Prominenten die Häufigkeit von Selbsttötungen (in der Bevölkerung, die das Geschehen verfolgt hat, Anm.) im Monat danach um 0,26 Fälle pro 100.000 Einwohner steigt. In Österreich wären das im Fall des Falles bei ca. acht Millionen Einwohnern ca. 20 zusätzliche Tote." In Österreich werden pro Jahr rund 1.200 Suizide registriert, diese Zahl nimmt bereits seit Mitte der 1980er Jahre ständig und deutlich ab.
Wobei dieser "Werther"-Effekt - zurückgehend auf einige mögliche Fälle von Imitationssuiziden nach dem Erscheinen von Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werthers" im Jahr 1774 - je nach Art der betroffenen Prominenz offenbar - unterschiedlich ist. "Der spezifische Effekt der Berichterstattung über eine bekannte Person aus der Entertainment-Branche lag bei 0,68 (mehr Fälle pro 100.000 Einwohner im ersten Monat nach der Berichterstattung) in Europa und war ähnlich in Nordamerika und Asien", berichtete Niederkrotenthaler.
Warum dieser Entertainer-Effekt so groß ist, erklärte Niederkrotenthaler so: "Stars aus der Unterhaltungsbranche geben sich oft in Rollen, mit denen man sich leicht identifizieren kann und die man sympathisch findet." Da kann Berichterstattung einerseits eine positive Vorbildwirkung haben, etwa wenn ein Bericht erscheint, in dem ein Prominenter erzählt, wie er eine persönliche Krisensituation oder eine psychische Erkrankung bewältigt hat. Aber wenn der Suizid eines Prominenten sensationsträchtig berichtet wird, dann hat dies eine negative Wirkung und führt im schlimmsten Fall zu weiteren Suiziden."
Jedenfalls, laut dem Experten sollten die Medien gerade in der Berichterstattung über Suizide im Prominentenmilieu besonders vorsichtig sein. Zu verhindern ist die Coverage nicht, wenn jemand sehr bekannt ist. Das erwarten die Fachleute auch gar nicht.
Aber, so Niederkrotenthaler: "Man sollte die Berichte - zum Beispiel in Zeitungen - nicht auf der ersten Seite, sondern im Blattinneren bringen und möglichst wenig die Sensation oder den Suizidakt, beispielsweise die Suizidmethode in den Vordergrund stellen. Am ehesten sollte versucht werden, anhand des Todesfalles auch professionelle Hilfsangebote und Lösungsmöglichkeiten für psychische und familiäre Krisensituationen zu präsentieren." Es gebe dafür immer wieder gute Beispiele in österreichischen Medien, aber auch international. Auf Details zur Suizidmethode oder andere sensationsträchtige Merkmale wird dabei verzichtet.
Letzteres ist umso wichtiger, als es - wie Niederkrotenthaler vor einiger Zeit bereits in einer Studie belegen konnte - auch offenbar einen positiven suizidpräventiven 'Papageno-Effekt' medialer Berichte geben dürfte. Diese Auswirkung haben demnach Artikel, die von der positiven Bewältigung einer suizidalen Krise berichten. Der Wissenschafter: "Auch Prominente haben Krisen und bewältigen diese mit professioneller Hilfe erfolgreich. Darüber könnte man öfters berichten." (APA, 14.1.2013)
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Das ist doch reichlich erforscht:
Als die Bibel-Spinner unter Reagan davor warnten, dass satanische Botschaften auf Heavy-Metal-Platten Jugendliche in den Suizid triebe, brachten sich Dutzende Jugendliche um, weltweit, und immer wurde brav drüber berichtet, wenn das ein Langhaariger mit Iron-Maiden-Poster im Schlafzimmer war.
Heute finden eher Amokläufer und Selbstmordattentäter rege Berichterstattung und daher natürlich auch Nachahmer; durch diese Berichte und Diskussionen kommen viele vermutlich ja erst auf die Idee, dass sie selbst sowas auch wollen könnten.
Ja. Wir Menschen sind nunmal Nachahmer.
Empfehle hierzu Malcolm Gladwell's "Tipping Point" - da geht's auch um die Suizid-Thematik.
Und darum, dass Menschen umso asozialer handeln, je asozialer das Umfeld wirkt. Provokant zusammengefasst: Graffiti an den Wänden verleitet dazu, den Müll einfach auf die Straße fallen zu lassen. Derselbe Mensch, der seine "Papierl" einfach fallen lässt, würde das in einer blitzblanken Umgebung nicht tun.
...bei Korruption in Politikerkreisen ist es dasselbe. Siehe Kärnten - Scheuch denkt doch nach wie vor, er hätte was völlig Normales getan.
deswegen ist die Verteilungsungerechtigkeit, sprich das Auseinanderklaffen zwischen Reich und Arm, und die damit einhergehende soziale Verrohung so gefährlich!
und auch die Suizidrate ließe sich reduzieren, wenn die sozialen Rahmenbedingungen menschenverträglicher und der Umgang mit/unter und zwischen den Menschen sozial adäquater wäre; aber eine Gesellschaft, die darauf aufbaut, dass es Gewinner und Verlierer gibt, produziert Kriminelle und Selbstmörder (wer an sich keine Selbstmordgedanken hat, nimmt sich auch einen prominenten Selbstmörder nicht zum Vorbild)
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