Wertstabile Gefühle für alte Leitwölfe

11. Jänner 2013, 17:33
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Alte Meister und die Expressionisten sorgen in Deutschland für eine solide Bilanz 2012

Überalterung der Gesellschaft - Überalterung des Kunstmarkts? Zumindest der 2012er-Leitwolf für Deutschland ist über 350 Jahre alt, zudem ein " Alter" Maler in seinem Atelier: geschaffen vom Rembrandt-Schüler und Motiv-Liebhaber kleiner dunkler Räume, Gerrit Dou, im Jahre 1649. Gleich im ersten Halbjahr konnte Lempertz (Köln) dafür 3,78 Rekordmillionen (inkl. Aufgeld) erzielen. Gefolgt wird Dou im Jahres-Ranking von einer Winterlandschaft seines Zeitgenossen Hendrick Averkamp, auch nicht gerade ein Avantgardist. Ein erstes Resümee für Deutschland bietet bekannte (expressionistische) Namen und wertstabile Gefühle: Otto Mueller, Otto Dix, Gabriele Münter und Emil Nolde. Lempertz hat weitere Niederländer unter den Top-Ergebnissen: Salomon van Ruysdael und Jan Fris.

Fast alleine bespielen das expressionistisch versierte Berliner Auktionshaus Villa Grisebach (Berlin) und Lempertz, als deutsche Kunstmarktführer der Hammer-Branche, die zehn höchsten Zuschläge 2012 (siehe Grafik).

Für asiatische Kontraste sorgt das Auktionshaus Nagel (Stuttgart), mit einem beachtlichen Jahresumsatz von 43 Millionen Euro. Immerhin acht chinoise Offerten leuchten aus der aktuellen hauseigenen Hitliste, von der Ming-Dynastie bis in die China-Moderne, repräsentiert durch den Maler Qi Baishi (300.000 Euro). Dazu behauptet Nagel mit einem Doppelschrank aus der Qing-Epoche des 17. Jahrhunderts (2,06 Mio. Euro) den zweiten Platz für Deutschland insgesamt. Was zeigt, dass höchstwahrscheinlich chinesisches Rückführungsinteresse dahintersteckt - eine Tendenz, die seit Jahren anhält und zum Boom-Riesen China passt.

Nicht minder offenbart die Wertigkeit der deutschen Expressionisten im gediegen sechsstelligen Bereich, dass derzeit Top-Sensationen aus der deutschen Vatermördergeneration nicht zu akquirieren sind. Daher versucht der deutsche Auktionshandel, seine Kundschaft zunehmend erfolgreich auf die erweiterte deutsche Nachkriegsmoderne scharf zu machen - Stichwort "Zero".

Und sonst? Das Jahres-Spitzenlos bei Neumeister (München) - eine zehnteilige Gemäldesequenz von Per Kirkeby (1997) landete für 673.100 Euro im deutschen Handel. Ketterer Kunst (München) versucht mit den 46 Prozent an neuen Bietern in der Herbstauktion zu belegen, dass die Attraktivität der Kunst des 15. bis 19. Jahrhunderts zunimmt. Eine Handzeichnung von Jacques de Gheyn II. erreichte von geschätzten 2000 bis 3000 Euro letztendlich enorme 176.900 Euro.

"Viel Geld in manchen Händen"

Lempertz will nach unruhiger "gefälschter" Zeit seinen Frieden finden, diesseits und jenseits: Ein gotisches Kreuz wurde via Rückführung dem Ursprungsort San Pantaleone in Venedig gestiftet. Zudem spendete man der Kölner Hochschule ein Röntgenfluoreszenzanalyse-Gerät (RFA), nebst der Finanzierung von zwei Wissenschaftern - der Effekt: eine zerstörungsfreie Materialanalyse von Kunstwerken. Also nicht nur Gott schütze uns vor Beltracchi.

Und die Zeitgenossen, die sogenannte "junge" Kunst? Der Düsseldorfer Galerist Michael Beck (Beck & Eggeling), der nicht nur im Hochpreissegment der Moderne und mit etablierten Zeitgenossen international agiert, findet im Gespräch zur jungen deutschen Kunstmarktsituation heuer seine eigene Sicht der Dinge: "2012 war wieder ein lebendiges, durchaus positives Kunstjahr, jedoch erscheint es mir fast beängstigend, wie viel Geld für junge Kunst ausgegeben wird. Und leider liegt es nicht daran, dass kenntnisreiche Sammler am Werk sind, sondern dass sich zu viel Geld in manchen Händen befindet."    (Roland Gross, Album, DER STANDARD, 12./13.1.2013)

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    grafik: der standard
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