Designer-Duo Vertijet: Senkrechte Sinnlichkeit

13. Jänner 2013, 17:03
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Auf Mittel, die das Unterbewusste ausreizen und Selbstverständliches mit Unberechenbarem mischen, setzt das deutsche Design-Duo Vertijet in seinen Entwürfen

Sonderbar weich und animalisch warm ruht der Teppich im Raum - fast wie ein atmender Bauch, bloß aus Kuhfell, Leder und Möbelstoff zusammengenäht. Aber dieses Gefühl geht in der Regel vorbei. Mit der Zeit vertraut man "Big Fellow", mit seinem ziemlich breiten Rücken, in den man tief einsinken kann. Dafür sorgt die Füllung des molligen Dings, die diesen weichen Teppich auch zum Bodenkissen macht, zum Lounger, Gästebett und natürlich auch Kaminvorleger. Einheizen muss man dabei freilich nicht. Ohnehin lässt "Big Fellow" keinen kalt.

Ein Teppich, der aussieht wie eine Kuh, die unter die Straßenwalze geraten ist und die trotzdem vom Designbüro Vertijet gerettet werden konnte - es ist ein allzu typischer Entwurf der beiden deutschen Designer. Um einen zufälligen Wurf handelt es sich freilich nicht. Aber um das Resultat einer gestalterischen Rhetorik, die die Gefühlsebene gleich mit möbliert, und die das Unterbewusste stärker ausreizt, als das Interior Design gemeinhin tut.

"Konzept der trojanischen Form" nennen das die Innenarchitektin Kirsten Hoppert und der Produktdesigner Steffen Kroll. Trojanische Form? Da schwingt ein Geheimnis mit, etwas schwer Kontrollierbares. Und genau darauf wollen Vertijet auch hinaus. Der irritierende Almabtrieb eines gefüllten Fells in Richtung Kuschelkuh ist lediglich ein Beispiel neben andern Gefühlsattacken auch.

Alice im Wunderland

Die trojanische Kuh liegt nämlich keineswegs allein auf weiter Vertijet-Flur. Sie grast die experimentellen Design-Gefilde lieber in der Gesellschaft von Entwürfen ab, die in Summe an Alice im Wunderland denken lassen. Ein reisendes Feuer wäre etwa mit von der Partie. "Travelmate" haben die beiden Deutschen es getauft und entkoppeln dabei vertraute, um nicht zu sagen: archaische Erfahrungswerte. Denn eine Wärmequelle, die man wie einen Koffer packen und beliebig auf dem Teppich, am Esstisch oder im Garten abstellen kann, ist auch für Höhlenbären eher neu. Ein typischer "Trojaner" ist der Fuß- und Seelenwärmer, der in assoziativer Kofferform ausgeführt und mit Ethanol betrieben wird, allemal. Steht doch auch er für jene Mischung aus geheimnisvoller Unberechenbarkeit und selbstverständlicher Form, die Vertijets OEuvre auch auf den zweiten Blick prägt.

Seit dem Jahr 2000 machen Hoppert/Kroll mittlerweile gemeinsame Designer-Sache. Der gewählte Name "Vertijet" steckt weitere Koordinaten ab. Während der 1950er-Jahre bezeichnete er ein ziemlich spaciges US-Flugzeug, den ungewöhnlich gebauten Senkrechtstarter Ryan X-13. Nun steht er für jene Neugier, die experimentelles Arbeiten antreibt und die sich in betont ausdrucksstarken Formen niederschlägt.

Abheben konnten die beiden "Vertijetter" dank dieses vertikalen Ansatzes allemal. Unmittelbar nach dem Studium an der Kunsthochschule Halle/Saale ging es mit der bis heute anhaltenden Erfolgsserie los. Oder, und um genau zu sein, eigentlich schon vorher. Denn bereits 1998 fuhren die beiden den "Bayrischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner" in der Kategorie Industriedesign ein. Und zwar mit je einem ultrabequemen Paar Damenschuhe und Stiefel, die genau dort zusätzliche Ausbuchtungen bieten, wo das Modediktat häufig Zensur übt: nämlich bei der überbreit gestalteten Zehenfront und am unteren Ende des Schafts, dort, wo beim Stiefelanziehen die Ferse im Weg ist.

Sinnlichkeit

Vertijet, die ihr Studio in Halle/Saale bei Leipzig unterhalten, stehen sich jedenfalls nicht im Weg. Weitere sperrige Ideen sollten daran nichts ändern. Ganz im Gegenteil: Nachdem ihnen der erste Red Dot Award für das Sitzmöbel "Scroll" von Cor und dann für den Sessel "Hob" verliehen wurde, sind die Vertijetter regelmäßig Abräumer des deutschen Designpreis-Doppelpacks von Red Dot und IF Award.

Überblickt man heute, nach einem guten Jahrzehnt, die "Trojaner" des kreativen Duos, dann haben diese vor allem eine Qualität eingeschleust. Sie lautet "Sinnlichkeit" und umschmeichelt die in diesem Jahr vorgestellte Bettwolke "Cloud Seven" ebenso wie rundliche Porzellan-Matrjoschkas - Archetypen jener russischen Puppen, die hier ganz ohne Kopftücher und in anonymem Weiß, Gold oder Kobaltblau gehalten, als kleine Behälter oder als Vase, als Kerzenhalter oder als stimmungsvolle Mini-Feuerschale taugen. Auf vielfältige Weise lässt sich die sinnliche Anmutung, die Vertijets emotionale Formen erzielen, erfahren. Die für Bree aus gefaltetem, verklebtem Leder gestalteten, minimalistischen "Akashi Bags" öffnen sich dabei in der Art organischer Ritzen, der Zugriff thematisiert Vertrauen.

Die für JAB Anstoetz und Cor entstandenen Teppichkollektionen lassen ebenfalls nicht kalt: Sie prägt mitunter ein Hauch von Hiroshige - einem der drei stilbildenden Meister des japanischen Farbholzschnitts - zumindest als Close-up, wenn Samurai über gewölbte Brücken laufen und sich der Zoom in den Nackenhaarknoten krallt, in den Wirbel parallel geführter Holzschnittlinien. Dann wieder lassen Vertijet kleine Büschel aus dem Filz wachsen, und es sind die Achselhaare der Teppich-Avantgarde. Andere Dessins erinnern an Blicke durch ein Kaleidoskop, das sonderbar fragmentierte Landschaftsbilder zeigt. Ein Stück Teppich-Wüste vielleicht oder ein braunroter Berg unter fahlem Himmel. Man hätte es sich fast denken können: Der Trojaner lauert auch hier. (Robert Haidinger, Rondo, DER STANDARD, 11.1.2013)

  • Der Tisch "Frame" in einer Nussholzausführung.
    foto: hersteller

    Der Tisch "Frame" in einer Nussholzausführung.

  • Designer-Duo Vertijet - Steffen Kroll und Kirsten Hoppert.
    foto: hersteller

    Designer-Duo Vertijet - Steffen Kroll und Kirsten Hoppert.

  • Bettstatt "Cloud Seven" gibt's in verschiedenen Höhen samt weich gepolsterten Boden-Pads. Die Wandteile sind erweiterbar, so lässt sich das Kuschelnest rundherum zubauen.
    foto: hersteller

    Bettstatt "Cloud Seven" gibt's in verschiedenen Höhen samt weich gepolsterten Boden-Pads. Die Wandteile sind erweiterbar, so lässt sich das Kuschelnest rundherum zubauen.

  • Teppich bzw. Liege "Big fellow".
    foto: hersteller

    Teppich bzw. Liege "Big fellow".

  • Der wanderbare offene Kamin namens "Travelmate".
    foto: hersteller

    Der wanderbare offene Kamin namens "Travelmate".

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