Als Gaddafi Belgien befreite

13. Jänner 2013, 17:20
2 Postings

Das Kollektiv Superamas: In "Theatre" werden die Bilderinszenierungen der Renaissance und des 19. Jahrhunderts als Teile der politischen Überlieferung analysiert

Wien - Sie soll von atemberaubender Schönheit gewesen sein: Lucrezia Buti, die im 15. Jahrhundert aus Liebe zu dem Maler Fra Filippo Lippi aus dem Kloster floh. Als Modell für dessen tanzende Salome ist sie im Dom von Prato verewigt. In Theatre, dem jüngsten Stück des Kollektivs Superamas, das gerade im Tanzquartier Wien zu sehen war, erlebt Lippis Fresko Gastmahl des Herodes einen provokanten Bühnenauftritt.

Die berückende Liebesgeschichte zwischen Lippi und Buti verdanken wir dem Künstlerbiografen Giorgio Vasari, das Politdrama hinter dem Salome-Tanz der Bibel. Dort gerät der paranoische Despot Herodes, dem Kulturtheoretiker Hartmut Böhme zufolge, in eine "pädophil-inzestuöse Verwirrung" durch die Darbietung der kindlichen Salome. Deren Forderung, das Haupt des Johannes auf einer Silberschale serviert zu bekommen, ist das Ergebnis eines intriganten Machtspiels in der Herrscherfamilie.

Perspektive der Renaissance

In Theatre zielen Superamas auf den politischen Hintergrund der Bildkomposition von Lippis Fresko: eine "absolutistische" Linearperspektive, wie sie in der Renaissance aufkam. Der Maler zeigt sein politisches Theater als mediale Gestaltung, die sich im Zuge der Überlieferungen dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend veränderte. Von diesem Standpunkt aus springen Superamas in ein Paralleluniversum.

Darin hat sich die Weltgeschichte anders entwickelt: In Belgien herrscht Bürgerkrieg, und Libyens Muammar al-Gaddafi bricht auf, um das von dem dekadenten Despoten Albert II. geknechtete Land zu befreien. Die Türkei, das Emirat Qatar und Ariel Sharon, der den Vereinigten Staaten von Israel und Palästina vorsteht, unterstützen ihn dabei.

Trotz französischer Bedenken greift diese Koalition militärisch gegen Albert II. ein. Und zwar, salopp gesagt, mit alttestamentarischer Gewaltbereitschaft und gepaart mit jener Sexyness, die vor allem das europäische 19. Jahrhundert dem Orient zugeschrieben hat. In Theatre geht es also um die Wirkung medialer Fiktionen. Superamas dirigieren das Theater des Politischen von Filippo Lippi über die Salome-Oper von Richard Strauss - und Florent Schmitts kurz danach folgende Ballettfassung für Loïe Fuller - bis hin zum medialen Tanz zwischen Bühnenshow und Videospiel-Animation. Die Konfrontation zwischen den Ereignissen in Superamas' Paralleluniversum und dem, was die Zuschauer von Theatre für die Wirklichkeit halten, führt zur Darstellung einer Informations-Apokalypse: Mit Versatzstücken aus verfremdeten Nachrichten-Clips, aus Film- und Seifenoper-Dialogen bringt das Stück die wackeligen Mauern des realpolitischen Theaters, wie es tagtäglich in linearer Perspektive über das Patschenkino in unsere Kartenhäuschen flimmert, zum Einsturz.

Natürlich als Simulation in der Bühnenshow. Die kalkulierte Frivolität, mit der Superamas darin auf die öligen Oberflächen unserer Informationsgesellschaft hinklatschen, ist allerdings einigermaßen verstörend. Tiefschwarzer Humor. Dazu gab es frenetische Zustimmung beim Publikum. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, 14. 1. 2013)

  • Im Bildermix der Zeiten: Superamas erinnern sich an Salome und den Orientalismus.
    foto: demarthe

    Im Bildermix der Zeiten: Superamas erinnern sich an Salome und den Orientalismus.

Share if you care.