Die Schwerenöterei im Arbeitsdrillich

11. Jänner 2013, 17:17
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Der Sammlung der Briefe, die Bertolt Brecht und Helene Weigel als Liebesleute miteinander wechselten, offenbart die Widersprüche einer Paarbeziehung. Treue war für ihn kein Gebot der Ehehygiene

Wien - Den Briefen nach zu urteilen, die Bertolt Brecht an Helene Weigel richtete, war der Dichter ein mustergültiger Ehemann. Seinen rapporthaften Aufzählungen der von ihm zu erledigenden Geschäfte folgt fast immer eine zärtliche Einlassung: ein Kuss von "b", von "bert", von "bidi". Brecht sorgt sich um den Leibesumfang der Weigel. Er erkundigt sich nach dem Zustand ihrer Zähne und ihrer Schilddrüse. Er, der während der gefahrvollen Exilzeit (1933-1949) oft monatelang von Frau und Kindern getrennt lebt, ersinnt ein Anrufsystem, das die Stimme der Weigel aus Santa Monica in Kalifornien zu ihm nach New York trägt: am Samstagabend, zur festgesetzten Stunde.

Ab und zu folgt im prosaischen Ton eine Beschwichtigung. Sie möge nur nicht glauben, dass er zum Vergnügen im "grauen" N. Y. weile. Er langweile sich. Er streitet sich 1946 mit dem kapriziösen Charles Laughton herum, der die Titelrolle in seinem Galilei spielen soll. Orson Welles, ein möglicher Produzent und Regisseur, bleibt unauffindbar. Brecht erleidet Höllenqualen. Was er jedoch so gut weiß wie die Weigel, die als erstrangige Schauspielerin beruflich im fremdsprachigen Ausland meist zur Untätigkeit verurteilt ist: Er ist nicht allein. Er besitzt Mitarbeiterinnen, zu denen er Liebesbeziehungen unterhält.

Das Ausmaß der demütigenden Zurücksetzungen, die die Weigel durch ihren Mann erfuhr, wird auch in der neuen, annähernd kompletten Sammlung des ehelichen Briefverkehrs - nunmehr herausgegeben von Erdmut Wizisla - allenfalls erahnbar.

Brecht sagte früh von sich: In ihm habe man einen, auf den man nicht bauen könne. Unter ehehygienischen Gesichtspunkten war der Dramatiker eine glatte Katastrophe. Und dennoch zeigen die Briefe 1923-1956 (Untertitel: "ich lerne gläser + tassen spülen") ein Künstlerpaar, dessen eiserne Verkettung kaum jemals eine Bruchstelle offenbart. Der Bund der beiden war unzerstörbar.

Tatsächlich geht es bei Künstlern von höchster Qualifikation meist nicht zu wie bei Hempels unterm Sofa. Helene Weigel, die später mit der Leitung des Berliner Ensembles betraut wird, ist ihrem Gemahl eine " fanatische Helferin" (Lion Feuchtwanger). Die gebürtige Wienerin betreut unter widrigsten Umständen das familiäre Umfeld. Brecht, der große "BB", muss arbeiten können.

Mit Ausbruch der Nazi-Diktatur schwindet das Publikum, mit ihm nehmen die Verdienstmöglichkeiten dramatisch ab. Brecht hat die Einnahmen aus der Dreigroschenoper zwar ins Ausland geschafft; die materielle Basis bleibt auf der Flucht von Dänemark über Finnland und die Sowjetunion in die USA existenzbedrohend schmal.

Der marxistische Schwerenöter in der kleidsamen Drillichjacke wusste jederzeit, was er an seiner Gefährtin hatte. Die Weigel zog die gemeinsamen Kinder Stefan und Barbara auf. Sie war es, die sich um das Wohlergehen seiner Gäste kümmerte: Hanns Eisler, Karl Korsch, Walter Benjamin. Er selbst wurde nicht müde, seiner Gemahlin Rollen auf den Leib zu schreiben: die Mutter Courage, die Frau Carrar.

Verschlungene Wege

Die Korrespondenz der beiden wird von Auslassungen geprägt. Zum einen pflegte man in den eigenen vier Wänden nicht via Brief miteinander zu verkehren. Zum anderen muss ein bedeutender Teil des Konvoluts schlicht und einfach verloren gegeben werden. Eine erkleckliche Anzahl von Originalen landete nach Brechts Tod 1956 in den Händen seiner Mitarbeiterin Ruth Berlau. Nur ein Teil der Schriftstücke wanderte daraufhin kopiert in das Berliner Brecht-Archiv.

Ab 1951 wechselt der Ton der Anrede zwischen "Bert" und "Helli" auf gänzlich unvorhergesehene Weise. Die Weigel ist unermüdliche Theaterleiterin am BE. Jedes Engagement eines Schauspielers, einer Schauspielerin wird Brecht als Spiritus Rector zur Genehmigung vorgelegt. Pfuschen die Beleuchter, verschwinden Bücher in der Dramaturgie - Brecht soll sagen, was zu tun sei. Auch jetzt sind es "Mitarbeiterinnen", die als Puffer zwischen den Eheleuten fungieren. Die Ehe kracht mitunter wie eine alte Kaisersemmel. Es ist nicht verwunderlich.

Die Weigel 1944: "Du kannst und willst nicht eine deklarierte Ehe führen, das war sie auch nie und ich hab sie nie verlangt, (...)." Sie hat sie auch nie bekommen.    (Ronald Pohl, DER STANDARD, 12./13.1.2013)

Bertolt Brecht / Helene Weigel: "Briefe 1923-1956. 'ich lerne: gläser + tassen spülen'". Suhrkamp 2012

  • Am Ziel: Bertolt Brecht (1898-1956) und Helene Weigel (1900-1971) grüßen am 1. Mai 1954 einträchtig vom Dach des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm herunter.
    foto: picturedesk / ullstein

    Am Ziel: Bertolt Brecht (1898-1956) und Helene Weigel (1900-1971) grüßen am 1. Mai 1954 einträchtig vom Dach des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm herunter.

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