Meine Liebe, welch Himmelsmacht

11. Jänner 2013, 18:48
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Amour, Amour: ein Hohelied ganz gegenwärtiger Emotionalität. Anne Webers neuer Roman "Tal der Herrlichkeiten" wagt und gewinnt alles

Anne Weber geht aufs Ganze. Die 1964 nahe Frankfurt geborene, seit drei Jahrzehnten in Paris ansässige Autorin schreibt einen Roman über die Liebe - voller Pathos, mit dem gesamten 360-Grad-Spektrum an Intensität: von himmelhoch jauchzend über abgrundtief fallend bis zu zerreißendem, lähmendem Schmerz.

Ein Mann steht auf einer Mole in der Bretagne. Dieser Mann in fortgeschrittenem Alter, der von kleinen Jobs lebt, ist arm, einsam, verlassen von Frau und Sohn (den er seit rund zehn Jahren nicht mehr gesehen hat), sie leben mittlerweile in Kanada. Die allwissende Beobachterstimme nennt ihn Sperber. Sperber bemerkt die junge Frau mit strahlend blondem Haarkranz, die sich ihm nähert, erst, als sie ihm einen zarten Kuss auf die Lippen drückt - und Hals über Kopf wieder verschwindet. Er ist bis in den inneren, lange Zeit emotional wie sprachlich verstummten Kern seiner Persönlichkeit von Liebe verwirrt und durchflutet.

Durch den Ort irrt er, ohne die geheimnisvolle Fremde zu finden. Doch sie findet ihn und drückt ihm kurz vor ihrer Abreise nach Paris ihre Adresse in die Hand. Dorthin bricht er dann auf, haust, weil er den ersten Schritt zu machen, sich bei ihr zu melden, von Tag zu Tag aufschiebt, in einem Park - und findet Luchs, wie die sich immer wieder einschaltende, allwissende und das Ganze von oben beobachtende Erzählerstimme die finanziell sorgenfreie Frau nennt, die dessen ungeachtet weiterhin als Hebamme arbeitet, zufällig.

Wenige Wochen und zwei Nächte bleiben den beiden, ihre Liebe zu feiern. Dann wird auf dem Nachhauseweg Luchs von einem aufdringlichen Mann verfolgt, bei der Flucht vor ihm stolpert sie und fällt mit dem Kopf so unglücklich auf ein Absperrgitter, dass sie stirbt. Sperber verfällt in einen Stupor lähmenden Schmerzes, erwacht aus diesem Wochen später wieder, zurück in der Bretagne, und entschließt sich dann, ins "vallée des merveilles" aufzubrechen, Tal der Herrlichkeiten und Reich der Toten, eine Dämmerzone, um Luchs wiederzufinden, was ihm gelingt - und doch nicht. Denn Sperber ist kein Orpheus, und Webers Unterwelt ist keineswegs ein Territorium klassischer Zwischen- und Nichtmehrlebensformen.

Auch ein anderer Geist spielt keine kleine Rolle in diesem Hohelied ganz gegenwärtiger, dabei überzeitlicher Liebe: der französische Poet, Maler und Picasso-Freund Max Jacob. Der 1876 im bretonischen Quimper geborene Bohemien und Jude, 1915 zum Katholizismus konvertiert, der sich 1921 für sieben Jahre in ein Kloster zurückzog, in das er 1936 endgültig als Portier zurückkehrte, starb kurz vor der Deportation durch die Nazis Anfang März 1944 im Sammellager Drancy nahe Paris.

So baut Anne Weber, der schon 2010 mit Luft und Liebe ein postmodernes Prosaliebeskunststück gelang, in ihre hochmelodiösen Sätze, die sich gänzlich unironisch und nur ganz selten einen Tick überladen mit antiquierten Wörtern wie "Liebreiz" und echten Konjunktiven schmücken, raffinierte Anspielungen und Spiegelmotive ein. Und es entfaltet sich Liebe in ihrer stärksten Form.  (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 12./13.1.2013)

Anne Weber, "Tal der Herrlichkeiten". € 19,60 / 256 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2012

  • Artikelbild
    foto: s. fischer
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