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Leben, Abschiede, Tod und der Versuch zu entkommen: Ernst Marianne Binder auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2012.
Als Dinosaurier ist Ernst Marianne Binder schon bezeichnet worden, oder als Fossil - und der Spiegel meinte vor zehn Jahren, der Autor und Theaterregisseur, der Anfang Jänner seinen 60. Geburtstag feierte, mute an wie ein "zu alter Zivi". Ernst M. Binder, der ein Unangepasster geblieben ist und der viel gesehen, erlebt und überlebt hat, werden solche Zuschreibungen egal sein. Er hält nicht viel von Eindeutigkeit und Vereinfachung, von Unverbindlichkeit erst recht nicht. Umso mehr interessieren ihn Genauigkeit, Intensität und Substanz.
Er widerspreche halt, wenn einer "oberflächliche Scheiße" daherrede, meinte er einmal in einem Interview mit der Süddeutschen. Schonungslos ist Binder auch sich selbst gegenüber geblieben, nicht nur was sein Arbeitspensum betrifft. Es gibt wenige Autoren, die in ihren Texten die eigenen Süchte, Tiefpunkte, Ängste und Lebensbrüche so radikal thematisieren wie Binder. Beton, schreibt er in Das stumme H, seinem jüngsten Textband, sei weicher als Demütigungen und er habe sich sein Leben in gleichem Maße erweint wie erschrieben.
"In der Nacht zerfleddere ich immer. Der Versuch, mir in den Schlaf zu entkommen, scheitert zumeist. Und wenn es mir gelingt, dann habe ich mich doch dabei und viel zu viel zu tun, nicht der zu sein, als der ich mich mir darstelle", heißt es in Nach dem letzten Wort, ist es dann still?, dem wohl stärksten Text des Bandes. Einfach hat es sich der 1953 in Mostar geborene, im oststeirischen Feldbach aufgewachsene ruhelose Dichter und Theatermann von Anfang an nicht gemacht. Schon als Siebenjähriger schrieb er Gedichte, später Protestsongs. Wort und Papier waren und blieben ihm Zufluchtsorte, die Leben retten können, "wenn man niemanden hat, dem man sich anvertrauen kann."
Mit 20 publizierte er seinen ersten Gedichtband, in kurzen Abständen folgen zwei Erzählbände, ein Roman und ein weiterer Lyrikband. Zu jener Zeit arbeitete Binder in der Literatur- und Feature-Redaktion des ORF-Hörfunk, war Schlagzeuger der "Beinhart-Rockbande Fut", die es in Bayern, Oberösterreich und der Steiermark zu Auftrittsverboten brachte - und er war in eine Heroinabhängigkeit geschlittert. Zwar schrieb Binder während des Entzugs auf Kreta, wo er als Olivenbauer arbeitete, noch das Drogenstück Hochzeitsnacht, doch dann entsagte er auch dem Schreiben für lange Zeit.
Dafür wandte er sich als Regisseur "fremden" Texten zu. Zahlreiche Uraufführungen von Werner Schwab, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Ernst Jonke und Herbert Achternbusch brachte er als Regisseur auf die Bühne, dazu entdeckte er Einar Schleef als Theaterautor. Mehrfach wurden seine Produktionen fürs Berliner Theatertreffen nominiert und zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Binder war Hausregisseur am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, inszenierte für das Slowenische Nationaltheater Ljubljana und das Berliner Ensemble. Ab 1987 leitete er das forum-stadtpark-Theater in Graz, aus dem 2004 dramagraz hervorging, dessen Leiter Binder bis heute ist.
Fast zwei Jahrzehnte dauerte es, bis Binder wieder eigene Theaterstücke schrieb, unter anderem über Beckett und die steirische Kindheitslandschaft. Vor zwei Jahren fand er dann mit der erwähnten Textsammlung Das stumme H auch wieder zur Prosa. Die 18 kurzen, konzentrierten, nur wenige Seiten umfassenden Texte bieten einen guten Einstieg in den Kosmos Binder.
Entstanden sind die Texte des Bandes, der keine Lebensbilanz zieht, sondern Stationen eines Wegs aufzeigt, in den letzten neun Jahren zu verschiedenen Anlässen, etwa zur Verleihung des Menschenrechtspreises des Landes Steiermark oder des Professorentitels (Binder: "Es gibt so viele Arschlöcher, die Professoren sind") an den Autor. Doch ob es sich um eine Auseinandersetzung mit dem Einschlag des Tunguska-Objekts in Sibrien, um eine Hommage an die Fußballikonen Ivica Osim und George Best handelt oder um Erinnerungen an das Jahr 1969 und die eigene Herkunft, stets sind Binders Kernthemen Lebenssuche, Liebessehnsucht und Tod präsent.
Nur wenige der Freunde und Weggefährten wie Wolfi Bauer, Werner Schwab, oder Marianne, die erste Frau und Mutter seines Kindes, deren Namen Binder seit 1974 in der Mitte seines Namens begraben hat, leben noch. Ihnen widmet Binder differenzierte, dichte Texte, die die eigenen Versuche, sich selbst durch Alko- hol zu entkommen (2009 musste sich Binder einer Lebertransplantation unterziehen) mitthematisieren.
Abschiede, Verluste, Provisorien, Aufbrüche ziehen sich leitmotivisch durch diese nicht nur inhaltlich, sondern auch formal eigenwilligen Texte, denn zuweilen lässt Binder ein Verb weg, für den Leser ergeben sich so verschiedene Möglichkeiten, die Leerstelle zu füllen. Oft zeigt der Band, der sich auch mit literarischen Verwandten wie Beckett, Handke, Büchner oder Cormac McCarthy auseinandersetzt, dass manchmal erst ein zeitweiliges Verstummen ein Zursprachekommen ermöglicht. Und das stumme H? Wie ein roter Faden geistert es durch dieses von Leben getränkte Buch. Es ist jenes H, das aus "wahr" ein "war" macht.
"Das Leben", schreibt Ernst M. Binder, "kann nie dieser Leichtigkeit gerecht werden, die aus Krücken Flügel schnitzt. Trotzdem. Ich werde gehen mit nichts als mit mir. Die Jahreszeiten und den Rest des Lebens lang." Nimmt man das Leben ernst, lernt man bei Binder, steht man früher oder später nackt vor einem Spiegel, in dem man nichts als sich selbst sieht. Immer? Immer! so Binder. (Stefan Gmünder, Album, DER STANDARD, 12./13.1.2013)
Ernst M. Binder, "Das stumme H". € 18,- / 200 Seiten. Sonderzahl, Wien 2012
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