Deutsch lernen mit Winnetou und Mr. Spock

11. Jänner 2013, 18:46
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Wie Karl May und "Raumschiff Enterprise" beim Spracherwerb helfen können

Mit elf Jahren kam ich ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in eine Mädchenklasse, in der ich die einzige "Ausländerin" war. Lediglich die Namen jener Schulfächer, die internationale Bezeichnungen enthalten, zum Beispiel "Mathematik", "Biologie", "Physik", konnte ich verstehen. Manche Mädchen gaben sich Mühe, mit Körpersprache und über Zeichnungen zu kommunizieren. Ich lief immer mit einem kleinen gelben Langenscheidt-Wörterbuch herum, Serbokroatisch - Deutsch.

Das waren noch die Zeiten vor der politisch korrekten wundersamen Balkansprachvermehrung; heutzutage vermeide ich es tunlichst, die Sprache, mit der ich in Sarajevo aufgewachsen bin und die wir in der Schule "Es-ha" nannten (Abkürzung "SH" für Srpskohrvatski), namentlich zu bezeichnen: Es ist mir einfach zu kompliziert.

Von Es-ha zu Deutsch

Aber zurück zur deutschen Sprache: Eine Nonne lernte einmal pro Woche mit mir Deutsch (ich war nämlich in einer Klosterschule gelandet). Eine sehr liebe pensionierte Englischlehrerin, Frau Professor Elisabeth Moser, erteilte mir und meinen beiden Schwestern Nachhilfeunterricht in Englisch - einfach so, in ihrer Freizeit.

Im Deutschunterricht kam ich mit lateinischen Grammatikausdrücken wie Subjekt, Prädikat, Objekt, maskulinum, femininum, neutrum, Präteritum, Imperativ und so weiter recht gut über die Runden - denn alle diese Ausdrücke hatten wir in Sarajevo im Fach "Es-ha" schon durchgenommen. Auch in Mathematik hatte ich einen gewissen Vorteil, weil ich etwas mehr Vorwissen hatte als meine österreichischen Mitschülerinnen. Aber alles andere war eine Katastrophe: Ich verstand nichts, aber auch gar nichts. Heutzutage nennt man so etwas wohl "Überforderung."

Karl May und "Raumschiff Enterprise"

Wie dem auch sei, ich hörte überall aufmerksam, versuchte mir irgendeinen Reim auf den Unterricht zu machen und studierte anschließend die Schulbücher ganz genau in der Hoffnung, das eine oder andere Wort zu erwischen, das mir bekannt vorkam. Solche Wörter wurden mit der Zeit immer mehr, und als ich so weit war, dass ich mit Büchern halbwegs etwas anfangen konnte, stürzte ich mich auf die Schulbibliothek. Meine Lesefreude ließ mich die Bücherregale geradezu abgrasen: ein Karl-May-Buch nach dem anderen, "Die drei Fragezeichen", Agatha Christie, Edgar Allan Poe und vieles mehr. Viel Schrott war natürlich auch dabei. Dem Spracherwerb tat das keinen Abbruch.

Das manische Lesen, der Schulunterricht, die Pausengespräche im Tiroler Dialekt und der kleine Schwarz-Weiß-Fernseher mit "Raumschiff Enterprise", "Beverly Hills, 90210" und "Golden Girls" (alles in deutscher Synchronfassung) - all das tat seine Wirkung, und das Verstehen und Sprechen stellte sich irgendwann von selbst ein. Wie lange es gedauert hat, "Deutsch zu lernen", kann ich rückblickend schwer sagen. Meine Lehrer wüssten es vielleicht noch. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich etwa im zweiten Semester dem Unterricht ganz normal folgen konnte.

Dann dauerte es aber sicher noch länger, bis Deutsch zu dem wurde, was es in meinem Kopf heute ist: meine Lieblingssprache (obwohl es, ehrlich gestanden, schönere und melodischere gibt), meine Sprache Nummer eins für das Denken und Analysieren (für Witz und Gefühl wohl eher nicht ganz so ...), eine Sprache, die es immer wieder schafft, mich durch ihren Ausdrucksreichtum zu verblüffen, eine Sprache, in der man nie auslernt. (Mascha Dabić, daStandard.at, 11.1.2013)

  • Auch ein kleiner Fernseher mit "Raumschiff 
Enterprise", "Beverly Hills, 90210" und "Golden Girls" in 
deutscher Synchronfassung half mit beim Spracherwerb.
    foto: zdf/cbs

    Auch ein kleiner Fernseher mit "Raumschiff Enterprise", "Beverly Hills, 90210" und "Golden Girls" in deutscher Synchronfassung half mit beim Spracherwerb.

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