Anschober: "Ich hatte das Gefühl, dass der Akku sich rapide leert"

Interview13. Jänner 2013, 09:00
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Seit ein paar Tagen ist der oberösterreichische Grünen-Politiker und Landesrat Rudi Anschober wieder im Amt. Über seine Krankheit, das Tabuthema Burnout und darüber, weshalb er nicht mehr grüner Landessprecher sein will

STANDARD: Wie oft wurden Sie in den letzten Tagen gefragt, wie es Ihnen denn geht?

Anschober: Sehr oft. Es ist ein gutes Gefühl, reines Herzens antworten zu können: viel besser.

STANDARD: Sie sind seit zehn Jahren Landesrat. Wann haben sie bemerkt, dass etwas nicht passt?

Anschober: Ich selbst habe die ersten Symptome sehr spät, im Frühling 2012, wahrgenommen. Plötzlich litt ich unter Schlaflosigkeit. Zwei, drei Stunden, das war's. Auf Dauer geht das auf die Substanz. Ich dachte noch: Das wird wieder.

STANDARD:  Es wurde nicht besser.

Anschober: Im Juli hatte ich eine Woche Urlaub in Griechenland. Dort bekam ich plötzlich starke Nackenschmerzen. Wichtige Termine schaffte ich ab da nur noch mit Schmerzmitteln. Ich hatte das Gefühl, dass der Akku sich rapide leert. Dann knallte man mir die Diagnose Burnout auf den Tisch.

STANDARD: Wie haben Sie darauf reagiert?

Anschober: Es war sehr wenig Zeit zu überlegen, da ich den Eindruck hatte, rasch reagieren zu müssen. Ich habe eine Presseaussendung gemacht und danach alle Termine gestoppt. Großteils war ich einfach zu Hause. Punktuell begleitet von einem Burnout-Spezialisten. Aber ich habe genau nach ärztlichem Vorschlag keine Politik mehr an mich herangelassen und Dinge gemacht, die mich Kraft tanken ließen, war etwa viel mit meinem Hund spazieren. Es gab Tage, da war aber das schon mühsam. Im Dezember kam der erlösende Moment: die erste durchgeschlafene Nacht. Auch die Schmerzen sind jetzt vollkommen weg.

STANDARD: Macht Politik krank?

Anschober: Politiker glauben oft, sie dürfen keine Schwächen zeigen. Das fand ich immer schon dumm. Burnout wird aber nicht nur in der Politik als Tabu gesehen, dabei gibt es keine Berufsgruppe, bei der diese Krankheit nicht massiv am Zunehmen ist. Aber je mehr eine Krankheit in den psychischen Bereich geht, desto stärker wird sie verheimlicht. Es macht doch keiner ein Geheimnis aus einer Grippe - warum also aus einem Burnout?

STANDARD: Nach außen haben sich alle auch ganz verständnisvoll gezeigt: Wie war das wirklich?

Anschober: Ich habe niemanden erlebt, der die Situation ausgenutzt hätte. Landeshauptmann Josef Pühringer hat von mir alle Agenden übertragen bekommen - und er war sehr korrekt.

STANDARD: Was wollen Sie künftig in Ihrer Arbeit anders gestalten?

Anschober: Das Grundmotto für meinen Neubeginn lautet: Ich möchte versuchen, so etwas wie eine menschliche Arbeitssituation zu entwickeln. Eine Balance zwischen Privatleben und politischer Arbeit muss doch auch in der Spitzenpolitik möglich sein.

STANDARD: Gibt es einen Plan B für den Fall, dass das nicht klappt?

Anschober: Nein, ich bin zuversichtlich. Bis Ostern möchte ich einen neuen Arbeitsstil entwickeln. Es muss nicht alles über meinen Schreibtisch gehen. Die ständige Erreichbarkeit ist ebenso Vergangenheit. Ich setze auch stärker auf Schwerpunkte - ich muss den Mut zur Lücke haben.

STANDARD: Und in der Partei?

Anschober: Ich werde noch 2013 die Funktion des Landessprechers in Oberösterreich abgeben.

STANDARD: Wieso?

Anschober: Um mich zu entlasten. Und damit Oberösterreichs Grüne sich an der Spitze verbreitern.

STANDARD: Wer soll nachfolgen?

Anschober: Das werden wir uns in Ruhe im Februar überlegen.

STANDARD: Tirol, Kärnten, Niederösterreich und Salzburg wählen - Oberösterreich hat immer als grünes Musterland hergehalten, werden Sie wahlkämpfen?

Anschober: Das ist sicher nicht mein zentrales Projekt. Zuerst will ich völlig gesund werden, das ist die erste Priorität. Aber 2013 wird ohnedies das grüne Jahr. Es passt die Gesamtkonstellation.

STANDARD: Und bei der kommenden Nationalratswahl?

Anschober: Da werden neben Wien und Oberösterreich bereits weitere Regierungsbeteiligungen existieren. So haben wir etwa in Kärnten sehr gute Chancen. Aber auch in den anderen Ländern könnten wir so zulegen, dass die Grünen in einer Regierung vorstellbar sind.

STANDARD: Wie werden Sie am 20. Jänner bei der Volksbefragung über Wehrpflicht oder Berufsheer stimmen?

Anschober: Es ist ja kurios, dass ausgerechnet die Parteien, die damals, als ich Zivi war, den Dienst massiv kritisiert haben, jetzt Vorreiter für den Zivildienst sein wollen. Aber grundsätzlich frage ich mich, wo denn die Feinde sind. Wer soll uns angreifen? Ich bin mit dem Berufsheer-Plan von Norbert Darabos nicht glücklich, werde aber dafür stimmen. Da gibt es wenigstens die Chance auf einen Reformprozess - auf Verkleinerung und Freiwilligkeit.

STANDARD: Wie heißt der Grünen-Spitzenkandidat bei der Oberösterreich-Wahl 2015?

Anschober: Ehrliche Antwort? Ich habe derzeit ganz andere Sorgen.(Peter Mayr, DER STANDARD, 12./13.2013)

Rudi Anschober (52) ist seit 1986 in politischen Funktionen aktiv: Er war Sprecher der Grünen Alternative Oberösterreich, Nationalrats- wie Landtagsabgeordneter. Seit 2003 ist er Umwelt-Landesrat in Oberösterreich. Im September 2012 musste er sich eine dreimonatige Auszeit nehmen - aufgrund von Burnout.

  • Grünen- Landesrat Rudi  Anschober:  "Es macht doch keiner ein Geheimnis aus einer Grippe - warum dann also aus dem Burnout?" 
    foto: walkobinger

    Grünen- Landesrat Rudi Anschober: "Es macht doch keiner ein Geheimnis aus einer Grippe - warum dann also aus dem Burnout?" 

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