Großer Fleiß der kleinen Tochter

15. Jänner 2013, 10:35
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Wie aus Sonja Hausladen eine Schwimmerin geformt wurde, die über sich hinauswuchs, ohne zuvor auf den Zug der Zeit aufspringen zu müssen

Wien - 4. August 1984, Schwimmstadion der University of Southern California, olympisches Finale über 200 m Schmetterling: Mary T. Meagher aus Louisville, Kentucky, schwimmt innert 2:06,90 Minuten zu ihrem zweiten Gold. 16.500 Zuseher in der Freiluftarena flippen aus.

An einem ORF-Mikro flippt Robert Seeger aus - auch, aber nicht nur wegen " Miss Butterfly", die Los Angeles als dreifache Olympionikin verlassen sollte. Sonja Hausladen aus Wien-Favoriten befeuert Seegers patriotische Leidenschaft. Sie schlägt nach 2:15,38 Minuten als Siebente an - eine Sensation, wenn auch eine angekündigte, nachdem sich die gerade 21-Jährige in der Qualifikation mit einem österreichischen Fabelrekord (2:13,5) den Traum vom Endlauf erfüllt hatte.

"Der Rekord hat 16 Jahre gehalten, dann hat ihn Petra Zahrl kassiert", erinnert sich die 49-jährige Vertragsbedienstete Sonja Hausladen in einem winzigen Parterrebüro des Ministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), in dem sie als eine stellvertretende Kanzleileiterin wirkt. Eine Aufnahme vom Finale mit dem sich überschlagenden Seeger hat sie zu Weihnachten bekommen. "Der hat mit Herzblut kommentiert, nicht so fad wie die heute. Ich hab mich gut an das Gefühl erinnern können, wie das war, in diesem Kessel. Da rennt einem die Ganslhaut. Das ist schon etwas anderes als in einer Halle. Und ich habe viele Hallen gesehen."

Herumgepritschelt

Die erste war jene des Amalienbads in Favoriten, in dem der Vertreter Johann Hausladen seine beiden Kinder, den achtjährigen Helmut und die vierjährige Sonja, das Schwimmen zu lehren gedachte. "Ich hab am Anfang nur bei den Stiegen herumgepritschelt", sagt Sonja. Der Sohn fand Aufnahme beim Arbeiter Schwimm Verein, die kleine Tochter musste warten, " weil der ASV damals Kinder unter acht Jahren nicht genommen hat".

Bald nachdem Sonja Hausladen dem ASV beitreten durfte, bekam Vater Johann zu hören, dass aus dem Bub schwimmerisch nichts werden würde, vielleicht aber aus dem Mädl. "Mit Talent hatte das nichts zu tun. Ich habe im Prinzip kein Talent gehabt", sagt Sonja Hausladen, "ich war auch immer die Kleinste. Aber ich war sehr fleißig im Training, ich habe mir alles erschwommen, erst zwei Stunden zweimal die Woche, dann dreimal und so weiter bis hin zu acht Stunden jeden Tag."

Für diesen Fleiß und angesichts der sich unweigerlich einstellenden Erfolge war das Amalienbad irgendwann zu klein. Mit ihrem Trainer Hannes Straub wechselte Sonja Hausladen der Trainingsbedingungen wegen schließlich ins noch ziemlich neue Leistungszentrum Südstadt.

Förderer

Nicht ganz so wichtig wie Vater Johannes oder Trainer Straub ("Er war knallhart"), aber doch ein großer Förderer der Karriere war ein gewisser Herr Großkopf, der der hoffnungsvollen Athletin eine Lehrstelle in seiner Firma Velo-Sport auf der Favoritenstraße gewährte. "Das war keine Kleinigkeit, ich hatte schließlich wegen des Trainings und der Wettkämpfe ein Zeugnis mit 176 Fehlstunden. Aber er hat gemeint, dass er sich als Inhaber eines Sportgeschäfts schließlich auch für den Sport engagieren sollte."

Sonja Hausladen wechselte später in die Filiale in der Shopping City Süd, der Nähe zur Trainingsstätte wegen. "An manchen Tagen war ich nur zu Mittag für eine Stunde im Geschäft, wenn die anderen eben Pause gehabt haben." Nach dem Abschluss der Lehre wird sie "freigestellt, aber ich war nur ein halbes Jahr arbeitslos". Die Familie sorgt für die nötige Zwischenfinanzierung.

Als der spätere Bundeskanzler Fred Sinowatz als zuständiger Minister den Frauensport besser zu fördern gedenkt, werden in der Südstadt, gleichsam als kleiner Ausgleich für die den Männern vorbehaltene Heeressport-Karriere, zwei Frauenstellen für Vertragsbedienstete eingerichtet. Sonja Hausladen erhält eine davon, erledigt neben dem Training Bürojobs. Gunnar Prokop leitet das Leistungszentrum, "der war auch knallhart. Er und mein Trainer haben sich da gut ergänzt." Sechs Jahre dauert die Anstellung in der Südstadt, "leider wird mir das heute nicht auf die Pension angerechnet".

Die Klasse als Politikum

Auch die Sporthilfe fördert Sonja Hausladen, die eifrig Meistertitel in ihren Disziplinen Schmetterling (Delfin), Lagen und Kraul sammelt und national völlig unangreifbar ist. Es wird darüber diskutiert, ob ihre Einstufung von internationale Klasse auf Weltklasse erhöht werden soll. Es geht um 2500 oder 5000 Schilling monatlich. Das Gremium aus neun Fachverbandspräsidenten unter Sporthilfegeneralsekretär Gerold Grims stimmt für die Anhebung. "Es gab nur eine Gegenstimme, die kam vom Schwimmverbandspräsidenten Anton Weghofer. Der war ein Schwarzer. Er hat schon vorher immer gesagt, dass ich vom ASV weg zu einem schwarzen Verein soll, weil er mir dann besser helfen könnte."

Sonja Hausladen widersteht diesen Verlockungen. Andere werden dank der Weitsicht Johannes Hausladens gar nicht erst an sie herangetragen. "Mein Vater hat zu meinem Trainer gesagt, dass er mit mir machen kann, was er will. 'Aber wenn du mit Doping anfängst, nehm ich sie dir sofort weg.'"

Ihr olympisches Debüt gibt Sonja Hausladen 1980 in Moskau. Die Schwimmbewerbe der ersten Boykottspiele werden in Abwesenheit der US-Athletinnen von jenen aus der DDR beherrscht. Österreichs Hoffnungsträgerin, die über 100 und 200 m Schmetterling in der Quali scheitert, kommt sich mit ihren 1,65 Metern reichlich klein vor unter " diesen Riegeln von Weibern. Ich habe geglaubt, dass ich in der Männerkabine bin. Die hatten keinen Hals, aber ganz tiefe Stimmen. Beim Doping waren die immer zwei Schritte vor den Kontrolleuren."

Schoko und Arbeit

Sonja Hausladen war der heimischen Konkurrenz zumindest einen Schritt voraus, auch wenn es Kritik in der Presse gab, auch an ihrer Lust auf Schokolade. Am Training hat sie nie gespart, im Jahr der Spiele zu Los Angeles legte sie im Wasser 2500 Kilometer zurück. "Viel mehr trainieren sie heute auch nicht, aber sie haben bessere Bedingungen."

Die Klage über ebendiese Bedingungen, zumal in Wien und Umgebung, kann die 35-malige Meisterin daher auch nicht ganz nachvollziehen. "Nach den Möglichkeiten, wie sie den Schwimmern heute geboten werden, hätte ich mir alle zehn Finger abgeschleckt. Wir haben in der Südstadt zu zehnt auf acht Bahnen trainiert, ohne Wettkampfleinen." Diese Leinen sorgen für eine möglichst ruhige Wasseroberfläche. "Bei uns wurden sie oft bewusst weggelassen, damit wir eben Wellen haben."

Karriereende nach Verletzung

Nach Los Angeles wollte Sonja Hausladen ihre Karriere schon beenden, sie hörte aber erst auf, als sie infolge einer bei einem Trainingsunfall in Nizza erlittenen Nierenquetschung ("Ich bin von einem Gerät gefallen") nicht mehr an ihre alte Form anschließen konnte. Ihre letzten Starts absolvierte sie 1986 bei den Meisterschaften in Innsbruck, wo sie neun Jahre zuvor ihre ersten Titel geholt hatte. Sonja Hausladen war da erst 23 Jahre alt. "Aber im Vergleich zu den damaligen Weltrekordlerinnen mit ihren 15 bis 18 Jahren war ich schon eine Großmutter des Schwimmsports."

Heute ist sie zweifache Mutter, ihr Älterer, Christof (24), spielt Wasserball, der Jüngere, Michael (20), Fußball beim SC Mannswörth. Mit Bruder Helmut, der ein akzeptabler Wasserballer und ein internationaler Schiedsrichter geworden ist, geht Sonja Hausladen einmal pro Woche in der Südstadt schwimmen. Im Sommer feiert sie mit ihrer Familie den 50er. " Im Batzenhäusl in Kufstein, da freu ich mich sehr drauf." (Sigi Lützow, DER STANDARD 14.1.2013)

  • Sonja Hausladen war für eine Schwimmerin, zumal eine, die stilistisch Delfin bevorzugte, mit ihren 1,65 Metern ziemlich untergroß. Gegen ihre Gegnerinnen, vor allem aus der DDR, "diese Riegel von Weibern", war die 35-fache Staatsmeisterin sogar ein Zwerg. Heute ist sie Vertragsbedienstete im BMUKK.
    foto: standard/lützow

    Sonja Hausladen war für eine Schwimmerin, zumal eine, die stilistisch Delfin bevorzugte, mit ihren 1,65 Metern ziemlich untergroß. Gegen ihre Gegnerinnen, vor allem aus der DDR, "diese Riegel von Weibern", war die 35-fache Staatsmeisterin sogar ein Zwerg. Heute ist sie Vertragsbedienstete im BMUKK.

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