Erstarrte Unnahbarkeit on the rocks

11. Jänner 2013, 19:12
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Ingo Berks Schnitzler-Inszenierung ist auch für das Publikum ein "Einsamer Weg"

Graz - Die mächtige Gletscherzunge, die einem die Bühne im Grazer Schauspielhaus eindrucksvoll entgegenstreckt, vermag nur anfangs zu beeindrucken. Nach zweieinhalb Stunden hat man sich an den Eisschollen, dem davor liegenden Teich (Bühne: Damian Hitz), und den traurig umher stehenden, in schwarz gekleideten Menschen (Kostüme: Eva Krämer) sattgesehen.

Der einsame Weg ist Arthur Schnitzlers 1904 in Berlin uraufgeführtes Stück über Freunde, die sich nach Jahren wiedertreffen und mit ihren geplatzten Lebensträumen und gepflegten Lebenslügen konfrontiert sehen. Alle scheinen sie völlig unfähig, tragbare Beziehungen aufzubauen oder auch nur temporäre Nähe zuzulassen.

Zum großen Teil sind sie Künstler: Der Maler Julian Fichtner (ein entspannt überzeugender Franz Xaver Zach), sein Freund, der Kunstprofessor Wegrat (Gerhard Balluch gibt einmal mehr eindringlich Gerhard Balluch) und Stephan von Sala (ein präziser Stefan Suske), ein todkranker Dichter, den Wegrats Tochter Johanna still liebt. Der vom Arzt Schnitzler am pragmatischsten gezeichnete Mann ist nicht zufällig der Arzt Franz Reumann (wohltuend normal: Franz Solar).

Große Fragen wie jene, ob eine Lüge gut und die Wahrheit desaströs sein kann, werden - wie schon 20 Jahre zuvor in Henrik Ibsens Wildente - verhandelt: Es geht darum, ob der junge Felix, offiziell Wegrats Sohn, jedoch ein "Kuckucksei" Fichtners, das Recht hat, zu erfahren, wer sein Vater ist. Es geht auch um Liebe, um das Verlassen und das Wiederfinden von Menschen und um den Tod.

Keine faden Themen, die Schnitzler in bewegenden, dann wieder ironischen Dialogen abtastete. Doch in Berks Version, die am Donnerstag im Schauspielhaus Premiere hatte, zittern selbst bewährte Junge des Ensembles wie Pia Luise Händler als Johanna, die vor allem fröstelt, bevor sie den Tod im Teich findet, oder Christoph Rothenbuchner als verwirrter Felix, schaumgebremst durch den Abend. Auch die beiden vom Leben enttäuschten Frauen, eine mit ihrer Kinderlosigkeit hadernde Schauspielerin und die sterbende Mutter von Felix (beide: Steffi Krautz), bleiben in Berks düsterer Version Schablonen.

Einsamkeit oder jene Traurigkeit, die in den "Dingen oft viel tiefer verborgen" steckt, als man ahnt, wie es einmal heißt, kann man mit mehr Tempo inszenieren. Ruhe muss nicht langweilen. Kälte nicht zu dauerhafter Erstarrung führen. Höflicher Applaus beim nach der Pause dezimierten Publikum.  (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 12./13.1.2013)   

Nächster Termin: 15. 1.

  • Düster auf dem Eis: Pia Luise Händler als Johanna.
    foto: lupi spuma

    Düster auf dem Eis: Pia Luise Händler als Johanna.

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