Wolf Wondratschek: Gibt es Regeln für den Zufall?

13. Jänner 2013, 12:44
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Ihm eilt der Ruf voraus, er sei der Verkünder kommenden Glücks: Gedanken zum Zufall

Keiner, der sich selbst eine Frage stellt, begnügt sich mit einer, die lächerlich leicht zu beantworten wäre. Die hohe Unwahrscheinlichkeit, überhaupt in der Lage sein zu können, mit einer oder einigen Antworten die Frage erledigt zu haben, garantiert ihre Qualität. So schnell gibt eine gute Frage ihr Geheimnis nicht preis, nicht um einer schnellen Antwort willen. Noch bevor wir überhaupt in die Nähe einer möglichen Antwort kommen, hat sich die Frage, plötzlich lebendig geworden, multipliziert; aus einer Frage werden einige, wenn nicht viele. Wie überhaupt lassen sich unverbundene Einzelmeldungen zu einer Antwort verknüpfen?

Ein Mann bemerkt, als er dem Meer entsteigt, dass er seinen Ring verloren hat, er ist wütend, aber einsichtig genug, nicht nach ihm tauchen zu wollen. Er war stolz darauf, abgenommen zu haben, ganze acht Kilo. Er muss ihm beim Schwimmen vom Finger gerutscht sein.

Zwei Jahre später, er hat längst wieder an Gewicht zugelegt, nimmt er, der inzwischen als Küchenchef in einem noblen Restaurant in Paris arbeitet, einen Fisch aus, in dessen Bauch sich ebenjener Ring wiederfindet. Er ist es, er erkennt ihn.

Was für ein Zufall, denkt er und ist glücklich. Wie viel glücklicher, denke ich, könnte er sein, wenn er nicht an Zufall, sondern an das glauben könnte, was in diesem Fall wahrscheinlicher ist: an ein wahr gewordenes Märchen.

Obwohl - bedient sich der Zufall, falls es ihn gibt, nicht einer Strategie, die jede Logik, jede Wahrscheinlichkeit auf ähnlich souveräne Weise außer Kraft setzt wie Märchen? Oder eine Frage, die es in sich hat?

Der Zufall ist ein Kind, das spielt. Er spielt mit den Gedanken derer, die sich von ihm etwas anderes erwarten als das Zwangsläufige, das absehbar Gewohnte, das notwendig Alltägliche, das nur Vernünftige.

In jedem mit der Unzufriedenheit am offenkundig Gewöhnlichen beschäftigten Gedanken spielt die Sehnsucht nach Erlösung eine Rolle, einer Errettung ohne die Einmischung eines Gottes. Der Zufall benimmt sich, als wisse er selbst nicht, dass es ihn nicht gibt. Er gibt sich, was immer er zu bieten hat, unschuldig. Er tut so, als sei er Teil ei-nes Plans, den wir Schicksal nennen.

Ihm eilt der Ruf voraus, er sei der Verkünder kommenden Glücks. Er ist für die, die an ihn glauben, der immer willkommene, wenn nicht immer schon erwartete Freund, eine von Illusionen vergoldete Null, von der die Verzauberung aller bestehenden Verhältnisse ihren Anfang nimmt. Wo Langeweile war, entsteht Bewegung. Der immer Misstrauische hält endlich den Mund - und den Atem an. Der Sprung ins Optimistische könnte auch seinem Leben auf die Sprünge helfen.

Der Zufall wird als wesenhaft romantisch gesehen - was sein Erfolgsgeheimnis zu sein scheint. Es sind die Glücklosen, die an den Zufall glauben, die Unglücklichen, falls die überhaupt noch bereit wären, an irgendetwas anderes als an ihr Unglück zu glauben. Der Zufall ist nicht der heutige Tag, sondern der nächste, der kommende. Er lähmt die Bereitschaft, sich aktuell lebendig zu fühlen. Aber er wird kommen, der Tag, der Zufall, das Glück.

Der Zufall als futuristische Parole. Sich bereitzuhalten ist alles. Der starke Anspruch an sich selbst wäre die richtige Diät, in Form zu bleiben. Endlich wird das Leben, was es zu selten war: lebendig. Und gefährlich sogar! Es scheint tanzen zu wollen, improvisieren, an seiner Existenz endlich die Risiken entdecken zu wollen. Es wird denen, die mutig genug sind, sich darauf einzulassen, mehr abverlangen als brüderliche (oder bessere: bürgerliche) Geschicklichkeit.

Zufall: ein Sturz nach oben. Was, wenn die Schwerkraft das letzte Wort hat? Ich mag Willkür nicht, aber den Zufall liebe ich, sagte mir eine Frau, die den Zufall wie einen Liebhaber zu erwarten schien. Sie schaute dabei gen Himmel, an die Zimmerdecke, genauer gesagt, die so solide betoniert war wie die Wände einer Zelle. Aber ihre Stimme klang, als stünde sie unter Eid. Ein Schiff wird kommen, und auf der Kommandobrücke steht er, der Mann mit dem Horizont im Blick, mit den Muskeln, den schwarzen Locken, dem Schmelz in der Stimme.

Ein Analphabet, ihr Gott. Sie ist die Wartende, er der Wollende. Eine letzte, ihre Sinne noch einmal erregende Beschäftigung. Der Glaube an das Unwahrscheinliche soll sie verjüngen. Sie nähme selbst das Unvernünftige an der Sache in Kauf, wenn es sie noch einmal - wie nie etwas zuvor - überschwemmte.

Aber nicht doch, meine Liebe, nicht trudeln, Kopf hoch. Erwarten wir das Wunder der Unwahrscheinlichkeit auf Augenhöhe, wenn überhaupt.

Mir war danach, ihr die Laune zu verderben. Nichts ist Zufall, selbst in der größten Unordnung nicht. Ja, nicht einmal im Chaos gehe es ohne Regeln ab; nicht oder nur schwer und unzureichend berechenbar, aber es gibt sie.

Ich sagte das erst einmal einfach so hin, zumal es sich unwiderlegbar anhörte. Vielleicht sagte ich es auch, weil ich mit dem Glauben meine Schwierigkeiten habe. Ich bin in keiner Hinsicht einer, der glaubt, an was auch immer.

Ich erinnere mich an ein Interview mit einem einmal amtierenden Weltmeister im Pokerspiel, der einem Journalisten versichert, dass es kein Glück gebe am Kartentisch, übrigens auch am Würfeltisch nicht.

Die Würfel fallen, wie sie wollen? Nein. Zufall? Aber nicht doch. Wir verstehen nur das Gesetz nicht, die Regeln. Der uns allen implantierte Zwang, verstehen zu wollen, lädt uns zu Fehlern ein, die wir auch prompt machen, weil wir uns einmischen. Dabei käme es darauf an, den Gehorsam zu verweigern, den wir dem menschlichen Verstand schuldig zu sein glauben. Ich spiele, um zu gewinnen, nicht um zu verstehen. Es macht die Märchen heilig, nicht den Zufall.

Und mit einem Gesicht, wie es nur Pokerspieler hinkriegen, sagte er noch: Ich habe immer an Märchen geglaubt, und nicht einmal das, glauben Sie mir, ist Zufall.    (Wolf Wondratschek, Album, DER STANDARD, 12./13.1.2013)

Wolf Wondratschek, geboren 1943 in Rudolstadt, lebt als Schriftsteller in Wien. Werke u. a.: "Früher begann der Tag mit einer Schußwunde" (1969) "Omnibus (1972) "Chucks Zimmer" (1974), "Mozarts Friseur" (2002), "Tabori in Fuschl - Lyrik-Zyklen" (2006). Zuletzt erschien "Das Geschenk" (Hanser, 2011).

  • "Die Würfel fallen, wie sie wollen? Nein. Zufall? Aber nicht doch. Wir verstehen nur das Gesetz 
nicht, die Regeln." Gemälde von Picasso
    foto: ap

    "Die Würfel fallen, wie sie wollen? Nein. Zufall? Aber nicht doch. Wir verstehen nur das Gesetz nicht, die Regeln." Gemälde von Picasso

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