Nächtlicher Monolog im Single-Haushalt

13. Jänner 2013, 17:33
3 Postings

Eine namenlose Ich-Figur räsoniert in Christoph Nußbaumeders Stück "Meine gottverlassene Aufdringlichkeit" über den uneingelösten Kredit ihres Lebens

Wien - Eine Frau steht vor den Trümmern ihrer Freiheit. "Es hat mir nichts gebracht, alles eigentlich richtig gemacht zu haben". Eine namenlose Ich-Figur räsoniert in Christoph Nußbaumeders Stück "Meine gottverlassene Aufdringlichkeit" in einem nächtlichen Monolog über den uneingelösten Kredit ihres Lebens. Alles wäre möglich gewesen in diesem liberal-demokratischen Mitteleuropa, aber nichts hat geklappt. Als freiberufliche Kunsthistorikerin schreibt die etwa Dreißigjährige nun von zu Hause aus Bildtexte für die Kataloge eines Auktionshauses, deren Mitarbeiter sie nur telefonisch kennt.

Ihre Rede an sich selbst, die sie vor einer Wohnzimmertapete im Nebenhaus des Schauspielhauses hält, weist den Erschöpfungsgrad armer urbaner Mittelstandsmenschen von heute aus. "Arm" ist hier nicht unbedingt eine kokette Zuschreibung.

Die Ich-Figur repräsentiert eine Generation von jungen Kreativen, die trotz erstklassiger Ausbildung, trotz familiären Rückhalts und genug eigenen Ehrgeizes von den vielen Schranken des spätkapitalistischen, immer noch männlich dominierten Systems gebremst wird. Dabei hat die Frau Power - und einen Hang zur Selbstironie. Eine Vergeudung, denkt man.

Katja Kolm erhebt ihre dunkle, feste Stimme, um sich die selbst formulierten Katalogtexte laut vorzusprechen und ob ihrer Blödheit sogleich wieder zu korrigieren. Dabei heftet sie ihren Blick auf die Fotokopie etwa eines Gemäldes von Jules Breton, auf dem eine Magd zu sehen ist: "Realität der Feldarbeit" - "Was für ein Blödsinn schon wieder!"

Bereits 2005 schrammte Christoph Nußbaumeder knapp an einem Nachwuchs-Nestroy vorbei, und er zeigt nun auch in "Meine gottverlassene Aufdringlichkeit", wie man den Lügensack des modernen Individuums messerscharf aufschlitzt. Regisseurin Daniela Kranz gibt dieser tragikomischen Gesellschaftsanalyse die richtige Dynamik. Immer wieder gleitet die witzige Beschwerdeführung in Musik ab.

Katja Kolm singt "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", hämmert bei Bedarf ins Klavier und gibt ihrem Künstlernachbarn lauthals und mittlerweile betrunken eine Abfuhr. Da sollte man dabei gewesen sein. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, 14. 1. 2013)


Bis 28. 2.

  • Frau (Katja Kolm) monologisiert im Single-Haushalt.
    foto: pelekanos

    Frau (Katja Kolm) monologisiert im Single-Haushalt.

Share if you care.