Brigitte Ederer: "Heute wäre ich Tochter einer serbischen Putzfrau"

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  • Vom Waldviertler Bauernhof in den Siemens-Vorstand: Eine solche Karriere sei heute nicht mehr möglich, sagt Brigitte Ederer.
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    Vom Waldviertler Bauernhof in den Siemens-Vorstand: Eine solche Karriere sei heute nicht mehr möglich, sagt Brigitte Ederer.

Der Traum von Europa, den sie einst beworben hat, ist ramponiert: Ederer über die Jagd nach Rendite und Österreichs drohenden Abstieg

Standard: Als Europastaatssekretärin haben Sie einst die Kampagne für den EU-Beitritt angeführt. Fiele Ihnen heute noch ein schlagendes Argument ein, um die Österreicher zu überzeugen?

Ederer: Absolut. Will Europa wirtschaftlich mit den USA und den aufstrebenden asiatischen Mächten mithalten, dann ist die Kleinstaaterei überholt. Und eine Finanzkrise lässt sich auf nationaler Ebene schon gar nicht lösen.

Standard: Gerade daran scheitert die EU doch: Krisenstaaten, Massenarbeitslosigkeit - das kann ja nicht Ihr Traum von Europa sein.

Ederer: Natürlich nicht. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist gesellschaftlicher Sprengstoff. Da entsteht eine Generation, die vom Wohlstand ausgeschlossen ist - trotz guter Ausbildung und sogar Uni-Abschlusses. Aber gerade da braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung der EU mit Hilfsprogrammen und Wachstumsprojekten. Sparen allein nützt gar nichts.

Standard: Was hindert die EU?

Ederer: Es gibt keine europäische Regierung, die konsequent das Ziel verfolgt, das Gefälle zwischen Nord und Süd zu bekämpfen. Die Politiker hängen zu viel an nationalen Interessen - sie werden ja auch zu Hause gewählt. Niemand hat etwa in Österreich ein Problem, wenn der Staat Kärnten unter die Arme greift, doch bei Griechenland gibt es schnell einen Aufschrei. Da braucht es mehr Immunität gegen Populismus. Der Norden hat ja auch sehr von der Nachfrage des Südens profitiert.

Standard: Also weg mit den nationalen Regierungen?

Ederer: Das werde ich nicht einmal erleben, wenn ich hundert werde. Aber auf die Vereinigten Staaten von Europa hoffe ich schon noch.

Standard: Auch Siemens will - diesmal in Deutschland - Jobs streichen, trotz hohen Umsatzes und Gewinns im Vorjahr. Warum?

Ederer: In einem Konzern dieser Größe können Anpassungen an Marktrealitäten nie ausgeschlossen werden, weil es letztlich keinen Stillstand geben kann. Andere Bereiche werden dafür ausgebaut. Im Vorjahr hat Siemens netto eine erhebliche Zahl von neuen Jobs geschaffen.

Standard: Vor sieben Jahren gab es bei Siemens aber noch um zehntausende Beschäftigte mehr.

Ederer: Siemens hat sich ja auch von etwa der Hälfte des Portfolios getrennt - etwa von der Telefonie.

Standard: Stimmt es also, dass die Arbeitnehmer immer weniger vom Profit abbekommen?

Ederer: Natürlich erwarten die Investoren an den Kapitalmärkten hohe Rendite. Dennoch kann die Industrie hohe Beschäftigung bieten, wenn die Bedingungen stimmen. Nur leider ist das Gleichgewicht zwischen Finanz- und Realwirtschaft aus den Fugen geraten: Die europäische Politik hat die Industrie vernachlässigt und zu sehr auf die Deregulierung der Finanzmärkte gesetzt. Statt in die reale Wirtschaft zu investieren, wurde Renditen nachgejagt, die sich in der Krise als illusorisch entpuppten. Es ist höchste Zeit, dass Politik und Banken da umdenken.

Standard: Sie selbst haben im Vorjahr 3,4 Millionen verdient, das 135-Fache eines mittleren Einkommens. Eine Frage, die Ihre SPÖ gerne stellt: Ist so ein Gehalt durch Leistung argumentierbar?

Ederer: Das entscheidet - um erst einmal die Formalantwort zu geben - der Aufsichtsrat. Ich bin im Vorstand eines Weltkonzerns. Dass dieser prosperiert, ist den Eigentümern ein Gehalt in dieser Höhe wert.

Standard: Als junge Arbeiterkämmererin vor 30 Jahren ...

Ederer: ... habe ich das anders gesehen. Als Teilzeitbeschäftigte mit 3500 Schilling im Monat konnte ich mir so ein Gehalt gar nicht vorstellen. Dennoch glaube ich, meiner Weltanschauung treu geblieben zu sein, zumal ich dafür bin, dass Besserverdienende entsprechend zum Sozialstaat beitragen. Ich profitiere ja auch - angefangen dabei, dass ich durch die Kärntnerstraße spazieren kann, ohne mich bedroht zu fühlen.

Standard: Hätten Sie also Verständnis dafür, eine neue Vermögenssteuer zu zahlen?

Ederer: Ja, ich glaube zwar, dass man sich von einer Vermögenssteuer zu viel Geld erwartet, hielte sie aber symbolisch für sinnvoll. Vor allem sollte man Grundstücke nach ihren realen Werten besteuern. Man kann nicht einer breiten Masse Einsparungen abverlangen, aber Vermögen aussparen. Wohlhabende sollen gerade deshalb etwas zahlen, damit andere gefördert werden, die sonst nie Chance auf eine Karriere hätten.

Standard: Sind Sie nicht ein Paradebeispiel, dass man sich doch von unten emporarbeiten kann?

Ederer: Damals war die Gesellschaft noch durchlässiger. Legt man meine Biografie auf heutige Zeiten um, dann wäre ich wohl die Tochter einer serbischen Putzfrau - und hätte, so fürchte ich, nie die Chance, diese Karriere zu machen. Es ist traurig, dass die Öffnung der Siebzigerjahre teilweise zurückgenommen wurde. Leider fehlt die gemeinsame politische Anstrengung, das Bildungssystem zu modernisieren und für mehr Durchlässigkeit zu sorgen. Stattdessen behindern parteipolitische Blockaden Reformen. Es besteht die Gefahr, dass Österreich dadurch schmerzhaft zurückfällt. Denn natürlich wäre eine zeitgemäße Schule für alle - unabhängig von Titel, Mittel und sozialem Status - am sinnvollsten.

Standard: Wie wuchsen Sie auf?

Ederer: Ich wuchs in Wien auf, verbrachte aber viel Zeit auf dem Bauernhof meiner Großeltern nahe Zwettl. Das Landleben hat mich schon sozialisiert. Grund und Boden waren der wahre Wert. Mir würde es im Herzen wehtun, müsste ich für Privatisierungen zuständig sein. Das hat weniger mit Ideologie zu tun als mit meinem Opa, der immer gesagt hat: Nur arme Leute verkaufen etwas.

Standard: Haben Sie manchmal Sehnsucht nach der Politik?

Ederer: Ich lese nach wie vor die politischen Seiten in der Zeitung als Erstes. Aber das Kränkende und Verletzende an der Politik geht mir gar nicht ab - und die Ballsaison schon gar nicht.

Standard: Nervt Sie die aktuelle Politik auch so wie viele Wähler?

Ederer: Nein. Die österreichische Politik wird unter ihrem Wert geschlagen. Die Regierung hat die Krise unspektakulär, aber gut bewältigt. Abgesehen von der Bildungsreform fällt mir nichts ein, was sie verschlafen hat.

Standard: Der Politik hängen Korruptionsfälle nach - eine Gemeinsamkeit mit Siemens.

Ederer: Siemens ist durch ein Tal der Tränen gegangen, es wurde eine völlig neue Kultur der Sauberkeit etabliert. Siemens heute ist mit der Firma, in der das seinerzeit passiert ist, nicht mehr vergleichbar.

Standard: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Bestechung aber immer noch gegen Ex-Mitarbeiter von Siemens Österreich. Ist erklärbar, dass Sie als Chefin nichts mitgekriegt haben?

Ederer: Wie gesagt- wir haben nun völlig neue Verhaltensstandards.

Standard: Gibt es Momente, in denen Sie sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen fühlen?

Ederer: Ein Leben lang gibt es Situationen, in denen man schwimmt. Nächste Woche muss ich ein langes Referat auf Englisch halten - und das ist nicht meine Stärke. Dafür fühle ich mich bei Verhandlungen mit der Gewerkschaft eher daheim.

Standard: Was wollen Sie im Leben noch erreichen?

Ederer: Gelassenheit. Man muss schon etwas wollen, aber nicht auf so eine sture Art. Ich habe mich manchmal in Dinge verbissen, die sich hinterher als nebensächlich entpuppten - und dabei viel Kraft vergeudet. (Gerald John, DER STANDARD; 12./13.1.2013)

Brigitte Ederer (56) war in den Neunzigern erst Europastaatssekretärin, dann Wiener Finanzstadträtin für die SPÖ. 2000 wechselte sie zu Siemens. 2005 wurde Ederer Generaldirektorin der Österreich-Tochter des Technologieunternehmens, seit Mai 2010 sitzt sie im Siemens-Konzernvorstand in München.

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