Frankreichs missglücktes Somalia-Abenteuer

Analyse14. Jänner 2013, 10:19
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Die Befreiungsaktion für eine französische Geisel endet für die Franzosen in einem Desaster - nicht zum ersten Mal

Es war ein ambitionierter Plan, den Frankreichs Präsident Francois Hollande im Dezember vergangenen Jahres absegnete: Spezialeinheiten des französischen Militärs sollten den Geheimagenten Denis Allex befreien, den die islamistischen Al-Shabaab-Milizen ("Harakat Al-Shabaab Al-Mujahideen") 2009 aus einem Hotel in Mogadischu verschleppt hatten. Das Ergebnis von Freitagnacht: Mindestens zwei französische Soldaten wurden bei der Befreiungsaktion getötet, ein weiterer wird vermisst.

Über das Schicksal von Allex herrscht nach der Militäroperation Unklarheit. Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian behauptet, die Geisel sei vermutlich tot. Die Al-Shabaab-Milizen verkündeten in einer ersten Stellungnahme indes, dass Allex lebe und auch der vermisste französische Soldat in ihrer Gewalt sei. Über das Schicksal des Agenten solle in den nächsten Tagen entschieden werden.

45-minütiger Schusswechsel

Wegen widersprüchlicher Informationen beider Seiten ist der genaue Verlauf der Ereignisse nach wie vor unklar. Laut dem französischen Magazin "Le Point" machte sich eine Spezialeinheit mit sechs Hubschraubern von Schiffen im Indischen Ozean aus am Freitagabend auf dem Weg nach Somalia, um die Geisel zu befreien. Augenzeugen berichteten, dass die französischen Einheiten nahe einer Al-Shabaab-Basis in Bulo Marer, einer Hochburg der somalischen Islamisten, landeten.

Das Eindringen der Franzosen blieb von den Milizen nicht unbemerkt, laut Ohrenzeugen folgte ein 45-minütiger Schusswechsel. Einem Bericht der Website SomaliMemo zufolge, deren Betreiber ein Naheverhältnis zu Al-Shabaab pflegen, nutzten die islamistischen Milizen mehrere aufgerüstete Jeeps, um den Angriff zurückzuschlagen. Aufseiten der Islamisten sind demnach mehr als ein Dutzend Kämpfer gefallen. Auch mehrere Zivilisten sollen ums Leben gekommen sein.

Mit wenig Information in den Angriff

Die Al-Shabaab-Milizen behaupteten nach der Kommandoaktion, Allex befände sich gar nicht in Buulo Marer. Somalische Nachrichtenseiten berichten, dass die Islamisten unmittelbar vor dem Angriff von informierten Lokalpolitikern gewarnt wurden, das Kabinett von Premierminister Abdi Farah Shirdon dementierte hingegen, von den französischen Plänen gewusst zu haben. Gleich, welche Version der Ereignisse nun stimmt: Klar ist nur, dass Frankreichs Befreiungsplan in einem Desaster endete - nicht zum ersten Mal.

Allein der Umstand, dass die Kämpfer von Al-Shabaab die französischen Elitesoldaten erfolgreich zurückschlagen konnten, lässt darauf schließen, dass die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse Frankreichs vor dem Angriff alles andere als ausreichend waren. Über die Aktivitäten der französischen Geheimdienste in Somalia ist nur wenig bekannt. Doch Frankreichs Agenten konnten vor dem Angriff offensichtlich weder die Stärke der Rebellen feststellen, noch die lokalen Gegebenheiten ausreichend erkunden.

Blamage für Geheimdienst und Militär

Für Frankreichs Geheimdienst, der auf dem afrikanischen Kontinent eine Führungsrolle einnimmt, eine Blamage. Vor allem im Vergleich mit ihren US-Kollegen. Schon vor geraumer Zeit errichtete die CIA eine beachtliche Präsenz in Mogadischu. Die Rede ist von mehreren Gebäudekomplexen in Mogadischu, die vom US-Geheimdienst benutzt werden. Sogar ein eigenes Gefängnis soll die CIA in Somalia betreiben. Der personelle und finanzielle Einsatz hat bereits zu Erfolgen geführt: Im Jänner vergangen Jahres, gelang es US-Spezialeinheiten, zwei Entwicklungshelfer aus den Fängen der Al-Shabaab zu befreien. Wenig später wurde ein Kommandant der Miliz durch einen US-Drohnenangriff getötet. In beiden Fällen mussten die USA präzise Geheimdienstinformationen besitzen, um die Missionen erfolgreich durchzuführen.

Nicht erst seit dem Wochenende gibt es starke Zweifel daran, dass Frankreich die selbe Präzision bei ihren Einsätzen an den Tag legt. Vor allem wenn man Frankreichs bisherige Misserfolge bei derartigen Missionen in Betracht zieht, ist das keine Überraschung:

  • Bereits im Jahr 2009 versuchten französische Spezialkommandos eine Familie, deren Yacht vor der Küste Somalias von Piraten erbeutet wurde, zu befreien. Versehentlich erschossen die Soldaten dabei den Familienvater.
  • Im Juli 2010 wurde ein Franzose, der im Niger entführt wurde, von Mitgliedern von "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" getötet, nachdem Frankreich versuchte ihn mit Gewalt in Mali zu retten.
  • 2011 starben zwei Geiseln im Niger, nachdem das französische Militär versuchte, sie aus den Fängen von islamistischen Militanten zu befreien.

Rückschlag

Für die Al-Shabaab-Milizen, die seit Monaten an Territorium und Unterstützung verlieren, ist die fehlgeschlagene Operation - und vor allem die zweite Geisel - ein unerwartetes Geschenk aus Paris. Sollten sich die Berichte über getötete Zivilisten bewahrheiten, wird auch die ohnehin schwache somalische Regierung in Mogadischu unter Druck kommen.

Für Frankreich ist es hingegen ein weiterer Rückschlag in einem sehr viel größeren strategischen Puzzle, das sich von Mauretanien bis an die afrikanische Ostküste zieht: dem Kampf gegen eine steigende Anzahl an radikalislamistischen Gruppen in Afrika, bei dem die Franzosen immer öfter die Oberhand verlieren. (Stefan Binder, derStandard.at, 14.1.2013)

  • Entführt: Denis Allex wurde von den Al-Shabaab-Milizen verschleppt.
    foto: epa

    Entführt: Denis Allex wurde von den Al-Shabaab-Milizen verschleppt.

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  • Bis auf die Zähne bewaffnet: Die militanten Islamisten konnten den französischen Angriff zurückschlagen.
    foto: reuters/faisal omar

    Bis auf die Zähne bewaffnet: Die militanten Islamisten konnten den französischen Angriff zurückschlagen.

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