Froh zu sein bedarf es wenig

10. Jänner 2013, 17:13
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Die BBC hat die drei US-Schwestern Haim zu den Newcomern des Jahres 2013 gekürt. Unauffällig genug dafür klingt der hippieske Mainstream-Pop jedenfalls

In unserer Reihe "Deutsche Sprichwörter auf ihre Tauglichkeit geprüft" untersuchen wir heute: Die Wahrheit liegt in der Mitte. Als aktuellen Anlass nehmen wir die frisch gekürten Gewinner der jährlich Anfang Jänner veröffentlichten und international gewöhnlich hochbeachteten Newcomerliste "Sound of 2013".

Erstellt wird sie unter Anleitung des britischen Staatsfunks BBC von einem hochrangigen Musikexpertenteam. Dieses soll jährlich jene Popkünstler ermitteln, welche nach kleineren Achtungserfolgen im Chartsradio, in Musikblogs und Hipsterzirkeln, die sich dem Geschmack des breiten Publikums verschrieben haben, das Zeug dazu haben, im Laufe des jeweilig neuen Jahres speziell auch international so richtig durchstarten zu können.

In den Jahren zuvor waren das unter anderem Little Boots, Ellie Goulding, Jessie J, Michael Kiwanuka - und 2008 natürlich Adele. Sie ist weltweit die derzeit einzige Popkünstlerin, auf die sich alle, alle, alle einigen können. Noch dazu verkauft Adele millionenfach Tonträgerformate alter Schule. Rolling in the deep of the Geldspeicher. Das freut vor allem die nach wie vor wertkonservativ und im Mikrobereich Richtung Zukunft vorrückende Musikindustrie.

Wir sehen, um im Mainstream erfolgreich zu sein bedarf es nicht nur einer künstlerischen Ausrichtung, die ins Herz des Breitengeschmacks zielt, sondern auch der Schwarmintelligenz einer Jury, die davon ausgeht, dass hier Stars generiert werden, die ihre Alleinstellungsmerkmale nicht unbedingt aus der Musik selbst generieren, sondern über ihre Präsentation.

Man soll zwar auffallen und aus der Masse wöchentlich produzierter Konfektionsware hervorstechen, etwa durch kleine Brüche in der glatten, verträglichen Oberfläche. Zu sehr hervorheben darf man sich dann allerdings auch nicht. Das würde ein potenzielles Publikum, welches zwar gern Musik hört, sich aber nicht damit auseinandersetzen will, nur verstören.

Durchschnitt als Taktik. Dazu macht die Musik im Spektrum von Lalelu bis nachdenklich einen zart beseelten Eindruck. Die Protagonisten müssen stark wie zerbrechlich sein, dürfen den Konsumenten aber nicht mit biografisch bedingter Überpräsenz überfordern.

Meist beschränken sich die Erfolge der jährlichen BBC-Newcomer dann auf Großbritannien. Allerdings gedeihen diese lokalen Globalpopphänomene wie im Fall des letztjährigen Siegers Michael Kiwanuka und seines soulig-sanften Pops in Tradition Terry Calliers oder altvorderer Schmusesouler aus USA mit 500.000 verkauften CDs und Downloads ganz prächtig.

Heuer nun wurden drei US-Schwestern als Hoffnung auserkoren, deren weitere Geschicke zumindest zartes Interesse aufkommen lassen. Danielle, Alana und Este Haim, allesamt an der Schwelle des Twenalters stehend, wurden bereits im Dezember 2012 im Rahmen exklusiver "Showcases" für die Musikindustrie und diverse "Medienpartner" in europäischen Metropolen herumgereicht. Stichwort: Im Rahmen solch kleiner Clubkonzerte wird man das künftige Superstar-Trio nie wieder sehen können.

Das soll nicht nur die zum Zwecke solcher Promotiontouren vor eingeweihtem Publikum eingeladenen Verkäufer motivieren die Werbewalze mit Mehrwert auf Touren zu bringen. Auch die Schwarmintelligenz der auf Firmenkosten eingeflogenen Rezeptoren in den Medien darf sehr gern in die Gänge kommen.

Haim machen dabei fast alles richtig, indem sie einfach da sind. Hervorgegangen aus einer kalifornischen Familienband im Stile der guten alten Kelly Family namens Rockinhaim konnte man den Schlagzeugvater und die Gitarrenmutter dazu bewegen, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Das gab dem hippieesken Charakter der Band einerseits die Makellosigkeit der Jugend und der Generation Youtube den Vorteil, sich in den Videos nicht Eislaufeltern zu Gemüte führen zu müssen.

Andererseits konnte man mit diversen Vorabsingles wie "Forever" oder "Don't Save Me" den fröhlich-unbeschwerten, leicht freakigen, aber optisch gepflegten Charakter dieser auf jeden Fall "kalifornischen" Musik beibehalten. Auftritte im Vorprogramm der US-Tournee der mittlerweile in Amerika stadionfüllenden Straßenmusiker Mumford & Sons untermauerten dieses Image.

Angesichts eines laufenden Comebacks der alten US-Mainstream-Götter Fleetwood Mac anlässlich des 35-jährigen Jubiläums ihres Albums Rumours und der aktuellen Begeisterung der globalen Trendsportjugend für käsigen Beckentanz-Mädchenpop mit David-Hamilton-Fotooptik (unter besonderer Berücksichtigung im südamerikanischen Hochland gezogener Freizeitchemie) könnte sich eine milde Weltkarriere sogar ausgehen.

Die glatten, streng auf Oberflächenpolitur produzierten Songs mögen zwar die eine oder andere zwingende Hookline vermissen lassen, sprich: So richtig mitsingen lassen sich die Songs von Haim nicht. Weil man aber auch seitens des Produzententeams darauf achtet, modernere, zwingendere R'n'B-Sounds einfließen zu lassen, ist der nötige kommerzielle Spagat zwischen "Daytime Radio" und "Indie-Hipstertum" nicht ganz aus der Welt. Skeptiker warten einfach auf das im Frühjahr erscheinende Album - oder auf den "Sound of 2014". (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 11.1.2013)

  • Die Schwestern Danielle, Alana und Este Haim alias Haim sollen laut allgemein verordneter Meinung der Fachwelt heuer eine Weltkarriere starten.
    foto: universal/polygram

    Die Schwestern Danielle, Alana und Este Haim alias Haim sollen laut allgemein verordneter Meinung der Fachwelt heuer eine Weltkarriere starten.

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