Nach 16 Jahren gibt es wieder eine Anthropologie-Schau

11. Jänner 2013, 18:40
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1997 wurden die Säle nach Kritik geschlossen - Ab 29. Jänner neue Ausstellung über Entwicklung des modernen Menschen von fossilen Primaten bis zur Jungsteinzeit

Wien - Die Fußspuren, die drei bereits aufrecht gehende Hominiden vor 3,6 Millionen Jahren in vulkanischer Asche im heutigen Tansania hinterlassen haben, sind im Boden des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien schon zu sehen. Sie führen direkt zu den lebensgroßen Rekonstruktionen von "Lucy" und einem männlichen Artgenossen eines Australopithecus afarensis, die ebenso wie im Nachbarsaal ein Fisch jagender Homo erectus derzeit noch etwas verloren zwischen Werkzeug, Leitern, Abdeckplanen und bereits fertigen Wandvitrinen herumstehen. Bis 29. Jänner haben die Ausstellungsmacher noch Zeit, dann werden die neuen Anthropologie-Säle eröffnet. Die Direktorin der Anthropologischen Abteilung im NHM, Maria Teschler-Nicola führte Mittwoch Abend durch die Baustelle.

Seit 1997 geschlossen

Insgesamt etwa 60.000 Objekte umfasst die anthropologische Sammlung des NHM, in den vergangenen Jahren war allerdings kaum etwas davon für Besucher zu sehen. 1997 wurden die beiden Schausäle der Anthropologie nach Kritik vor allem an der Präsentation im ehemaligen sogenannten "Rassensaal" geschlossen. Nach mehr als zwei Jahren Arbeit soll im Museum nun wieder die Entwicklung des modernen Menschen - von fossilen Primaten bis zum Beginn der Jungsteinzeit vor mehr als 10.000 Jahren - in zwei Sälen auf 580 Quadratmetern dargestellt werden.

Dass dies in einem Fach, in dem, wie Teschler-Nicola einräumt, "alles spekulativ ist", und neue Funde und Forschungsergebnisse viele Erkenntnisse wieder über den Haufen werfen können, nicht so einfach ist, ist den Ausstellungsmachern bewusst. Man versuche, "so aktuell wie möglich zu sein", betonte die Anthropologin und verwies darauf, auch auf Neufunde wie jene von Denisova- oder der Flores-Menschen einzugehen und in einem Teil der Vitrinen auf neue Erkenntnisse reagieren zu können. Zudem bleibt man vage, wo es kein gesichertes Wissen gibt. So verzichtet man auf einen Stammbaum des Menschen und versucht mit einem "Stammbusch" aus Glasbausteinen, in die gescannte fossile Schädelfunde eingelasert wurden, einerseits die Nicht-Linearität der Entwicklung und andererseits die Ungewissheit darzustellen.

Für das Gros der Besucher und speziell für Kinder werden aber wohl die realistischen Weichteil-Rekonstruktionen, die Hands-On- und Medien-Stationen interessant sein. Und deren sind viele geplant: So wird man nicht nur den Unterschied zwischen einem Neandertaler- und Homo sapiens-Schädel, sondern auch den Sensationsfund der Zwillinge vom Wachtberg in Krems, einer 2005 entdeckten, 27.000 Jahre alten Doppelbestattung von Neugeborenen, ertasten können. Man kann sich am Computer als Neandertaler "morphen" und die Fotos gleich verschicken, an einem sogenannten "CSI-Tisch" soll man in der Rolle eines Anthropologen ein virtuelles Skelett untersuchen und Alter, Geschlecht, etc. herausfinden.

Österreichs Affenfossilien

Wo es möglich war, habe man einen Österreich-Bezug hergestellt, sagte Teschler-Nicola, etwa mit kaum bekannten 16 Millionen Jahre alten in Österreich gefundenen Affen-Fossilien oder einer speziellen "Österreich-Ecke", wo "Schätze der anthropologischen Abteilung präsentiert werden. Hier finden sich auch die wenigen Originale in der Ausstellung, "wir arbeiten zu 90 Prozent mit Kopien und Repliken", und selbst gute Kopien von Fossilien zu bekommen, sei nicht sehr einfach. Zur Eröffnung werden aber für zwei Wochen originale Neandertaler-Fossilien aus Israel und Kroatien zu sehen sein.

Für alle, die sich mehr ins Thema vertiefen und weitere anthropologische Themen inklusive der belasteten Geschichte des Fachs erforschen wollen, bieten Vertiefungsstationen mit Tablet-Computern die Möglichkeit dazu. Mit einem umstrittenen Aspekt der Anthropologie-Geschichte, der Verbindung morphologischer Merkmale mit der "Rassenfrage", beschäftigt sich die Installation "Maßnahme" von Nicole Prutsch von der Universität für angewandte Kunst, die sich im Rahmen ihrer Diplomarbeit mit den "Familienanthropologischen Untersuchungen in dem ostschwäbischen Dorfe Marienfeld im rumänischen Banat" beschäftigt hat. Die Installation ist vom 22. Jänner bis 17. März im Saal neben den neuen Anthropologie-Sälen zu sehen. (APA, 11.01.2013)

  • Etwas verloren wirkt der Homo erectus noch zwischen Werkzeugen, Baumaterial und halb verborgen unter der Abdeckplane. Am 29. Jänner sollen die neu gestalteten Säle eröffnet werden.
    foto: nhm/kurt kracher

    Etwas verloren wirkt der Homo erectus noch zwischen Werkzeugen, Baumaterial und halb verborgen unter der Abdeckplane. Am 29. Jänner sollen die neu gestalteten Säle eröffnet werden.

  •  Die lebensgroßen Rekonstruktionen eines Australopithecus-afarensis-Pärchen im Nachbarsaal. Viele der neuen Ausstellungsstücke sollen auch ertastet werden können.
    foto: nhm/kurt kracher

    Die lebensgroßen Rekonstruktionen eines Australopithecus-afarensis-Pärchen im Nachbarsaal. Viele der neuen Ausstellungsstücke sollen auch ertastet werden können.

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