Doppelt so viele Kinder mit anderer Erstsprache als Deutsch wie 1995

14. Jänner 2013, 12:41
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Bildungsministerin Schmied wiederholt ihre Forderung nach punktuellen Vorschulklassen, bevorzugt aber "integrative Ansätze"

Wien - Die Zahl der Schüler mit einer anderen Erstsprache als Deutsch hat sich zwischen 1995 und 2011 verdoppelt. Das zeigen Daten aus dem am Montag präsentierten "Nationalen Bildungsbericht". In dieser Zeit ist der Anteil der "einsprachig deutschsprachigen" Kinder an den Volksschulen von 88 auf 76 Prozent gesunken. "Daheim eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen heißt aber nicht, dass die Kinder nicht Deutsch sprechen oder keine guten Leistungen bringen können", sagte Herausgeberin Barbara Herzog-Punzenberger bei einer Pressekonferenz.

Nach der erstmaligen Veröffentlichung im Jahr 2009 wird der Nationale Bildungsbericht alle drei Jahre und damit nun zum zweiten Mal vorgelegt. Untersucht werden darin unter anderem Bildungsausgaben und Chancengleichheit (siehe Ergebnisse im Detail). Demnach sind die Bildungsausgaben zwischen den Jahren 2000 und 2009 um 25 Prozent gestiegen. Laut den Autoren ist das österreichische Schulsystem "durch ein hohes Ausmaß an Chancenungleichheit und Kompetenzarmut" gekennzeichnet.

Ein Schwerpunkt lag heuer auf der Sprachförderung. Die Verdoppelung der Zahl mehrsprachiger Schüler zeigt sich in praktisch allen Bundesländern. In Kärnten, Niederösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg ist der Anstieg etwas niedriger, in Oberösterreich etwas höher, Wien und das Burgenland liegen etwa im Schnitt. Einzig die Steiermark ist mit mehr als einer Verdreifachung der Zahl der Kinder mit anderer Erstsprache (von rund 5.000 auf 16.000) ein Ausreißer.

Unterschiedliche Schultypen

Der Bildungserfolg von mehrsprachigen Schülern ist je nach Herkunftsgruppe unterschiedlich: Schüler, die daheim Polnisch, Slowakisch oder Ungarisch sprechen, sind zu einem höheren Anteil in Gymnasien als rein deutschsprachige Kinder, so Herzog-Punzenberger. Umgekehrt ist dagegen die Lage türkischsprachiger Kinder. Ähnliches zeigt die PISA-Studie 2009: Einsprachig deutschsprachige Kinder erzielten im Lesen im Schnitt 481 Punkte, Kinder mit Türkisch als Erstsprache 369 Punkte, Kinder aus dem bosnisch/kroatisch/serbischen (BKS) Sprachraum 412 und Kinder aus anderen Sprachgruppen 442 Punkte. Und: Zwölf Prozent der Schüler, die zuhause nur Deutsch sprachen, besuchen fast jede Woche eine Deutsch-Förderstunde in der Volksschule, 24 Prozent tun dies manchmal. Bei den Kindern, die daheim Türkisch sprechen, beträgt der entsprechende Anteil 27 Prozent (fast jede Woche) bzw. 37 Prozent (manchmal), bei den BKS-Kindern 19 (fast jede Woche) bzw. 29 Prozent (manchmal).

Deutliche Unterschiede gibt es auch bei den unterschiedlichen Schultypen: An den Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik beziehungsweise Sozialpädagogik liegt der Anteil der mehrsprachigen Schüler nur bei vier Prozent, an berufsbildenden höheren Schulen (BHS) mit Tourismusschwerpunkt bei fünf Prozent, an Handelsakademien dagegen bei 24 Prozent.

Migrantenkinder öfter in Sonderschulen

Auch sonst zeigt sich ein differenziertes Bild: Mehrsprachige Kinder werden überdurchschnittlich oft in Vorschulklassen (und damit als nicht schulreif) eingestuft, landen überdurchschnittlich häufig in Sonderschulen und finden sich umgekehrt unterdurchschnittlich oft in AHS. Gerade an den höheren Schulen zeigt sich aber auch eine Art Trendumkehr: Betrug der Anteil von Schülern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch an AHS 1995 erst 4,6 Prozent, lag er im Schuljahr 2010/11 bereits bei 14,7 Prozent, an den BHS stieg er in diesem Zeitraum von 3,6 auf 12,7 Prozent.

Nachholbedarf gibt es laut Herzog-Punzenberger bei der Lehreraus- und -weiterbildung. Künftig solle es "keinen Lehrer geben, der nicht weiß, wie er kompetent mit der Mehrsprachigkeit der Schüler bzw. Eltern umgehen kann".

Schmied: "Wehret den Anfängen"

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) will das Thema Sprachförderung und mehrsprachige Kinder an Schulen aus den kommenden Wahlkämpfen heraushalten. "Alles, was in Richtung Diskriminierung und Missbrauch dieses Themas für einen vermeintlichen Ausländerwahlkampf geht, bekommt von mir eine klare Absage", sagte Schmied bei einer Pressekonferenz am Montag. Es dürfe keine "Abwertungskultur" geben, "die dieses Land im vergangenen Jahrhundert schon einmal erlebt hat. Daher: Wehret den Anfängen."

Das Thema bedürfe einer seriösen und differenzierten Herangehensweise: Maßnahmen wie das verpflichtende Kindergartenjahr und die Sprachförderung an den Schulen seien richtig gewesen, die Anstrengungen müssten aber verstärkt werden, so Schmied. Ziel sei, dass alle Kinder mit spätestens zehn Jahren die Bildungssprache Deutsch beherrschen.

Regionale Unterschiede

Fördermaßnahmen müssten im Kindergarten anders aussehen als im schulischen Bereich, betonte Schmied. Rücksicht müsse man auch auf die Unterschiede zwischen städtischem und ländlichem Raum legen. Schwerpunktprogramme an Volksschulen könnten durchaus auch ein Vorschuljahr für Kinder mit Sprachproblemen umfassen, sagte Schmied mit Bezug auf die jüngste Diskussion mit Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP). Gleichzeitig gab sie zu erkennen, "integrative Ansätze zu bevorzugen". Wenn Freunde oder Klassenkameraden die deutsche Sprache beherrschten und mit ihnen redeten, würde das die Motivation der Kinder zum Deutschlernen verstärken.

Kurz selbst will Schmied zu ihren Verbündeten zählen: "Es sollte zwischen uns kein Blatt passen, und schon gar nicht eines, das ein Papier der FPÖ ist."

Ausdehnen will Schmied auch die Sprachförderung an Schulen. Die derzeitige Befristung dieser Maßnahme sei "kein gutes Signal". Auch die Lehreraus- und -weiterbildung soll einbezogen werden: Deutschdidaktik sei nicht nur eine Frage der Deutschlehrer, sondern aller Pädagogen. 

Kurz: Vor Wahlkampf umsetzen

Kurz will so bald wie möglich mit der Arbeit an konkreten Maßnahmen zur schulischen Sprachförderung beginnen und darüber mit dem Unterrichtsministerium Gespräche führen. Damit Sprachförderung nicht zu einem Wahlkampfthema werde, wie von Schmied gefordert, müsse sie vor dem Wahlkampf umgesetzt werden. "Das heißt: jetzt Tempo machen", so Kurz in einer Aussendung.

Kurz fordert unter anderem ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr bzw. Vorschule für Kinder mit Sprachdefiziten und Deutschintensivkurse für ältere Quereinsteiger mit Sprachproblemen.

Sommerkurse für Quereinsteiger

Auch der Expertenrat für Integration hat am Montag in einer Aussendung zum Thema Sprachförderung Stellung genommen. In dem Schreiben, das u.a. von Expertenrat-Leiter Heinz Faßmann und Sprachwissenschafterin Ruth Wodak gezeichnet ist, wird auf regionale Unterschiede aufmerksam gemacht. So gebe es im ländlichen Raum mit seinen Dialekten möglicherweise andere Deutschkenntnisse und -kompetenzen als in der Stadt mit einer hohen Konzentration an Kindern nicht-deutscher Muttersprache.

Je früher mit der Sprachförderung begonnen werde, umso besser, verweisen die Forscher auf die wichtige Rolle des Kindergartens. Auch Mehrsprachigkeit müsse in einer umfassenden Konzeption berücksichtigt werden. Zusätzlich sollen auch "international erprobte Modelle" wie Spezialmodule und Sommerkurse für Schüler, die erst nach der Volksschule als Quereinsteiger in das österreichische Schulsystem eintreten, erwogen werden.

Grüne gegen Crash-Kurse

Für Grünen-Bildungssprecher Harald Walser steht Kurz' Forderung nach einem verpflichtendem Vorschuljahr allerdings diametral der Empfehlung einer kontinuierliche Sprachförderung im Nationalen Bildungsbericht entgegen. "Selektion und Crash-Kurse sind keine geeigneten Mittel, um SchülerInnen aus benachteiligten Familien faire Chancen auf höhere Bildung zu ermöglichen", so Walser.

Aus Sicht von BZÖ-Bildungssprecherin Ursula Haubner muss indes "Deutsch vor Schuleintritt Realität werden": "Es darf nämlich nicht sein, dass Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache in die Schule eintreten und erst dort Deutsch von Grund auf erlernen müssen, denn mit diesem Rückstand werden auch die anderen Schüler am Lernfortkommen behindert." Für Stefan Markowitz, Bildungssprecher des Team Stronach, zeigt der Nationale Bildungsbericht unterdessen Schwächen der schulischen Organisation und Verwaltung auf. Bei der Nachmittagsbetreuung fordert er von Schmied eine "verantwortungsvolle Planung", da "tausende Nachmittagsbetreuungsplätze fehlen und Studenten vom Hörsaal als Lehrkräfte rekrutiert werden müssen".

Die ÖVP-nahen Schülervertreter der Schülerunion forderten in einer Aussendung eine Ausbildung für Mehrsprachigkeit für Lehrer, multikulturelle Kindergärten und verpflichtende begleitende Deutschkurse sowie ein Intensivjahr zu Beginn der Schullaufbahn. Die SPÖ-nahe Aktion kritischer Schüler_innen (AKS) warnte indes davor, Kinder mit einem Sprachdefizit von anderen Schülern zu trennen. Nur in einer ganztägigen Gesamtschule könnten Kinder bestmöglich gefördert werden. Sprachförderung müsse langfristig in den Unterricht eingebaut werden. (APA/red, derStandard.at, 14.1.2013)

  • Die Verdoppelung der Zahl mehrsprachiger Schüler zeigt sich in fast
allen Bundesländern. In der Steiermark hat sich die Zahl sogar verdreifacht.

    Die Verdoppelung der Zahl mehrsprachiger Schüler zeigt sich in fast allen Bundesländern. In der Steiermark hat sich die Zahl sogar verdreifacht.

  • Artikelbild
    grafik: apa
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