Kohls Kommentar zu Armstrongs Auftritt

13. Jänner 2013, 19:32
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Lance Armstrong spricht mit Oprah Winfrey, der STANDARD sprach mit Bernhard Kohl. Der Wiener würde dem Texaner raten, reinen Tisch zu machen. "Sonst kann er nichts Neues beginnen." Armstrong steht laut Kohl vor einer "Rechenaufgabe"

Washington/Wien - "Direkt, ehrlich und aufrichtig!" So und nicht anders, versichert Lance Armstrong, will er in seinem mit Spannung erwarteten TV-Gespräch auf die Fragen von Oprah Winfrey antworten. Die Beichtmutter der US-Nation werde ihn alles fragen dürfen, was sie wolle. Der 41-Jährige versicherte vor der Aufzeichnung an diesem Montag (Ausstrahlung am Donnerstag), es habe keine Absprachen gegeben. "Sie kann so weit gehen, wie sie möchte." Auf seinem Sofa daheim in Austin, Texas, nimmt der gestürzte Radstar erstmals ausführlich zu seinem Dopingskandal Stellung.

In der Zeitung "USA Today" wird eine Dopingbeichte Armstrongs angekündigt, sie beruft sich auf Insider-Infos. Doch dass Armstrong alle Hintergründe und Zusammenhänge nennt, davon ist nicht auszugehen. Viele wünschen sich ein Dopinggeständnis von Armstrong, dem ehedem gefeierten, siebenmaligen Sieger der Tour de France (1999 bis 2005). Amerikanische Medien zitieren amerikanische Radfahrer, deutsche Medien zitieren deutsche Radfahrer, französische französische, und beinahe durch die Bank wird Armstrong nahegelegt, doch endlich alles zuzugeben.

Österreichischer Armstrong

der Standard zitiert Bernhard Kohl (31), den, wenn man so will, österreichischen Armstrong. Der Wiener wurde des Epo-Dopings überführt und gesperrt, nachdem er die Tour 2008 als bester Bergfahrer und Gesamtdritter beendet hatte. "Aus eigener Erfahrung", sagt Kohl, "würde ich Lance zu einem Geständnis raten. Sonst kann er nichts Neues beginnen, weil er das ewig mit sich herumträgt."

Kohl hat seinerzeit wirklich ausgepackt. Seine Sperre wurde zunächst von zwei Jahren auf lebenslänglich verwandelt, dann auf sechs Jahre verkürzt. Sie läuft in zwei Jahren ab, egal, es wird kein Comeback geben. Der ehemalige Radfahrer hat längst ein anderes Standbein gefunden. Derzeit wird sein Geschäft "Bernhard Kohl Fahrrad und Fitness" in der Triester Straße in Wien-Liesing um- und ausgebaut. Am 14. Februar sperrt es wieder auf. Kohl hat mit sieben Mitarbeitern begonnen, bald werden es dreißig sein. Das Ende der sportlichen Karriere war auch ein Neubeginn. "Und nur möglich, weil ich einen Schlussstrich gezogen, reinen Tisch gemacht habe."

Kohl: Unwahrscheinlich, dass Armstrong alles zugibt

Natürlich sind die Dinge bei Armstrong anders gelagert als bei Kohl. Er hat mehr zu verlieren, und es ist seit seinen Erfolgen mehr Zeit vergangen. In den vergangenen Jahren hat Armstrong quasi einen Verteidigungswall errichtet. Kohl geht davon aus, dass der "Boss", wie man ihn nannte, rechtlich gut beraten ist. "Für ihn ist es schlicht eine Rechenaufgabe. Was gibt er zu, was gibt er nicht zu? Was kann er gewinnen, wenn er etwas zugibt, was kann er verlieren? Welche Regressforderungen kommen auf ihn zu?" Also kann sich Kohl kaum vorstellen, dass Armstrong alles auf den Tisch legt. "Da könnte er ja wegen Meineids angeklagt werden." Und darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft.

Kürzlich schickte Armstrong Fotos aus, die ihn gemeinsam mit seinen sieben Siegertrikots zeigen. Auch Kohl sieht den Texaner weiterhin als Rekordgewinner, so wie er sich selbst unverändert als Dritten der Tour 2008 sieht. "Wenn man sich im Sport auskennt, sieht man das so. Weil es nicht ein paar schwarze Schafe, sondern vielleicht ein paar weiße Schafe gibt. Wenn man immer so nachbohrt wie bei Armstrong, bleiben nicht viele Sportler über." (Fritz Neumann, DER STANDARD 14.1.2013)

  • Kohl konnte neu beginnen und gewinnen.
    apa-foto: herbert neubauer

    Kohl konnte neu beginnen und gewinnen.

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