Persische Magenvernichtungswaffe: Sirtorschi

15. Jänner 2013, 17:30
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Asche Reschte: Nach einem Schälchen rohen Knoblauchs und einem Bissen Zunge im Pars geht es in Harald Fidler rund

Dilettantismus hat auch seine Schattenseiten. Gepaart mit Übermut sowieso. Daran denke ich in den folgenden 24 Stunden doch merklich häufiger. Aber das weiß ich natürlich noch nicht, als ich mit dem Bernhard und dem Hannes im Pars sitze und, von Aschte Reschte* beflügelt, Sirtorschi bestelle. Als zweite Vorspeis. Roher Knoblauch, in Essig mariniert. War eh niemand zum Küssen und Herzen in Sicht.

Zu Risiken und Nebenwirkungen ...

Gut, wenn ich schon wieder einmal gar nichts weiß, hätt ich zumindest hören können: Ein Vampir könnte den weißen Knöllchen nicht reservierter gegenüberstehen als der Bernhard. Nein, er kostet nicht. Nein, er isst keinen rohen Knoblauch. Nein. Weil er leidet. Wie ein Hund. Übelkeit, Kopfschmerz und der sehnliche Wunsch, den eigenen Körper ehestmöglich zu verlassen, wären noch die gelindesten Folgen. Memme, denke ich, während ich die dreiundswanzigste Zehe verputze, oder war's die sechsundzwanzigste? Auch die stärksten Männer haben eben schwachmatische Seiten. Auch daran werde ich die nächsten 20 Stunden häufiger denken, während ich an mir eine neue kennenlerne. Nicht die schönste, soviel kann ich sagen.

Gut daran: die - hoffentlich bleibende - Erkenntnis, dass Knoblauch 1989 vermutlich deshalb in Deutschland zur "Arzneipflanze des Jahres" ausgerufen wurde, weil diese Magenvernichtungswaffe besonders viele Medikamente zur Linderung erfordert. Knoblauch, der Konjunkturmotor des Apothekers. Weniger gut: Ich werde wohl ein paar Tage nicht ohne Erinnerung an ein unangenehmes Gefühl von Collateral Damage in meinem Gastrointestinaltrakt an das Pars denken können. Und das hat der Wiener Traditionsperser eigenltich nicht verdient.

Asche in mein Haupt

Ich sage nur: Asche Reschte. Ein grüner Himmel von Kräutern ("erlesene Kräutermischung", sagt die Karte), Minzöl, Bohnen, Röstzwiebeln, Sauerrahm und Nudeln. Dazu wählt der Fidler in seinem alljährlichen Ramadan Dugh, so eine Art Ayran, hätt ich Dilettant mit Anleihe bei anderer Nation gsagt, eine Staatsanleihe quasi, an sich sicher, sagt man. Da schaute der Bernhard noch ganz neidisch, wobei seine Linsensuppe schon auch sehr gut war, vor allem mit ordentlich Limette. Bisschen fader halt. Bald aber war er über seine Fadheit ganz froh. Und ich auch. 

Das kam so: Er blieb bei seinem selbst gewählten Essensthema und bestellt erst Panir (nicht sehr aufregender Schafkäse mit Oliven, Paradeisern, Gurken, Nüssen) und dann Schekampare, gegrillte Melanzani also, gefüllt mit faschiertem Lamm und überbacken mit Käse. Fad, oder? frage ich und bestelle Schirtorschi, naja, siehe oben. Und bleibe beim Hauptgang dann doch meinem Abendthema treu (Grün, nicht Knofel, der kam später zur Entfaltung): Eintopf aus "erlesener Kräutermischung", Lammfleisch, Bohnen, persischen Limetten, die sich mir leider bisschen zu sehr in den Vordergrund drängten bei meinem Ghorme Sabsi.

Zunge zeigen

Das Lamm jedoch sehr gediegen, weich, saftig, kein aufdringliches Fett. Da kommt jetzt das Glück der Fadheit ins Spiel: Der Hannes nämlich trudelte später ein, blätterte hin, blätterte her. Und weil ich seine durchaus ernste Neigung zum etwas ausgefalleneren Körperteil (ich sage nur: Niere zum Frühstück!) kenne, verweise ich ihn auf Saban. Lammzungenbouillon mit Fladenbrot.

Vier Lammzungen im Ganzen in Brühe erfordern schon eine gewisse Abgebrühtheit beim Gegenüber. Hannes bringt sie mit, ich an sich auch, war aber womöglich von Knoblauch (oder gar zu viel erlesener Kräutermischung?) etwas geschwächt: Mir waren die Zungen echt zu schaf- bis hammelig-intensiv, ein kleines Stück zu fett und glibberig. Hannes verputzte drei von vieren tapfer und wirkte dabei gar nicht unzufrieden.

Da hummus!

Gut, er hatte zuvor schon einen der Haupttreffer des Abends gelandet: Hummus. Fad, ich weiß eh. Aber nach meiner dilettantischen und der schon viel erfahreneren Meinung meiner Mitesser praktisch der Beste von überhaupt. Mindestens.

Hannes (eine Zehe Sirtorschi) und Bernhard (Zero Tolerance) hatten übrigens keine Nachwehen. Vielleicht hätt ich einfach auch meinen selbst definierten Ramadan beim Perser unterbrechen sollen und ein paar Biere und Shiraz zwitschern. Der Perser abroad soll ja auch dem Wodka sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, höre ich. Womöglich das perfekte Antidot gegen Sirtorschi. (Harald Fidler, derStandard.at, 15.1.2013)

* Schreibweise aus der Karte übernommen.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Asche Reschte*, Kräuter-Nudel-Suppe auf Persisch, ein schöner Beginn im Pars, wiewohl etwas schief angesehen, erkenne ich nun. Mein dickes Ende kommt viel später.
Pars
Dreimal zwei wirklich sättigende Gänge, bisschen Knoblauch, Dugh, formidabler Limettensaft, gespritzter Granatapfelsaft für mich, für die beiden Mitesser Bier und Rotwein: 109 Euro.
    foto: harald fidler

    Asche Reschte*, Kräuter-Nudel-Suppe auf Persisch, ein schöner Beginn im Pars, wiewohl etwas schief angesehen, erkenne ich nun. Mein dickes Ende kommt viel später.

    Pars

    Dreimal zwei wirklich sättigende Gänge, bisschen Knoblauch, Dugh, formidabler Limettensaft, gespritzter Granatapfelsaft für mich, für die beiden Mitesser Bier und Rotwein: 109 Euro.

  • Wenn mich nicht alles täuscht (soviel Salat hier!), dann war das die Rahmenhandlung für Schafkäse mit der schönen Bezeichnung Panir. Nicht sehr aufregend, aber schon okay.
    foto: harald fidler

    Wenn mich nicht alles täuscht (soviel Salat hier!), dann war das die Rahmenhandlung für Schafkäse mit der schönen Bezeichnung Panir. Nicht sehr aufregend, aber schon okay.

  • So sieht der (? das? die?) vermutlich beste Hummus von überhaupt aus. Aber hallo!
    foto: harald fidler

    So sieht der (? das? die?) vermutlich beste Hummus von überhaupt aus. Aber hallo!

  • So sieht der vermutlich gefährlichste Zwischengang von überhaupt aus, jedenfalls für den Fidler: Sirtorschi. In Essig eingelegter Knoblauch. Ziemlich genau 24 Stück ergeben ziemlich genau 24 Stunden öchöchöch. Immerhin: einfach zu berechnen.
    foto: harald fidler

    So sieht der vermutlich gefährlichste Zwischengang von überhaupt aus, jedenfalls für den Fidler: Sirtorschi. In Essig eingelegter Knoblauch. Ziemlich genau 24 Stück ergeben ziemlich genau 24 Stunden öchöchöch. Immerhin: einfach zu berechnen.

  • Mir ein bisschen zu limettig, aber schon sehr gut: Ghorme Sabsi, Lamm mit Kräutern.
    foto: harald fidler

    Mir ein bisschen zu limettig, aber schon sehr gut: Ghorme Sabsi, Lamm mit Kräutern.

  • Schekampare. Melanzani, Faschiertes, überbacken. Klingt fad, schmeckt aber.
    foto: harald fidler

    Schekampare. Melanzani, Faschiertes, überbacken. Klingt fad, schmeckt aber.

  • Optisch definitiv der Sieger: Saban. Vier Lammzungen in Brühe...
    foto: harald fidler

    Optisch definitiv der Sieger: Saban. Vier Lammzungen in Brühe...

  • ... und so sieht eine davon aus, bevor Hannes sie beherzt verputzt.
    foto: harald fidler

    ... und so sieht eine davon aus, bevor Hannes sie beherzt verputzt.

  • Achja, wieder was gelernt (abgesehen vom Knoblauch): Essigbaumblüte getrocknet ist das Rote im großen Streuer. Nicht scharf, wie man's erwarten möchte. Stört aber auch nicht, und macht den (hier unbezwingbar portionierten) Reis bunter.
    foto: harald fidler

    Achja, wieder was gelernt (abgesehen vom Knoblauch): Essigbaumblüte getrocknet ist das Rote im großen Streuer. Nicht scharf, wie man's erwarten möchte. Stört aber auch nicht, und macht den (hier unbezwingbar portionierten) Reis bunter.

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