Viel Verständnis im Bündner Babylon

13. Jänner 2013, 16:28
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Im vielsprachigen Schweizer Bergdorf Bivio zählt die Betreuung der Gäste mehr als Sammeln von Pistenkilometern

Bivio ist kein Name in der Schweizer Wintersportlandschaft, den man sich merken müsste, wenn es um vollautomatische Seilbahnen oder spektakuläre Kanonenrohrabfahrten geht. Er zergeht vielleicht nicht einmal auf der Zunge wie jener von Sankt Moritz, Zermatt oder Crans-Montana. Bivio steht für etwas anderes: In diesem ursprünglich gebliebenen Bündner Winterdorf mit 250 Einwohnern werden gleich fünf Sprachen gesprochen. Zudem scheint man sogar noch Verständnis für exotische Wünsche der Gäste zu haben.

Die meisten Einwohner Bivios sprechen Deutsch als Muttersprache, doch in der Schule wird der Unterricht bis zum dritten Schuljahr in Italienisch abgehalten. Die Verhandlungen des Gemeinderats finden in deutscher Sprache statt, aber das Protokoll muss wiederum in Italienisch gefertigt sein. Aber der Sprachenwirrwarr geht in Bivio noch weiter, so weit, dass Sprachforscher dem kleinen Dorf unter dem Julierpass die kuriosesten Sprachverhältnisse ganz Europas bescheinigen. Natürlich ist hier in Graubünden auch das Rumantsch, das Rätoromanische, Amtssprache. Das wird allerdings in zwei Versionen gesprochen. Da gibt es das Rumantsch des Sursès, das sich von Tiefencastel zum Pass hinaufzieht, und das Idiom des benachbarten Engadin. Doch zu allem Überfluss lebt hier noch das Bergaiot, jener italienisch-lombardische Dialekt, der vom nahen Bergell jenseits des Septimerpasses herübergekommen ist.

Persönliche Aufstiegshilfe

"Wir wollen hier gar nichts schönreden", erklärt Adrian Comploi vom Kur- und Verkehrsverein und meint damit nicht einmal die Sprachenvielfalt: " Wir haben nur Schlepplifte in unserem Skigebiet. Mehr können wir nicht bieten." Damit sollte er nicht recht behalten. Wenn hier unsicheren Skifahrern die Auffahrt mit einem der Schlepplifte zu beschwerlich erscheint, werden sie kurzerhand in ein Pistenfahrzeug gesetzt und in die Höhe gebracht. Selbst Gästen, denen die Bretter unter den Füßen gar nichts bedeuten, die aber dennoch hinauf wollen zum kleinen Bergrestaurant Camon, um dort die Aussicht hinüber zum Julierpass zu genießen, wird dieser Service zuteil. Das sei doch selbstverständlich und keineswegs auf Ausnahmefälle beschränkt, versichert Marco Faschiatti, der Betriebsleiter der Liftanlagen.

Bei Camon treffen die Schlepplifte zusammen. Dort übernimmt der zum Mot Scalotta hinaufführende Gipfellift schließlich jene, die etwas anspruchsvollere Abfahrten genießen wollen; wobei bei rund 40 gemächlichen Pistenkilometern die Betonung eindeutig auf Genießen, weniger auf anspruchsvoll liegt. Das weite, sanft geneigte, baum- und strauchlose Gelände begünstigt das noch.

Über den Siebten nach Canossa

Die Aussicht von der Sonnenterrasse der Camonhütte in 2198 Metern Höhe ist faszinierend. Schaut man doch gerade vis-à-vis auf die Julierstraße, die sich aus dem Tal von Bivio hinaufwindet, vorbei am kleinen Julier-Hospiz. Ein wenig weiter westlich ist selbst jetzt im Schnee die alte Trasse der Septimerstraße zu erkennen, die einst von Bivio hinüberzog ins Bergell. Zur Römerzeit gehörten beide Pässe zu den wichtigsten in Rätien, im Verzeichnis der Pass- und Militärstraßen der Römer stand der Septimer an siebter Stelle. Daher der Name. 1077 zog Kaiser Heinrich IV. über ihn nach Italien, um bei Papst Gregor VII. Buße zu tun. Es war der berühmte Gang nach Canossa.

Während die modern ausgebaute und in der Regel geräumte Straße zum Julierpass die winterfeste Alpenquerung Graubündens ist, lebt der Passverkehr über den Septimer nur noch in der Geschichte. Im Spätwinter gewinnt er allerdings regelmäßig neue Bedeutung als Tourentrasse - ist doch das kleine Bivio ein perfekter Treffpunkt der Tourengeher. Aufgrund der ringsum nur sanft geneigten Hänge ist das Skigebiet von Bivio nur selten durch Lawinen gefährdet.

Natürlich sind auch hier der Februar und der März die klassischen Tourenmonate. In dieser Zeit gelangt man von der Bergstation auf dem 2560 Meter hohen Mot Scalotta zum knapp 3000 Meter hohen Forcelinapass. Andere Touren, für die vielfach ebenfalls der Lift den Aufstieg erleichtern kann, ziehen sich über einen oder gar zwei Tage mit einer Hüttenübernachtung auf dem Piz d'Err.

Für ein Skigebiet, das angeblich so wenig zu bieten hat, sind die winterlichen Möglichkeiten der Fortbewegung jedenfalls so vielfältig wie dessen Idiome: Mit der Rodel kommt man sowohl von der Camonhütte als auch von der Alp Flix ins Tal, und auf Bivios Natureisplatz auf etwas schmaleren Kufen sogar noch ein wenig weiter. (Christoph Wendt, DER STANDARD, Album, 12.1.2013)

  • Bivio bringt Gäste auch ohne
 Hightech-Lifte in den Schnee: Der Julierpass als winterfeste 
Alpenquerung führt direkt in die Wildnis.
Info: www.bivio.ch 
www.myswitzerland.com
    foto: swiss-image.ch

    Bivio bringt Gäste auch ohne Hightech-Lifte in den Schnee: Der Julierpass als winterfeste Alpenquerung führt direkt in die Wildnis.

    Info: www.bivio.ch

    www.myswitzerland.com

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