Die Bildungsballade von Selin und Siniša

Glosse14. Jänner 2013, 12:37
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Über Zukunftschancen entscheiden oft rein die Deutschkenntnisse. Kompetenzen und kognitive Fähigkeiten der Schüler sind zweitrangig

Ich kam gegen Ende des Jahres 1991 nach Österreich. Der Zeitpunkt meiner Ankunft war ziemlich ungünstig - es war mitten im Schuljahr. Noch ungünstiger war aber die Gegend in Wien, in der sich meine Volksschule befand. Migrantenkinder wurden hier schon länger schlicht "bildungsfernen Schichten" zugeordnet als einheimische Kinder.

Wie es der Zufall wollte, kam ein türkisches Mädchen namens Selin* einige Tage nach mir in die gleiche Klasse. Sie war auch gerade frisch aus ihrer ehemaligen Heimat in Österreich gelandet und verstand wie ich kein Wort Deutsch. Noch mehr als durch ihr Kopftuch fiel sie durch ihre hohe mathematische Begabung auf. Ich mochte sie von Anfang an, auch wenn ich es nicht auf Deutsch ausdrücken konnte.

Da es in dieser Schule noch einige andere neu zugewanderte Kinder gab, organisierte man für uns einen separaten Deutschunterricht. Wir machten alle schnell Lernfortschritte und konnten schon bald aufholen. Selin, das muss ich zugeben, übertrumpfte uns alle. Während die Deutschlehrerin für uns bestimmte Aufgabenstellungen wiederholte, löste Selin währenddessen selbstgestellte Mathematikaufgaben. Manchmal hänselte ich sie deswegen.

In Deutsch wurden weder Selin noch ich regulär benotet. Die Lehrerin empfahl uns jedenfalls allen, in eine Hauptschule zu gehen, da wir dem  hohen Niveau eines Gymnasiums mit unseren mangelnden Deutschkenntnissen nicht entsprechen würden. Unsere Talente und Fähigkeiten (in anderen Fächern) spielten bei dieser Entscheidung keine Rolle.

Und so trennten sich Selins und mein Weg. Nach einem Jahr in einer Hauptschule, wo ich dann auch endlich in Deutsch benotet wurde, wechselte ich ins Gymnasium. Als ich am ersten Schultag in der Klasse Platz nahm, setzte sich kurze Zeit später ein Mädchen neben mich. Es war Selin. 

Auch sie verbrachte ein Jahr in einer Hauptschule, ihre Noten ebneten ihr auch den Weg ins Gymnasium. Die meisten anderen Migrantenkinder aus unserer ehemaligen Klasse schafften diesen Sprung nicht. Sie blieben in den Hauptschulen, ihr Deutsch wurde kaum besser. Auch einige Einheimische mussten  - trotz voriger Empfehlung der Volksschullehrerin und "entsprechender" Deutschkenntnisse - nach wenigen Semestern auf einem Gymnasium in die Hauptschule wechseln. Die Gymnasiums-Unterstufe verbrachten Selin und ich gemeinsam, danach wechselte sie in eine andere Schule. Ich sah sie erst auf der Universität wieder, wo wir beide mittlerweile unsen Abschluss gemacht haben. (Siniša Puktalović, daStandard.at, 14.1.2013)

  • Da es in der Schule noch einige andere neu zugewanderte Kinder gab, organisierte man für uns einen separaten Deutschunterricht. Ans Gymnasium sollten wir nicht wechseln.
    foto: christian fischer

    Da es in der Schule noch einige andere neu zugewanderte Kinder gab, organisierte man für uns einen separaten Deutschunterricht. Ans Gymnasium sollten wir nicht wechseln.

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